Duisburger Filmwoche

Duisburger Filmwoche 28
MATERIAL
8. bis 14.11.2004

Preisträger

3sat-Dokumentarfilmpreis für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm

Hans im Glück
von Peter Liechti

Einer macht sich auf den Weg, um eine Sucht abzulegen, die er liebt, und findet dabei die Welt wieder, in der sie entstand. Das ist ein Film, in dem die Sorgfalt und die Genauigkeit der Beobachtung zu einer reifen poetischen Form finden. Im „Vorsichhinschweizern“ zwischen Zürich und St. Gallen erlebt Peter Liechti die Qual und das Glück, nicht zu rauchen. Im Entzug schärft sich die Wahrnehmung der Dinge, die er mag und nicht mag. Der Prozess des Filmemachens wird konkret als Fußmarsch und Forschungsreise, und beim Übersteigen des Säntis wird auch filmisch sinnfällig, was es heißt, über den Berg zu sein.

ARTE-Dokumentarfilmpreis für den besten deutschen Dokumentarfilm

Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?
von Gerhard Friedl

Der Film HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN? stellt die Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland in einer experimentellen Form dar, die gängige Muster der filmischen Repräsentation von Geschichte infrage stellt. Zu sehen sind unspektakuläre Bilder von Städten, Landschaften, Fabriken, Flughäfen. Zu hören ist eine Stimme, die im lakonischen Tonfall von den Karrieren, Sitten, Spleens und Katastrophen des Großkapitals spricht. Bilder und Text laufen parallel, ohne zwangsläufig zur Deckung zu kommen. Die Montage irritiert, statt zu illustrieren. Der Film wirft Fragen auf wie: Ist Wirtschaftskriminalität abbildbar? Von welchem Standpunkt aus lässt sich heute ein Wissen über die Macht formulieren? Aber auch: Verschließt der Zweifel an der Darstellbarkeit des Kapitals die Dimension des Politischen? Oder eröffnet er diese nicht zu aller erst? Diese Positionen blieben in der Jury strittig. Jenseits dieses Streits finden wir aber die konsequente Formulierung dieser Filmsprache preiswürdig.

Förderpreis der Stadt Duisburg

Wilhelm der Schäfer
von Josie Rücker

Der Film WILHELM DER SCHÄFER thematisiert das Verschwinden einer Welt: Die Abschaffung der Schafzucht auf EU-Beschluss hat die Existenzen der Schäfer in Ostdeutschland vernichtet. In eindrucksvollen Bildern vergegenwärtigt der Film die Vergangenheit und erzählt in einem so subjektiv wie lapidar gesprochenen Kommentar die Geschichte des Schäfers Wilhelm. Ohne den Blick auf die Verhältnisse durch Sentimentalität zu verstellen, wird ein Verlust registriert. Der Rhythmus der Filmbilder erzeugt zwischen Stillstand und Bewegung ein Gefühl für Zeitlichkeit und Vergänglichkeit, das die bewusste Verwendung von 35mm-Film auf der Materialebene noch verstärkt. Auf der Tonspur erinnern verfremdete sozialistische Lieder an das Glücksversprechen einer vergangenen Gesellschaft. Die Qualität des Filmes liegt darin, dass er dieses Versprechen weder verklärt noch verrät.

Publikumspreis der Rheinischen Post

Was lebst du?
von Bettina Braun

Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts

Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?
von Gerhard Friedl

Die im Titel gestellte Frage öffnet zunächst einmal den Blick für die komplex verflochtenen Verhältnisse in Wirtschaft und Politik der Bundesrepublik. Der Film weist in seiner Beschreibung von Korruption und Filz jedoch über die nationalen Grenzen hinaus auf international entschlüsselbare Machtstrukturen. Gerhard Friedl gelingt es, beim Zuschauer ein Unbehagen gegenüber der herrschenden Machtelite zu mobilisieren. Dabei vermeidet er einfache Antworten und ermutigt stattdessen zu selbstständigen Schlüssen, indem er erfolgreich Freiräume für eigene Gedanken schafft. Dieser Interpretationsspielraum entsteht durch die nicht kausale und nicht chronologische Form des Films, verstärkt durch das Verhältnis von Bild und Text, das zwischen Nähe und Distanz oszilliert. Der gleichmäßig modulierende und damit wertende Sprecher fordert den Zuschauer heraus, eigene gedankliche und visuelle Verknüpfungen herzustellen. Der Film bewegt sich in einer Endlosschleife möglicher Zusammenhänge und Deutungen, die überall auf der Welt entwickelt und erweitert werden können.

Juries

ARTE-Dokumentarfilmpreis

Birgit Kohler (Berlin)
Jan Verwoert (Hamburg)
Brigitte Werneburg (Berlin)

3sat-Dokumentarfilmpreis

Christoph Schneider (Zürich)
Alexandra Seibel (Wien)
Fritz Wolf (Düsseldorf)

Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts

Frank Werner (Filmreferent Bereich Film, Goethe-Institut Zentralverwaltung München)
Susanne Ponn-Rassmann (Programmkoordination Bereich Film, Zentralverwaltung München)
Juliane Wanckel (Filmarchivbetreuung und Programmkoordination Film, Goethe-Institut New York)
Dorothee Ulrich (Filmarchivbetreuung und Programmkoordination Film, Goethe-Institut Lille)
Bogáta Sárossi (Programmkoordination Film, Goethe-Institut Budapest)
Andrea Jacob-Sow (Institutsleitung, Goethe-Institut Dakar)
Inge Staché (Filmarchivbetreuung und Programmkoordination, Goethe-Institut Buenos Aires)

Kommission

Werner Dütsch
Geboren 1939. Kindheit, Jugend und Schule(n) im Rheinland und im Ruhrgebiet. Filmverrückt mit 10 Jahren, Filmclubs mit 15. Arbeit in der Chemieindustrie, in Filmtheatern und in der Deutschen Kinemathek Berlin. Über drei Jahrzehnte Redakteur beim WDR in Köln: Filmprogramme, Produktion von Filmsendungen (gelegentlich auch eigene) und von vielen Dokumentarfilmen. Dozent hier und da und seit vielen Jahren an der Kunsthochschule für Medien Köln. Schreibt dann und wann. Lebt in Köln und Gent.

Margarete Fuchs
Geboren 1965. Gärtnerlehre, Studium Foto-Film-Design FH-Dortmund, Rechercheaufträge für Dokumentarfilme und Entwicklung von Dokumentarfilmstoffen. Freie Autorin und FilmemacherIn. 1994 „Eupen“, 1995 „Alps“, 1996 „Gretchens Stube“, 1997 „Letter to N.Y“, 2003 „Für den Schwung sind sie zuständig“.

Vrääth Öhner
Geboren 1965 in Linz. Studium der Publizistik- und Kommunikations- sowie der Theaterwissenschaft an der Universität Wien. Film–, Medien– und Kulturwissenschafter. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Demokratiezentrum Wien. Lehrbeauftragter an der Universität Wien. Von 1995 – 1999 Redaktionsmitglied der Filmzeitschrift „Meteor“. Arbeitet derzeit an Forschungsprojekten über „European Icons“, „Digitale Archive“ sowie zum Themenkomplex „Fernsehen – Geschichte – Gedächtnis“. Lebt in Wien.

Werner Ružička
Geboren 1947. Studium der Germanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Bochum. Ab 1974 Leiter der kommunalen Filmarbeit in Bochum. 1978-82 Mitarbeiter am dokumentarischen Langzeit-Projekt „Prosper / Ebel – Eine Zeche und ihre Siedlung“ als Regisseur und Produktionsleiter. Nach 1982 verschiedene Arbeiten für Fernsehen und Theater. Seit 1985 Leiter der Duisburger Filmwoche. Juror u.a. bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen, den Österreichischen Filmtagen Wels und beim Adolf Grimme Preis. Lehraufträge für Dokumentarfilm, u.a. an der Hochschule für Film und Fernsehen München, sowie Goethe-Institut-Seminare über Dokumentarfilm u.a. in China und Israel.

Gudrun Sommer
Geboren in der Steiermark. Studium der Philosophie in Graz und Bochum. Mitarbeit bei verschiedenen Film- und Fernsehfestivals wie der International Public Television Screening Conference, den Kurzfilmtagen Oberhausen und den Internationalen Filmfestpielen Berlin. Jurymitglied der deutschen INPUT Vorauswahl. Seit 1998 Festivalorganisation bei der Duisburger Filmwoche.

Mark Stöhr
Geboren und aufgewachsen am Bodensee. Studium der Neueren deutschen Literaturwissenschaft und der Film-, Fernseh- und Theaterwissenschaften in Konstanz, Paris und Bochum. Seit 1997 Redakteur beim Filmmagazin „Schnitt“. Zwischen 1999 und 2004 tätig für die Duisburger Filmwoche, den medien kunst verein hartware und filmtank hamburg. Seit der Spielzeit 2004/05 Redaktionsmitglied beim VfL Bochum-Stadionmagazin „Mein VfL“. Lebt in Köln.

Fred Truniger
Geboren 1970. Studium der Filmwissenschaft und Germanistik an den Universitäten Zürich, FU und HU Berlin. Ab 1992 Mitarbeiter des Int. Film-, Video- und Multimediafestivals VIPER Luzern und dort 1995 Gründer und Leiter des Multimedia-Programmes. Konzeption von Filmprogrammen und Symposien u.a. des Sonderprogrammes „Nützliche Bilder“ an den Kurzfilmtagen Oberhausen 1998. Seit April 2001 Assistent am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur an der ETH Zürich, Lehr- und Forschungsbeauftragter im Bereich filmischer Raum- und Landschaftswahrnehmung.

Filme

Was lebst Du? (Bettina Braun | DE 2004)
Der Schuh Gottes (Renata Borowczak | DE 2004)
Jona (Hamburg) (Peter Ott | DE 2004)
Que sera? (Dieter Fahrer | CH 2004)
A Area – Das Gebiet (Cristiano Civitillo, Mark Wittek | DE 2004)
Kanegra (Katharina Copony | AT 2004)
Kanalschwimmer (Jörg Adolph | DE 2004)
Wilhelm der Schäfer (Josie Rücker | DE 2004)
In Wirklichkeit ist alles anders (Joerg Burger | AT 2004)
Kurzer Abriss (Ulrike Knorr | DE 2003)
Land der Vernichtung (Romuald Karmakar | DE 2004)
Rotweinrock und Lammfellmantel (Hannah Metten, Jan Gabbert | DE 2004)
Höllentour (Pepe Danquart, Werner Schweizer | DE 2004)
Alles was wir haben (Volko Kamensky | DE 2004)
Ein Besuch im Louvre (Danièle Huillet, Jean-Marie Straub | DE/FR 2003)
Die Spielwütigen (Andres Veiel | DE 2003)
Pizzet (Ivo Zen | CH 2003)
Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen? (Gerhard Friedl | DE 2004)
Yuki (Mieko Azuma | DE 2004)
Der Ausländer (Thomas Heise | DE 2004)
November (Hito Steyerl | DE/AT 2004)
Shrimps & Schnitzel – Hilfe für Kabul (Martina Müller | DE 2004)
Jarmark Europa (Minze Tummescheit | DE 2004)
I focus on a project (Frank Henne | DE 2004)
Nicht ohne Risiko (Harun Farocki | DE 2004)
Dieses Jahr in Czernowitz (Volker Koepp | DE 2004)
Hans im Glück (Peter Liechti | CH 2003)

Extras

Material I – Stoffe
Material II – Muster

Sur la plage de Belfast (Henri-Francois Imbert | FR 1996)
No pasaràn, album souvenir (Henri-Francois Imbert | FR 2003)

Motto

MATERIAL

Ins Universum der technischen Bilder

Alles wird viel einfacher, alles wird viel billiger. Hardware zu weichen Preisen, Software dienstfertiger: Die Digitalisierung der Produktion und Postproduktion bringt uns dem idealen Dokumentarfilm immer näher. Nähe, Dichte, Diskretion.

Alles wird immer redundanter, alles wird immer gedankenloser. Keine Obligation zur Selbstbeschränkung, keine antizipierende Reflexion der Form: Das Digitale treibt uns in die Formatisierung der Wirklichkeit. Gaffen, Abbilden, Dabeisein.

Redematerial für die Filmwoche.