Duisburger Filmwoche

Duisburger Filmwoche 41
Mittel der Wahl
6. bis 12.11.2017

Preisträger

ARTE-Dokumentarfilmpreis

Atelier de conversation
von Bernhard Braunstein

Bernhard Braunsteins ATELIER DE CONVERSATION ist der glückliche Fall einer Doppelung: Gefilmt wird das Sprachlabor des Centre Pompidou, in dem sich Menschen, die die französische Sprache lernen wollen, allwöchentlich treffen, um entlang einer Auswahl von vorgegebenen Themen in eben dieser Sprache zu debattieren: Wo die Diskussionen vor der Kamera konzentriert und präzise, dabei neugierig und fast immer vorsichtig von Statten gehen, ohne dabei den zentralen Fragen von Identität, der Begegnung mit dem Fremden und dem Ineinander von Wirtschaft und Politik aus dem Weg zu gehen, entwirft Braunstein eine ebenso komplexe, insistierende, neugierige, formal klare aber doch tiefgreifende filmische Form: In einem dem Diskurs verschriebenen Festival wie der Duisburger Filmwoche artikuliert ATELIER etwas Zentrales über das Kino und die Kommunikation, wird zum Scharnier zwischen dem Sehen und dem Sprechen, dem Kino und dem Grammatikoff. Wir gratulieren Bernhard Braunstein zum ARTE-Dokumentarfilmpreis 2017.

3sat-Dokumentarfilmpreis für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm

Tiere und andere Menschen
von Flavio Marchetti

Der Film erkundet das Wiener Tierschutzhaus auf eine elegante Art und Weise. Die Institution wird beiläufig erzählt, nach und nach vermittelt sich ein Begriff davon, was Arbeit hier bedeutet. Das Fragmentarische hinterlässt keine offenen Fragen, sondern verdichtet sich aufgrund der klugen Montage zu einem großen Bild: Letztlich geht es in TIERE UND ANDERE MENSCHEN um Kommunikation – um die zwischen den Menschen und den Tieren, aber auch um die zwischen Menschen und Menschen über Tiere, wenn selbst nur einseitige gefilmte Telefonate präzise Vorstellungen über das Misslingen des Miteinanders eröffnen. Darin ist die gesellschaftliche Idee des Films erkennbar: das Tierschutzhaus als Transitzone, in der das Scheitern wohnt und Erfolg nur mit Empathie und Hingabe produziert werden kann. Unbedingt hervorzuheben an dem souveränen, umsichtigen Film ist die wache Kamera – schon weil sie für einen Augenblick den Ausflug aus dem Dokumentarischen ermöglicht, wenn der unleidliche, gepeinigte Affe Rosi die Zähne fletscht wie in „Planet of the Apes“.

Förderpreis der Stadt Duisburg

Spineless Kingdom
von Max Sänger

In Cornwall findet Max Sänger in SPINELESS KINGDOM den Entomologen Patrick Saunders vor, einen der Zivilisation entfremdeten und der Natur umso zugewandteren Walden unserer Zeit. Dabei wird deutlich, was dokumentarisches Filmeschaffen in seinem Kern kann: Menschen, die ein anderes Leben für sich gewählt haben, nicht einfach nur sichtbar machen, sondern deren Rhythmus und Körperlichkeit, Lebenseinstellung und spezifischen Blick auf die Welt spürbar zu machen. Was so entsteht ist ein Film, der seiner Hauptfigur nicht irgendwelche Logiken der Narration und Repräsentation aufdrängt, sondern umgekehrt, das Wesen seiner Hauptfigur zum Ausgangspunkt einer filmischen Form, eines dokumentarischen Blicks macht. Wir gratulieren Max Sänger zum Förderpreis der Stadt Duisburg.

„Carte Blanche“ Nachwuchspreis des Landes NRW

Spielfeld
von Kristina Schranz, Caroline Spreitzenbart

Ein Dokumentarfilm muss tun, was ein Dokumentarfilm tun muss – dahin gehen, wo die mediale Aufregung des Tagesaktuellen nie gewesen ist oder lange nicht mehr war. Lakonisch vermisst der Film mit dem sprechenden Titel SPIELFELD einen politischen Raum, den die Brisanz verlassen zu haben scheint: ein Grenznadelöhr, das EU-Europa 2015 vor Fragen gestellt hat, die von den Newsfeeds und Nachrichtenströmen nie beantwortet werden. SPIELFELD kartografiert in nüchternschönen Bildern das Leben, das unter politischem Aktionismus leidet: Stacheldrähte und Zäune, kurz: „Grenzmanagement-Systeme“, die auf Menschen warten, mit denen keiner rechnen will. Genauso wenig wie mit den Menschen, die geschützt werden sollen, denen aber in Wahrheit Alltag und Ökonomie beschädigt werden.

Publikumspreis der Rheinischen Post für den beliebtesten Film

Inschallah
von Antje Kruska, Judith Keil

Juries

ARTE-Dokumentarfilmpreis

Alejandro Bachmann
Leiter der Abteilung Vermittlung, Forschung, Publikation des Österreichischen Filmmuseums, Wien. Lehrbeauftragter an der Fakultät Theater-, Film und Medienwissenschaft der Universität Wien. Konzeption und Durchführung der experimentellen Filmvermittlungsreihe „Abgeguckt“ im Roten Salon der Volksbühne Berlin (gemeinsam mit Bernd Schoch und André Siegers). Autor zum Film in Zeitschriften (kolik.Film, nachdemfilm.de, Ray, foundfootagemagazine, desistfilm) und wissenschaftlichen Publikationen, Kurator von Filmreihen u.a für Courtisane, Diagonale – Festival des Österreichischen Films, Kurzfilmtage Oberhausen, LUFF- Lausanne Underground Filmfestival.Herausgeber der Monografie „Räume in der Zeit. Die Filme von Nikolaus Geyrhalter“ (Sonderzahl 2015)

Pepe Danquart
Studium der Kommunikationswissenschaften in Freiburg und Mitbegründer der Medienwerkstatt Freiburg. Professor für Film an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Regisseur und Produzent.
Mitglied der Academy of Motion Pictures Arts and Science, der Europäischen Filmakademie und Gründungs- und Vorstandsmitglied der Deutschen Filmakademie. Er war von 1980 bis 1987 Kommissionsmitglied der Duisburger Filmwoche. 1994 Auszeichnung mit dem Oscar® für seinen Kurzfilm „Schwarzfahrer“. Weitere Dokumentarfilme: Nach Saison (1997, df 1997), Heimspiel (1999), Höllentour (2004, df 2004), 2007 Am Limit (2007). Fiktionale Stoffe: C(r)ook (2004), Lauf Junge, lauf! (2013).

Antje Ehmann
Kuratorin, Autorin und Künstlerin. Zu ihren kuratorischen Projekten zählen u.a.: Harun Farocki. Empathy, Fundació Antoni Tàpies, Barcelona 2016; Harun Farocki. What is at Stake, Institut Valencia d’Art Modern, Valencia 2016. Zu ihren künstlerischen Projekten zählen u.a.: „Wie soll man das nennen was ich vermisse“ (mit J. Ralske 2015); „War Tropes“ (mit H. Farocki 2011); „X-Apartments Johannesburg“ (mit H. Farocki 2010). Publikationen u.a.: „Harun Farocki. Another Kind of Empathy“ (mit C. Guerra 2016); Netzkatalog „Labour in a Single Shot“, labour-in-a-single-shot.net (2011-2014); „Harun Farocki. First Time in Warsaw“ (mit A. Liebhart 2012); „Serious Games. War – Media – Art“ (mit R. Beil 2011); „Harun Farocki. Against What? Against Whom?“ (mit K. Eshun 2009). Sie lebt und arbeitet in Berlin.

3sat-Dokumentarfilmpreis

Matthias Dell
Geboren 1976. Studium der Komparatistik und Theaterwissenschaften in Berlin und Paris. Er arbeitet als Filmredakteur bei der Wochenzeitung der Freitag und ist Autor u. a. für Cargo – Film/Medien/Kultur, für epd Film und Deutschlandradio Kultur. Er verfasst eine sonntägliche Tatort-Kolumne, seit 2014 bei Neues Deutschland. Publikationen: „Über Thomas Heise“ (2014, mit Simon Rothöhler) und „‚Herrlich inkorrekt.‘ Die Thiel-Boerne-Tatorte“ (2012). Matthias Dell lebt und arbeitet in Berlin.

Marcy Goldberg
Geboren 1969 in Montreal, Kanada. Studium der Film- und Kulturwissenschaft in Toronto. M.F.A.-Abschluss 1995 mit einer Magisterarbeit über die Dokumentarfilmpraxis und die Philosophie des Alltags. Lebt seit 1996 in Zürich, arbeitet als selbständige Medienberaterin, Dozentin, Publizistin und Übersetzerin. 2000–2007 Mitglied der Programmkommission des Dokumentarfilmfestivals «Visions du réel» in Nyon. Seit 2008 regelmässiger Gast in der Radio-Talksendung «Kultur-Stammtisch» auf SRF 4 News. Aktuelle Themen für Lehre und Forschung: Dokumentarfilm, Schweizer Film, Dramaturgie.

Lena Stölzl
Geboren 1983, hat in Wien und Berlin Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert. Ihre besonderen Forschungsinteressen sind filmische Bildstrukturen, Historizität, Theorien des Dokumentarischen und Kulturgeschichte. Sie ist zurzeit Assistentin für Theorie des Films am tfm | Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien und hat soeben ihr Dissertationsprojekt mit dem Titel „Filmische Verortungen von Geschichte. Bewegungen des Sichtbarmachens historischer Schauplätze“ zur Beurteilung eingereicht.

Förderpreis der Stadt Duisburg
‚Carte Blanche‘ – Nachwuchspreis des Landes NRW

Alejandro Bachmann
Marcy Goldberg

Kommission

Till Brockmann
Geboren 1966 in Hannover, aufgewachsen im Tessin. Studium der Geschichte, Japanologie und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Seit 2001 Lehrbeauftragter der philosophischen Fakultät. Seit 1995 als Filmjournalist und Filmkritiker, mehrheitlich für die NZZ tätig. Seit 2003 Dozent für Filmgeschichte und audiovisuelle Theorie an der European Film Actor School, Zürich. Seit 2007 Dozent für Filmgeschichte an der F+F, Schule für Kunst und Mediendesign Zürich. Seit 2002 Mitglied der Auswahlkommission und Diskussionsleiter der „Semaine de Critique“, Filmfestival Locarno. Dissertation: „Handbuch der Zeitlupe – Anatomie eines filmischen Stilmittels“.

Sven Illgner
Geboren 1979 in Schweinfurt. Studium in Bochum (Politik, Filmwissenschaft, Geschichte) sowie Diplomabschluss an der Kunsthochschule für Medien Köln (Regie, Drehbuch & Dramaturgie). Zunächst freier Autor/Regisseur/Schnittmeister (WDR, NDR, Torre di Babele/Rom). Im Jahr 2011: Entwicklung und Umsetzung des Protokollarchivs www.protokult.de anlässlich der 35. Duisburger Filmwoche. Von 2012 – 2016 Produktionsförderreferent der Film- und Medienstiftung NRW (Dokumentarfilm, unabhängige Produktionen). Seit Sommer 2016 freier Dramaturg, Festivalkurator und Filmdozent in Köln.

Henrike Meyer
(*1984) studierte Theaterwissenschaft, Literatur und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin und Kunst und Medien and der Universität der Künste Berlin. 2009 machte sie einen Austauschsemester an der Cooper Union, NY. Ihr Abschlussfilm Feldarbeit und ihre Meisterschülerarbeit Heimsuchung wurden auf mehreren Festivals gezeigt, u.a. Duisburger Filmwoche, Dokumentarfilmwoche Hamburg und Dokfest Kassel. Für ihr aktuelles Projekt To appear, to represent or to be an Extra (AT) erhielt sie 2015 das Senatsstipendium für Film- und Video-Künstlerinnen und wurde 2017 zur Berlinale Doc Station eingeladen. Sie arbeitet als freischaffende Filmemacherin und Darstellerin in Berlin und ist Teil eines Filmemacher-Kollektives.

Katrin Mundt
Katrin Mundt ist freie Kuratorin, Autorin und Übersetzerin. Sie entwickelt Filmprogramme für internationale Festivals und Ausstellungshäuser wie die Videonale Bonn, den Württembergischen Kunstverein Stuttgart und den HMKV, Dortmund und ist in Juries und Programmkommissionen tätig, u.a. beim European Media Art Festival, Osnabrück, zuvor auch beim Kasseler Dokfest und den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen. Sie veröffentlicht regelmäßig zu Film und Medienkunst. Jüngst erschienen: Eva Hohenberger/Katrin Mundt (Hg.) (2016): Ortsbestimmungen. Das Dokumentarische zwischen Kino und Kunst, Berlin: Vorwerk 8.

Werner Ružička
Geboren 1947. Studium der Germanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Bochum. Ab 1974 Leiter der kommunalen Filmarbeit in Bochum. 1978-82 Mitarbeiter am dokumentarischen Langzeit-Projekt „Prosper / Ebel – Eine Zeche und ihre Siedlung“ als Regisseur und Produktionsleiter. Nach 1982 verschiedene Arbeiten für Fernsehen und Theater. Seit 1985 Leiter der Duisburger Filmwoche. Juror u.a. bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen, den Österreichischen Filmtagen Wels und beim Adolf Grimme Preis. Lehraufträge für Dokumentarfilm, u.a. an der Hochschule für Film und Fernsehen München, sowie Goethe-Institut-Seminare über Dokumentarfilm u.a. in China und Israel.

Joachim Schätz
Jahrgang 1984, arbeitet als Filmwissenschaftler und -kritiker in Wien. 2006-2013 ständiger Mitarbeiter der Wiener Stadtzeitung Falter, aktuell Wissenschaftskoordinator am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft. Co-Autor von „Amerikanische Komödie. Kino | Fernsehen | Web“ (2016), Herausgeber von „Werner Hochbaum. An den Rändern der Geschichte filmen“ (mit Elisabeth Büttner, 2011).

Filme

Die anderen Plätze (Marco Kugel, Simon Quack | DE 2017)
Egal gibt es nicht (Florian Hoffmann | DE 2017)
Anton und ich (Hans-Dieter Grabe | DE 2017)
Werner Nekes – Das Leben zwischen den Bildern (Ulrike Pfeiffer | DE 2017)
CHoisir a vingt ans (Villi Hermann | CH/DZ 2017)
Aus einem Jahr der Nichtereignisse (Ann Carolin Renninger, René Frölke | DE 2017)
Final Stage (Nicolaas Schmidt | DE 2017)
Spineless Kingdom (Max Sänger | DE 2017)
Tiere und andere Menschen (Flavio Marchetti | AT 2017)
Spielfeld (Kristina Schranz, Caroline Spreitzenbart | DE 2017)
Drift (Helena Wittmann | DE 2017)
Willkommen in der Schweiz (Sabine Gisiger | CH 2017)
Blue Velvet Revisited (Peter Braatz | DE/SI 2016)
Ka·Pụtt (Anna Irma Hilfrich | DE 2017)
Inschallah (Antje Kruska, Judith Keil | DE 2017)
Atelier de conversation (Bernhard Braunstein | AT/FR/LI 2017)
Was uns bindet (Ivette Löcker | AT 2017)
Rote Malam (Samuel Heinrichs | DE/ID 2017)
Bickels [Socialism] (Heinz Emigholz | DE/IL 2017)
Constructed Futures: Haret Hreik (Sandra Schäfer | DE 2017)
Familienleben (Irina Heckmann | DE 2017)
Super Friede Liebe Love (Till Cöster | AT/DE 2017)
Denk ich an Deutschland in der Nacht (Romuald Karmakar | DE 2017)
3 Schichten Arbeit (Christine Schäfer | DE 2017)
Mei (Dandan Liu | DE 2017)
What the Wind Took Away (Helin Celik, Martin Klingenböck | AT/TR 2017)

Extras

Thomas Heise im Gespräch mit Matthias Dell

Filmwerkstatt mit Peter Badel & Thomas Heise

Ferien eines Filmemachers (Johan van der Keuken | NL 1974)

Sichtbar Machen. Politiken des Dokumentarischen – Texte zum Dokumentarfilm, Band 20

Motto

Mittel der Wahl

Unsere Mittel der Wahl sind das Gespräch und die offene Frage. Mit ihnen nähern wir uns an. Einander und den souverän fragilen Bildern des Diesseits.

Doch sind in dieser Weltlichkeit Überzeugungen das einzig wirkliche im weiten Raum des Echten? Relativ, stabil, persuasiv. Oder gibt es jenseits der Ansichten eine apparat- und apparaturfreie Wirklichkeit? Absolut, stabil, gewiss.

Gibt sie, die Wirklichkeit, uns die Blöße?

Gleichviel, ob wir Eigentlichkeit konstruieren oder schauen; mit anderen in Kontakt zu treten, Welt zu teilen, bedarf Vertrauen – ineinander und auf Instrumente des Austauschs. Die Mittel des Dokumentarischen kommen aus der „Fabrik der Fakten“. Deren Arbeiter sind Operateure des Tatsächlichen, die sich auf Bilder verlassen.

Ihre Fakten, ihre Bilder sind gleichwohl nicht „alternativlos“. Sie sind aufeinander abgestimmt und auch die fehlenden Bilder zeigen und zeugen von entschiedener Wahl und Vertrauen auf Legitimität. Das Konstruieren und Schauen, das in ihnen liegt, ist Angebot der Begegnung, Angebot für einen Dialog.

Deswegen sprechen wir über sie: die Mittel der Wahl.