Duisburger Filmwoche

Duisburger Filmwoche 42
HANDELN
5. bis 11.11.2018

Preisträger

ARTE-Dokumentarfilmpreis

Barstow, California
von Rainer Komers

„Meine Haut fühlt sich warm und lebendig an, diesen September in Saint Quentin. Als wäre ich eine Eidechse, die sich auf einem großen Stein sonnt.“ Das sagt die Stimme des Dichters und Häftlings Spoon Jackson, während wir auf Landschaftsbilder der sonnendurchtränkten Mojave-Wüste in Kalifornien schauen. Der Film BARSTOW, CALIFORNIA (der Geburtsort von Spoon Jackson) ist sowohl ein ergreifendes Portait der Kalifornischen Wüste und des in ihr eingeschriebenen Lebens als auch eine Begegnung mit Jackson, der seit 1977 in zahlreichen Gefängnissen in lebenslanger Haftstrafe einsitzt. Komers lässt Jackson Passagen aus dessen Autobiographie verlesen, die wir im Off hören, ohne ihn selbst je ins Bild zu bringen. Stattdessen sehen wir eine virtuose und überraschende Kollage von kinematographisch eindrucksvollen Landschaftsbildern der Gegend, in der Jackson seine kurze Kindheit und Jugend verbrachte. Diese wird uns mitunter vorgestellt von zwei der 18 Brüder Jacksons, die in Freiheit leben und Auskunft geben über eine Familiengeschichte, die geprägt ist von Armut, Gewalt, Einsamkeit und Rassismus. All das wird verhandelt, ohne je ins Zentrum gerückt zu werden: So entsteht ein Bild von Spoon Jackson aus kleinen und kleinsten Teilen, die nie zu eindeutig, nie zu klar, nie zu einfach sich zueinander fügen und gerade darin den Mensch wie den Ort zum Schillern bringen. Herzlichen Glückwunsch Rainer Komers!

3sat-Dokumentarfilmpreis für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm

Kulenkampffs Schuhe
von Regina Schilling

„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen“, heißt es bei William Faulkner. Was das für die deutsche Geschichte heißt, zeigt dieser Film. Er öffnet einen neuen Blick auf die NS-Zeit und ihre Nachwirkungen, die vor einem Begriff wie „Stunde Null“ eben nicht Halt gemacht haben. Der Film tut das mit alten Bildern: mit privaten Aufnahmen vom scheinbaren Familienidyll der Wiederaufbaujahre und Fernsehmaterial aus jener Zeit. Die Geschichte eines Vaters, der bei Kriegsende ein junger Mann war, wird übergeblendet in eine Mediengeschichte der Bundesrepublik, in der die Generationsgenossen Hans Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal und Peter Alexander zu Ersatzautoritäten werden. In seiner Revision des populären Bewegtbilds der ersten Nachkriegsjahrzehnte legt der künstlerisch konsequente und erzählerisch präzise Film frei, was immer nur am Rande gesagt werden kann, weil alle von dem Gleichen schweigen: Schuld und Trauma. Nicht zuletzt ist diese Arbeit ein unbedingtes Plädoyer für die Öffnung der öffentlich-rechtlichen Archive: Was dort an Schätzen gehoben werden kann, zeigt KULENKAMPFFS SCHUHE. Und wenn die ARD den Überraschungserfolg in ihrem Sommerprogramm wirklich verstanden hat, dann muss sie einen anderen Zugriff auf solches Material möglich machen als bislang – auch um zu verhindern, dass dieser Film nach Ablauf irgendwelcher Rechte wieder verschwindet.

Förderpreis der Stadt Duisburg

Der Funktionär
von Andreas Goldstein

Dem Vater nachspüren, die Vergangenheit verstehen, sich in eine Zeit und ein Denken einfühlen: Diese drei Bewegungen setzen eine Suche in Gang, die das Zueinander von Filmemacher und Vater zu etwas Größerem machen: Insistierend und ruhig, sezierend und zugleich betroffen – in dieser Mischung aus Dringlichkeit und Vorsicht verwebt Andreas Goldstein die Systeme und Funktionsweisen des Staates und der Medien mit dem System Familie, ohne dies je in zu einfachen Analogien aufgehen zu lassen. Das kann der Dokumentarfilm: Ich sagen und sich selbst befragen und dabei nach außen deuten, um die Bedeutungen von Bildern – von Vätern, Idealen, Ideologien – zu vervielfachen und so – for better or worse – lebendig zu halten. Der Förderpreis der Stadt Duisburg geht an Andreas Goldsteins DER FUNKTIONÄR: Herzlichen Glückwunsch!

„Carte Blanche“ Nachwuchspreis des Landes NRW

Aggregat
von Marie Wilke

Von „Haltung“ reden zumeist die Leute, die keine haben. Das Wort funktioniert als Gratislob, das überall draufgepappt werden kann, weil es nie begründet werden muss. Was Haltung fürs Filmemachen bedeutet, zeigt dieser Film: Er versucht sich an einer Deutschland-Beschreibung unserer aufgekratzten Gegenwart und er hat sich Gedanken gemacht, wie das zu bewerkstelligen ist. Die Kamera beobachtet verschiedene Öffentlichkeiten – vom Bundestagsbesucherzentrum über Bürgergespräche und Pegida-Aufmärsche bis zur „Bild“-Zeitungsredaktionskonferenz – und sie tut das aus nüchterner Distanz. Zwischen den Szenen steht langes Schwarzbild: Auch damit schützt sich der Film vor jener unterreflektierten Faszination, mit der Medien häufig auf kalkulierte Beeinflussungen von rechts reagieren. AGGREGAT wird so zur Beobachtung der Beobachtung, in der sich mit Abstand betrachten lässt, was die Newsproduktion tatsächlich produziert: etwa einen absurden, weil immer nur auf Rassismen rumhackenden Fernsehbeitrag über den Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby. Die Fernsehjournalisten würden, darauf angesprochen, vermutlich sagen, sie fragen nur, was sich eh jeder fragt. Dass es komplizierter ist, zeigt Marie Wilkes Film: Hier kann man dem Framing bei der Arbeit zuschauen.

Publikumspreis der Rheinischen Post für den beliebtesten Film

Seestück
von Volker Koepp

Juries

ARTE-Dokumentarfilmpreis

Alejandro Bachmann
Leiter der Abteilung Vermittlung, Forschung, Publikation des Österreichischen Filmmuseums, Wien. Lehrbeauftragter an der Fakultät Theater-, Film und Medienwissenschaft der Universität Wien. Konzeption und Durchführung der experimentellen Filmvermittlungsreihe „Abgeguckt“ im Roten Salon der Volksbühne Berlin (gemeinsam mit Bernd Schoch und André Siegers). Autor zum Film in Zeitschriften (kolik.Film, nachdemfilm.de, Ray, foundfootagemagazine, desistfilm) und wissenschaftlichen Publikationen, Kurator von Filmreihen u.a. für Courtisane, Diagonale – Festival des Österreichischen Films, Kurzfilmtage Oberhausen, LUFF- Lausanne Underground Filmfestival.Herausgeber der Monografie „Räume in der Zeit. Die Filme von Nikolaus Geyrhalter“ (Sonderzahl 2015)

Pepe Danquart
Studium der Kommunikationswissenschaften in Freiburg und Mitbegründer der Medienwerkstatt Freiburg. Professor für Film an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Regisseur und Produzent.
Mitglied der Academy of Motion Pictures Arts and Science, der Europäischen Filmakademie und Gründungs- und Vorstandsmitglied der Deutschen Filmakademie. Er war von 1980 bis 1987 Kommissionsmitglied der Duisburger Filmwoche. 1994 Auszeichnung mit dem Oscar® für seinen Kurzfilm „Schwarzfahrer“. Weitere Dokumentarfilme: Nach Saison (1997, df 1997), Heimspiel (1999), Höllentour (2004, df 2004), 2007 Am Limit (2007). Fiktionale Stoffe: C(r)ook (2004), Lauf Junge, lauf! (2013).

Antje Ehmann
Kuratorin, Autorin und Künstlerin. Zu ihren kuratorischen Projekten zählen u.a.: Harun Farocki. Empathy, Fundació Antoni Tàpies, Barcelona 2016; Harun Farocki. What is at Stake, Institut Valencia d’Art Modern, Valencia 2016. Zu ihren künstlerischen Projekten zählen u.a.: „Wie soll man das nennen was ich vermisse“ (mit J. Ralske 2015); „War Tropes“ (mit H. Farocki 2011); „X-Apartments Johannesburg“ (mit H. Farocki 2010). Publikationen u.a.: „Harun Farocki. Another Kind of Empathy“ (mit C. Guerra 2016); Netzkatalog „Labour in a Single Shot“, labour-in-a-single-shot.net (2011-2014); „Harun Farocki. First Time in Warsaw“ (mit A. Liebhart 2012); „Serious Games. War – Media – Art“ (mit R. Beil 2011); „Harun Farocki. Against What? Against Whom?“ (mit K. Eshun 2009). Sie lebt und arbeitet in Berlin.

3sat-Dokumentarfilmpreis

Matthias Dell
Geboren 1976. Studium der Komparatistik und Theaterwissenschaften in Berlin und Paris. Er arbeitet als Filmredakteur bei der Wochenzeitung der Freitag und ist Autor u. a. für Cargo – Film/Medien/Kultur, für epd Film und Deutschlandradio Kultur. Er verfasst eine sonntägliche Tatort-Kolumne, seit 2014 bei Neues Deutschland. Publikationen: „Über Thomas Heise“ (2014, mit Simon Rothöhler) und „‚Herrlich inkorrekt.‘ Die Thiel-Boerne-Tatorte“ (2012). Matthias Dell lebt und arbeitet in Berlin.

Tereza Fischer
Geboren 1969. Studium der Publizistik und Filmwissenschaft an der Universität Zürich, Promotion zum Thema Schärfenverlagerung. Von 2003 bis 2013 Forschung und Lehre an der Universität Zürich. 2011 Mitherausgabe des Tagungsbandes «Serielle Formen», 2012 erschien die Dissertation unter dem Titel «Poetik der Schärfenverlagerung». 2007 bis 2013 Redakteurin und Mitherausgeberin des «Jahrbuchs Cinema». Seit April 2014 Leitung der Schweizer Filmzeitschrift «Filmbulletin. Zeitschrift für Film und Kino» und Vorstandsmitglied des Schweizer Verbandes der Filmjournalistinnen und -journalisten.

Lena Stölzl
Lena Stölzl hat in Wien mit einer Arbeit zu Theorien des Dokumentarischen promoviert („Filmische Verortungen von Geschichte. Bewegungen des Sichtbarmachens historischer Schauplätze“). Ihre besonderen Forschungsinteressen sind filmische Bildstrukturen, Historizität und Artistic Research. Zurzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bayreuth.

Kommission

Till Brockmann
Geboren 1966 in Hannover, aufgewachsen im Tessin. Studium der Geschichte, Japanologie und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Seit 2001 Lehrbeauftragter der philosophischen Fakultät. Seit 1995 als Filmjournalist und Filmkritiker, mehrheitlich für die NZZ tätig. Seit 2003 Dozent für Filmgeschichte und audiovisuelle Theorie an der European Film Actor School, Zürich. Seit 2007 Dozent für Filmgeschichte an der F+F, Schule für Kunst und Mediendesign Zürich. Seit 2002 Mitglied der Auswahlkommission und Diskussionsleiter der „Semaine de Critique“, Filmfestival Locarno. Dissertation: „Handbuch der Zeitlupe – Anatomie eines filmischen Stilmittels“.

Henrike Meyer
(*1984) studierte Theaterwissenschaft, Literatur und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin und Kunst und Medien and der Universität der Künste Berlin. 2009 machte sie einen Austauschsemester an der Cooper Union, NY. Ihr Abschlussfilm Feldarbeit und ihre Meisterschülerarbeit Heimsuchung wurden auf mehreren Festivals gezeigt, u.a. Duisburger Filmwoche, Dokumentarfilmwoche Hamburg und Dokfest Kassel. Für ihr aktuelles Projekt To appear, to represent or to be an Extra (AT) erhielt sie 2015 das Senatsstipendium für Film- und Video-Künstlerinnen und wurde 2017 zur Berlinale Doc Station eingeladen. Sie arbeitet als freischaffende Filmemacherin und Darstellerin in Berlin und ist Teil eines Filmemacher-Kollektives.

Katrin Mundt
Geb. 1970, freie Kuratorin, Autorin und Leiterin der Filmsektion des European Media Art Festival (EMAF) in Osnabrück. Neben der jährlichen Filmreihe VIDEONALE.scope in Köln Entwicklung von Filmprogrammen und Ausstellungen für Festivals und Kunstinstitutionen im In- und Ausland. Vorträge und Workshops an Hochschulen wie Goldsmiths College, London, KHM Köln, HfBK Braunschweig und Kunsthochschule Halle. Regelmäßige Textbeiträge zu Film und Medienkunst in Ausstellungskatalogen und Zeitschriften wie Camera Austria; zusammen mit Eva Hohenberger Herausgeberin von Ortsbestimmungen. Das Dokumentarische zwischen Kino und Kunst (Berlin: Vorwerk 8, 2016).

Werner Ružička
Geboren 1947. Studium der Germanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Bochum. Ab 1974 Leiter der kommunalen Filmarbeit in Bochum. 1978-82 Mitarbeiter am dokumentarischen Langzeit-Projekt „Prosper / Ebel – Eine Zeche und ihre Siedlung“ als Regisseur und Produktionsleiter. Nach 1982 verschiedene Arbeiten für Fernsehen und Theater. Seit 1985 Leiter der Duisburger Filmwoche. Juror u.a. bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen, den Österreichischen Filmtagen Wels und beim Adolf Grimme Preis. Lehraufträge für Dokumentarfilm, u.a. an der Hochschule für Film und Fernsehen München, sowie Goethe-Institut-Seminare über Dokumentarfilm u.a. in China und Israel.

Joachim Schätz
Jahrgang 1984, arbeitet als Filmwissenschaftler und -kritiker in Wien. 2006-2013 ständiger Mitarbeiter der Wiener Stadtzeitung Falter, aktuell Wissenschaftskoordinator am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft. Co-Autor von „Amerikanische Komödie. Kino | Fernsehen | Web“ (2016), Herausgeber von „Werner Hochbaum. An den Rändern der Geschichte filmen“ (mit Elisabeth Büttner, 2011).

Filme

Kulenkampffs Schuhe (Regina Schilling | DE 2018)
27. Februar (Marie-Thérèse Jakoubek | DE/DZ 2018)
Unas preguntas (Kristina Konrad | DE/UY 2018)
Chinafrika.Mobile (Daniel Kötter, CD/DE/NG/CN 2017)
Barstow, California (Rainer Komers | DE/US 2018)
Draußen (Johanna Sunder-Plassmann, Tama Tobias-Macht | DE 2018)
Lucica und ihre Kinder (Bettina Braun | DE 2018)
Nachbarn (Pary El-Qalqili, Christiane Schmidt | DE 2018)
Seestück (Volker Koepp | DE 2018)
Das Buch Sabeth (Florian Kogler | AT 2018)
Die Vierte Gewalt (Dieter Fahrer | CH 2018)
Walden (Daniel Zimmermann | CH 2018)
Der Patriot (Katja Fedulova | DE 2018)
Becoming Animal (Peter Mettler, Emma Davie | CH/UK 2018)
Waldheims Walzer (Ruth Beckermann | AT 2018)
Linger on Some Pale Blue Dot (Alexandre Koberidze | DE/IL 2018)
Game Girls (Alina Skrzeszewska | FR/DE 2018)
Bigger than Life (Adnan Softić | DE/MK/IT 2018)
Aggregat (Marie Wilke | DE 2018)
SPK Komplex (Gerd Kroske | DE 2018)
Den‘ Pobedy (Sergei Loznitsa | DE 2018)
Der Funktionär (Andreas Goldstein | DE 2018)
Familienleben (Rosa Hannah Ziegler | DE 2018)

Extras

Dreiecke. Rüdiger Suchsland im Gespräch mit Kristina Konrad, Constantin Wulff und Thomas Kufus

Echos. Zum Dokumentarischen Werk Werner Herzogs. Ein Lesebuch – Texte zum Dokumentarfilm, Band 21

Zehn Minuten älter (Herz Frank | SU 1978)
Die Jahreszeiten (Artavazd Pelešjan | SU 1972)

Matte Wetter (Werner Ružička, Theo Janßen | DE 1981)

Motto

HANDELN

Weniger Marktplatz für Filme, auf dem diese gehandelt werden, denn Ort der Debatte, an dem Fragen über das Dokumentarische verhandelt werden.

Handeln heißt Vorgehen: Wir laden dazu ein, „HANDELN“ als Aufforderung zu verstehen, aktiv zu werden: mit dem Blick zu entdecken, mit den anderen in Kontakt zu kommen – öffentlich. Wir wollen das dokumentarische Sehen auf das politische und individuelle Handeln hin befragen: Ist es sein Ersatz, seine Bedingung, mit ihm identisch?

Im Nacheinander von passiv-versunkenen Schauen und aktiv-engagiertem Sprechen, den ungleichen Handlungsweisen des Wahrnehmens und Redens, widmen wir uns diesen offenen Fragen.