Duisburger Filmwoche

Duisburger Filmwoche 33
ERKENNE DIE LAGE
2. bis 8.11.2009

Preisträger

3sat-Dokumentarfilmpreis für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm

Oceanul Mare
von Katharina Copony

Anhand des Lebenswegs dreier chinesischer Immigranten in Bukarest lotet Oceanul Mare auf vielschichtige Weise Formen des Fremd-Seins aus. Hier, rund um einen Markt als Umschlagplatz von Waren, kultureller Identität und Träumen, begleitet der Film eine Frau und zwei Männer auf der Suche nach Selbstvergewisserung. Souverän, mit präzisem Blick führt Katharina Copony die bestimmenden Themen des Films zusammen: Sprache als Grenze und Verständigungsmittel, ethnografische und soziale Bedingung und Entwicklung durch Bewegung. Bei Oceanul Mare korrespondieren in bestechender Weise formale Strategien und thematischer Zugang. Eine herausragende Gegenwartsreflexion, die gleichwohl Zukunftsperspektiven öffnet.

ARTE-Dokumentarfilmpreis

Zum Vergleich
von Harun Farocki

Der von der Arte-Jury ausgezeichnete Film beschreibt eine Reise: Mit der Kamera geht es durch Länder und Kontinente. Man folgt einem Gegenstand, dem Ziegelstein, Grundelement der Häuser, in denen wir leben.
Während man sieht, wie Ziegelsteine hergestellt und Häuser gebaut werden, sieht man zugleich wie radikal Bauweisen und Lebensformen sich im Lauf der Entwicklung veränderten. Ganz selbstverständliche Mitwirkung von Frauen beim Bauen hier – Hochtechnologie fast schon ohne Menschen dort.
Dem Film gelingt durch einfachste dokumentarische Beobachtung und die Kunst der Montage nicht weniger als eine Reise durch die Zeiten – eine kleine große Kulturgeschichte. Was wäre die Baukunst ohne den Ziegelstein?

Förderpreis der Stadt Duisburg

Schneeränder
von Nele Wohlatz

Neben ausgeschnittenen Schlagzeilen über deutsche Politik und Weltgeschichte kleben in den Tagebüchern der alten Frau immer wieder Bilder riesiger Tiere – das eine und das andere gleichberechtigt Seite an Seite. Nele Wohlatz folgt ihrer Oma geduldig mit der Kamera durch den Kosmos der kleinen Wohnung, in der ständig etwas abhanden gekommen scheint, sei es der Briefkastenschlüssel oder der Power-Knopf des Radios. Das Verschwinden der Erinnerung ist körperlich und geistig spürbar in einem Traum von Nilpferden. Im trüben Wasser schweben Blätter, versinken wie verlorene Bruchstücke der Vergangenheit. Ein Bild voller Friedlichkeit, aber was befand sich noch mal an der Oberfläche? Es ist nicht mehr greifbar. Der Film zeigt nicht, was das Vergessen von Geschichte für die Menschheit bedeutet; er zeigt, was das Vergessen der persönlichen Geschichte bedeutet, und wie es sich anfühlen könnte.

Dokumentarfilmpreis des Goethe Instituts

Shanghai Fiction
von Julia Albrecht, Busso von Müller

Den Filmemachern Julia Albrecht und Busso von Müller gelingt es, in einer komplexen kinematographischen Verknüpfung von vier Lebensgeschichten die persönliche Desillusionierung und den Verlust gesellschaftlicher Werte exemplarisch darzustellen. Beeindruckend ist vor allem, wie überzeugend die Regisseure den Zuschauern auch die sehr persönliche Welt der Protagonisten vermitteln.
Die Montage von privaten, filmischen Bildern und historischem Archivmaterial verbindet auf bestechende Weise verlorengegangene gesellschaftliche Utopien mit der Vereinzelung in der heutigen globalisierten Welt.

Lobende Erwähnung

Die Maßnahme
von Maik Bialk

Eine lobende Erwähnung geht an den Film Die Maßnahme von Maik Bialk, der auf sehr differenzierte Weise das vielschichtige Thema des Umgangs mit der Arbeitslosigkeit darstellt.
Mit sensiblen Fragen und genauen Beobachtungen gelingt es dem Regisseur, Betroffene und Behörden gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen. Erfolg oder Misserfolg der Maßnahme werden auf beiden Seiten völlig unterschiedlich wahrgenommen. Durch diesen Kontrast ergeht eine direkte Aufforderung an den Zuschauer, über Sinn und Neubestimmung von Arbeit nachzudenken.

Publikumspreis der Rheinischen Post für den beliebtesten Film

Korankinder
von Shaheen Dill-Riaz

Goldener Buchstabe für einen Nachwuchsfilm, der sich in besonderer Weise mit interkultureller Kommunikation auseinandersetzt

Dacia Express
von Michael Schindegger

Die europäischen Grenzen sind offen, wenn auch ein moldawisches Visum immer noch weniger gilt als eines aus Rumänien. Menschen reisen von Ost nach West und zurück, um Arbeit zu suchen, zu arbeiten, Familien zu besuchen oder als Touristen. Transportmittel und Transitraum zugleich ist der Zug, der die Reisenden mit altmodischem Rattern von Wien nach Bukarest begleitet. Kamera und Mikrofon zeichnen Gesichter und Geschichten auf: Gespräche über politische Verhältnisse, abwesende Kinder und gescheiterte Lebensentwürfe, das Verhältnis von Männern und Frauen in West und Ost und die Vorzüge des Bollywoodkinos.
Wir sehen und hören einen weiten Fächer europäischer Momentansichten, an einem Ort versammelt und von der Montage verdichtet zu einer gemeinsamen Nachtreise, bevor jeder der Reisenden wieder als Einzelner in seine Lebensroutine zurückkehrt.

Juries

ARTE-Dokumentarfilmpreis

Silvia Hallensleben, Berlin
Svenja Klüh, München
Michael Girke, Herford

3sat-Dokumentarfilmpreis

Till Brockmann, Zürich
Heike Hupertz, Friedrichsdorf
Michael Pekler, Wien

Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts

Christian Haubner, Madrid
Hans Kohl, München
Klara Konecna, Prag
Christian Lüffe, München
Inge Stache, Buenos Aires

Kommission

Werner Dütsch
Geboren 1939. Kindheit, Jugend und Schulen im Rheinland und im Ruhrgebiet. Arbeit in der Chemieindustrie, in Filmclubs, Filmtheatern und der Kinemathek in Berlin. Über drei Jahrzehnte Redakteur beim WDR: Filmprogramme, Produktion von Filmsendungen und Dokumentarfilmen – bis 2004. Dozent an der Kunsthochschule für Medien Köln.

Vrääth Öhner, Dr. phil.
Geboren 1965 in Linz (OÖ). Film-, Medien- und Kulturwissenschaftler. Studium der Publizistik- und Kommunikations- sowie der Theaterwissenschaft an der Universität Wien. Zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge zu Theorie, Ästhetik und Geschichte von Film und Fernsehen, zu Medien- und Populärkultur. Arbeitet derzeit am Ludwig Boltzmann-Institut für Geschichte und Gesellschaft an einer Fallstudie über den „Justizpalastbrand 1927 als Krisensymptom gerichtlicher Ordnungsmacht“. Lebt in Wien.

Peter Ott
Geboren 1966. Filmemacher, Produzent und Lehrer. Seit 2007 Professur für Film und Video an der Merz-Akademie, Stuttgart. 2005 Gründung der Produktionsfirma abbildungszentrum2. 2001 Gründung der Produktionsfirma abbildungszentrum oHG. 1994 Gründungsmitglied Abbildungszentrum. 1986-92 Studium an der HfbK in Hamburg, Visuelle Kommunikation. Filmografie: 2007 „Hölle Hamburg“, Spielfilm, zusammen mit Ted Gaier, 88 min., www.hoellehamburg.org; 2007 „Übriggebliebene Ausgereifte Haltungen“, Dokumentarfilm, 85 min.; 2004 „Jona (Hamburg)“, Dokumentarfilm, 86 min.), www.otthollo.de/jona; 1998 „Die Spur“, Spielfilm, 90 min. 1995 „Der Renegat“, Videomagazin fortlaufend, zus. mit Silke Fischer & Jan Peters, insgesamt 240 min.; 1993 „Teiresias 2.0“ 40 min.; 1992 „Arbeitszeit“ 30 min.; 1990 „Praktische Ethik“ 6 min.; 1988 „Rekapitulation“ 12 min.

Andrea Reiter
Geboren 1973 in Mainz (DE), kam 1984 in die Schweiz. Studium der Germanistik, Filmwissenschaft und Philosophie an den Universitäten Zürich & Köln. 2001-06 Regieassistentin & Producerin für die Dokumentarfilmproduktion Boomtownmedia in Berlin. Lebt und arbeitet als freie Autorin und Dokumentarfilmerin in Zürich. Filmografie: 2008 etoy – Mission Eternity; 2004 Lebenslust und Lampenfieber

Werner Ružička
Geboren 1947. Studium der Germanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Bochum. Ab 1974 Leiter der kommunalen Filmarbeit in Bochum. 1978-82 Mitarbeiter am dokumentarischen Langzeit-Projekt „Prosper / Ebel – Eine Zeche und ihre Siedlung“ als Regisseur und Produktionsleiter. Nach 1982 verschiedene Arbeiten für Fernsehen und Theater. Seit 1985 Leiter der Duisburger Filmwoche. Juror u.a. bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen, den Österreichischen Filmtagen Wels und beim Adolf Grimme Preis. Lehraufträge für Dokumentarfilm, u.a. an der Hochschule für Film und Fernsehen München, sowie Goethe-Institut-Seminare über Dokumentarfilm u.a. in China und Israel.

Gudrun Sommer
Geboren in der Steiermark. Studium der Philosophie in Graz und Bochum. Mitarbeit bei verschiedenen Film- und Fernsehfestivals wie der International Public Television Screening Conference, den Kurzfilmtagen Oberhausen und dem Forum der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Konzeptionen für Filmreihen (Hartware Projekte, Dortmund: 2001 „passengers – dokumentarische Positionen beim Anblick der Grenze“, 2002: „was bisher geschah: erinnerungstechniken im dokumentar- und experimentalfilm“) und Ausstellungen (u.a. G.R.A.M., Peter Piller, thanatotronics) für die Duisburger Filmwoche. Gelegentlich Beiträge für das Feuilletonmagazin „Schreibkraft“, zur Zeit redaktionell für den Themenschwerpunkt „Mitte“ tätig. Seit 2001 Projektleitung von „doxs! Dokumentarfilme für Kinder und Jugendliche“.

Filme

Ruhr (James Benning | DE 2009)
Schneeränder (Nele Wohlatz | DE 2009)
Totó (Peter Schreiner | AT 2009)
Sämtliche Wunder (Juliane Henrich | DE 2009)
Lost Town (Jörg Adolph | DE 2009)
Die Frau mit den 5 Elefanten (Vadim Jendreyko | CH/DE 2009)
Es sind noch Berge draußen (Janina Herhoffer | DE 2009)
Hughesoffka – Briefe aus dem Wilden Feld (Viola Stephan | DE 2009)
Dacia Express (Michael Schindegger | AT 2008)
Oceanul Mare (Katharina Copony | AT 2009)
Material (Thomas Heise | DE 2009)
Besprechung (Stefan Landorf | DE 2009)
Ohne mein viertes Kind (Britta Wandaogo | DE 2009)
The Wildest Guy (Sebastian Sorg | DE 2009)
Oral History (Volko Kamensky | DE 2009)
Zum Vergleich (Harun Farocki | DE/AT 2009)
Schranken (Gerd Kroske | DE 2009)
Hans im Glück (Claudia Lehmann | DE 2009)
Sounds and Silence (Peter Guyer, Norbert Wiedmer | CH 2009)
7915 KM (Nikolaus Geyrhalter | AT 2009)
Shanghai Fiction (Julia Albrecht, Busso von Müller | DE 2009)
man stirbt. (Philipp Enders, Patrick Doberenz | DE 2009)
Korankinder (Shaheen Dill-Riaz | DE/BD 2009)
Die Maßnahme (Maik Bialk | DE 2009)
Villalobos (Romuald Karmakar | DE 2009)

Extras

Spuren. Eine Archäologie der realen Existenz – Texte zum Dokumentarfilm, Band 13 (Thomas Heise, Verlag Vorwerk 8)

doxs! dok you

Berlin 10/90 (Robert Kramer | FR/US 1991)

Reichtum des Alters (Volker Köster | DE 2009)

Motto

ERKENNE DIE LAGE

Wo stehen wir?

Die Lage ist komplex – wie man so schön wie ungefähr sagt. Die Positionen sind vorläufig, und so navigieren wir gekonnt durch die fließenden Gewässer von nutzbarer Medienrealität und virtueller Geborgenheit.

Und haben scheinbar alles klar vor Augen.

Doch erst im Zögern und Zaudern offenbaren sich die automatisierten, lautlosen Mechanismen medialer Machttechniken, mittels derer sich Wirklichkeit realisiert.

Daher hält Duisburg inne und lädt zur Betrachtung und Besinnung ein.

Wie steht es um uns?