Duisburger Filmwoche
Alexander Scholz

Duisburg um-schreiben

Vernetztes Protokollieren bei der Filmwoche 1998 © Ekko von Schwichow, Berlin

Zunächst mit pädagogischer Intention, dann mit dokumentarethischem Eifer, später mit agitatorischer Verve oder essayistischem Anspruch, in andere Medien ausgreifend und endlich all dies inmitten digitaler Netzwerke: Die Geschichte der Duisburger Diskussionsprotokolle seit 1978 berührt hin und wieder Wegpunkte der Dokumentarfilmgeschichte, von der in ihnen gesprochen und geschrieben wird. Stets verlängern die Texte eine Öffentlichkeit, die den Filmen in Duisburg sowohl im Kino- als auch im Diskussionssaal zuteil wird, über den Moment des Gesprächs hinaus. Sie zielen damit ziemlich genau in das Zentrum dessen, was die Filmwoche sein möchte: ein Ort des offenen, pointierten Austauschs über die künstlerische Darstellung von Gegenwart. Weil die Protokolle dem gesprochenen Diskurs über das filmische Dokumentarische noch eine Ebene hinzufügen, indem sie ihn wiederum schriftlich dokumentieren, sind die Texte charmante Um-schreibungen. Die Autor*innen überlagern Beobachtungen zum Film mit der Beschreibung von Körper- und Sprachgesten, geflüsterte Zitate aus dem Diskussionssaal mit solchen prominenterer Stimmen aus dem eigenen Distinktionsfundus. Der Duisburger Sound will übertragen, Wegpunkte wollen verbunden werden. 

Dies hier ist nun das Archiv solcher Umschreibungen und Übertragungen. Als Sammlung hitziger und sachlicher Debatten, subtiler und plakativer Thesen ist Protokult Schauplatz eines anhaltenden Austauschs über dokumentarische Bilder. Seit 2011 online, ist das Archiv seit diesem Jahr ein Stück lebendiger und vernetzt: Alle Protokolle der Duisburger Diskussionen können jetzt durchsucht, sortiert und vielfältig inhaltlich verknüpft werden. Anhand einer detaillierten Verschlagwortung lassen sich Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte des Dokumentarfilms genauso nachvollziehen wie Verschiebungen in der Art, über ihn zu sprechen. 

Gerichtszeichnungen und Hashtags

Peter Ott erhebt Einspruch © Heiko Sievers

Als das Projekt 2011 erstmals online geht, wird es von einer Publikation in Print begleitet – auch eine Art Umschreibung. Das Nachdenken über das Nebeneinander digitaler und analoger Formen prägt überdies die Texte in dem schmalen Heft. Regisseur Bernd Schoch interviewt darin zum Beispiel den langjährigen Protokollanten Torsten Alisch. Auch Schoch sucht nach Gemeinsamkeiten zwischen den Protokollen und Filmen und spricht dabei vom Protokolleschreiben als „einem dem ‚Dokumentarfilmemachen‘ analogen Prozess der Verdichtung von Realitätserfahrung.“ Dieser sei mit der Tätigkeit von Gerichtszeichnern vergleichbar: „In Zeiten digitaler Manipulationsmöglichkeiten erlangen diese analogen Formen des Dokumentarismus anscheinend ihre ursprüngliche Bedeutung wieder: einen realitätsnahen Eindruck des Erlebten wiederzugeben“ sagt Schoch. Alisch, von 1987 bis 2010 so etwas wie der Spiritus Rector des Protokollwesens, vergleicht seine Texte derweil lieber mit Tweets oder dem Verfassen eines Blogs: „Ich hab schon immer probiert möglichst konzentriert ganz viel weg zu lassen und wirklich nur Sachen, die man verstehen kann oder wo es Spaß macht, die zu verstehen oder zu lesen, aufzuschreiben.“

Lisa Rölleke, Werner Ružička v.l. © Duisburger Filmwoche, Foto: Simon Bierwald

Die mehr und weniger freien oder zuverlässigen Versuche protokollarischer Realitätsverdichtung treffen im Protokult-Archiv nun auf die entschieden digitale Logik der Verknappung und der Verschlagwortung: Letztere versucht auf den Begriff zu bringen, was sich in Konnotationen und Kontexten in die Trennunschärfe entzieht. Die Schlagworte und ihre Kombinationen werfen ein scheinbar gliederndes Netz über Texte, die sich in den abermaligen Lektüren selbst immer wieder der Klassifikation entziehen. „Gesprächswiedergabe und -kritik, geduldiger Nachvollzug und schlauer Widerspruch, argumentatives Nachbessern oder -treten.“ So annoncierte Werner Ružička die Protokolle 1995, als man sie nach dem Festival noch postalisch versandte. Schlagworte und deren Vernetzung können das Korpus solcher Texte öffnen, nicht erschöpfen.

An der Öffnung und Eröffnung von Protokult beteiligen sich im Laufe des anstehenden Festivals vier Autor*innen in ihren Einträgen für dieses Blog. Sie haben Filme des aktuellen Programms als Fluchtpunkte für ihre Beobachtungen gewählt, die sie durch die Themen, Stile und Argumente der Filme und Texte dieses Archivs führen. Anhand ihrer Recherche in Protokult nehmen sie rote Fäden aus den Diskussionen auf und vernetzen sie mit Hilfe der verbesserten Suchmöglichkeiten. Dabei widmet sich Matthias Dell Jan Soldats Wohnhaft Erdgeschoss und geht mit dem Film auf die Suche nach dem Verhältnis von Blöße und Sorge. Mit welchen dokumentarischen Zugriff können Menschen gezeigt werden, die in ihrem Anders- oder Verlorensein nicht in vorgefertige Formen der Repräsentation passen? Mit der Prägung von Rollenbildern beschäftigt sich auch Sven Ilgners Text. Dieser geht mit Carmen Losmanns Oeconomia auf die Fährte des wirtschaftlich Anderen der Duisburger Diskutant*innen und fragt, wie dieses jeweils bildlich entworfen und diskutiert wird – sowohl mit Blick nach oben als auch nach unten. Zwischen Selbstdarstellung und Paternalismus findet er dabei ästhetische Mittel- und moralische Umwege. Lena Stölzl nimmt sich Spuren – Die Opfer des NSU von Ayun Bademsoy für ihre archivalischen Erkundungen vor. Welche Bilder lassen sich finden, um Normalität zu inzenieren, wenn diese rassistische Strukturen aufweist? Welche Praktiken der Erinnerung an rassistische Gewalt zeigen Filme, welche hallen in den Gesprächen über sie nach? Auch Friederike Horstmanns widmet sich in ihrem Text verschiedenen Dynamiken der Erinnerung – sogar der an Kunst – und thematisiert darin die Rahmungen des Archivarischen gleich mit. Der Fluchtpunkt ihres Textes ist Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist von Sabine Herpich und der Ort des Museums. Institutionell geprägten Blicken in konventionelle Räume stellt sie Beobachtungen zu perzeptorischen Dissoziationen und freigesetzter Kunst entgegen.

Zeit- und Diskursdruck

Das Schreiben vom aufgeschriebenen Reden über Dokumentarfilme, das Sortieren der Ebenen, Vergleiche und Reflexionen sowie das Verbinden von Menschen, Texten und Filmen sollte das Protokolleschreiben als konkrete Arbeit nicht vernachlässigen. 

Protokolleverteilen beim Begrüßungssekt © Heiko Sievers

2013, als ich das erste Mal zur Filmwoche kam, war das auch meine Arbeit. Ich hatte damals wenig Ahnung, was mich erwarten würde, war noch nicht „Im Bilde“ wie es das Festivalmotto versprach. Christian Lailach, nunmehr Protokult-Datenbanker, war Pressereferent und hatte mich eingeladen. Ich bezog ein bodenständiges Hotel am Stadtrand, dessen retrofuturistische Nasszellen und morgendliche Leberwurstnäpfe mir in Erinnerung blieben. Zu Beginn des Festivals lernte ich die anderen Protokollant*innen gleich beim Verteilen der Filme zum informellen Begrüßungssekt kennen. Die, die schonmal dabei waren, hatten schon Favoriten – „Ah, der neue von Serpil“, „Traust Du Dich den Heise?“, „Darf ich Nella Fantasia?“, „Muss ich jetzt das Extra?“. Außerdem wussten sie, mit welchen Text- und Pommestakt man es noch möglichst oft ins Kino schaffte. Mit ihnen folgte eine Woche geteilten Zeit- und Diskursdrucks, verkopfter bis bierseliger Korrekturrunden, wiederum engagierter Diskussionen über Filme und die Niederschrift der Diskussionen. Je älter die Woche, desto höher der Zeitdruck. Die goldene Regel – „Nie eins schreiben müssen, bevor das letzte nicht abgegeben ist!“ – wurde immer schwerer einzuhalten. Einer meiner damaligen Kollegen leitet heute das Festival. 

Die körperliche und intellektuelle Praktik des Protokolleschreibens birgt Herausforderungen. Zu Beginn versuchte ich im schummrigen Abseits, des Protokollant*innentischs möglichst alles mitzuschreiben. Bald war jedoch klar, dass das weder meinen Texten noch meinem Handgelenk zuträglich war. Ich begann, die Gedanken, die durch den Saal schwirren, kreuz und quer über das vor mir liegende Papier verteilen. Ich lauschte den Gedanken von Kommission, Filmemacher*innen und Publikum, notierte gar eigene Zwischenrufe. Nach der Diskussion verzog ich mich wortlos und brachte entweder im Filmwochenbüro der VHS oder im Hotel die hektisch mitgeschriebenen Notizen in die Ordnung von Zeilen und Sätzen. Später sah ich Protokollant*innen, die Gespräche mit dem Handy aufnahmen. Das kam mir irgendwie unehrlich vor.

Erhöhter Tastendruck bei der 5. Filmwoche 1981 © Paul Hofmann, Kinemathek im Ruhrgebiet

Auf meinem Raucherzimmer hatte ich derweil noch einen Kittlerband geparkt, der mir gegebenenfalls gedanklich auf die Sprünge helfen sollte. Auch ich wollte das „Depot der Distinktion“ erobern. Auf den Begriff kam Mark Stöhr in einem Text über die Protokolle für AusSichten, einer Publikation der Filmwoche wiederum über das öffentliche Reden über Dokumentarfilme. Mark, der für das Festival schon alles und in diesem Jahr Redakteur war, gibt darin zu: „Wenn ich die Handvoll Protokolle, die ich geschrieben habe, heute noch einmal lese, merke ich ihnen die Mühe und Verspannung an. Sie sind Simulationen – von Belesenheit, Bedeutung, Komplexität.“ Das ist ein wenig harsch. Trotzdem finde ich mich darin sofort wieder. Im Nachhinein denke ich sogar ganz gerne an das Gefühl, das solche „Simulationen“ grundierte. Weil in diesem furchtsamen Verstandeseifer etwas deutlich wird: die Erwartung nämlich, dass das Sprechen über Dokumentarfilme in Duisburg ziemlich ernst genommen wird. 

Mit dem Kittlerband auf dem Fenstersims gerüstet, war ich also von Ernst und Verspannung erfasst als ich in einem meiner ersten Protokolle Farockis Festivalbeitrag Sauerbruch Hutton Architekten eine „Dokumentation“ nannte. Später, als Teil des Filmwochenteams, lernte ich endgültig, dass dieser Begriff Werke bezeichnet, die als „unsägliche Wechselbäder aus Faktenfetischismus und opportunistischer Objektivität“ (Werner Ružička im df#41-Katalog) abzulehnen seien. Was für Filme gilt, gilt auch in diesem Fall für die Protokolle, die entgegen ihres Namens eben entschieden keine Sammlungen schnöder Fakten, sondern Umschreibungen sind. Mein begrifflicher Fauxpas wurde mir verziehen. Ich verstand, dass es in Duisburg eher darum geht, aufrichtig interessiert als mühsam distinguiert zu sein. Auch die Diskutant*innen und Protokollant*innen in diesem Archiv wissen, dass das Gefühl zugewandter und herausfordernder Offenheit im Duisburger Diskurseifer fortbesteht – solange es Spaß macht, man es verstehen kann und man es ernst meint.

Vielen Dank ihnen und allen, die dieses Projekt ermöglichten. Insbesondere dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.