Film

Die Insel
von Martin Schaub
CH 1993 | 75 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 17
14.11.1993

Diskussion
Podium: Martin Schaub
Moderation: Constantin Wulff, Didi Danquart
Protokoll: Antje Ehmann

Protokoll

Wer am letzten Tag der krisenumkreisenden Filmwoche gegen Mittag noch einmal die Augen aufschlug, konnte diesen wohl kaum trauen: Denn was man dann zu sehen bekam, lief nicht nur unter dem Titel ‚Insel‘ sondern war (gemeinsam mit Bullos Film) die pazifismusdurchtränkte Insel des Festivals selbst. Dem von problemorientierten Beiträgen allzu gebeutelten Zuschauer, (und vor allem solche landen ihren Weg in den Film und dessen Besprechung) wurde durch die Hand des Schweizer „Kritikerpapstes“ Schaub die Gnade eines Ausflugs geschenkt. Eines Ausflugs zu genau dem, was man sich klischeehaft von der Schweiz vorstellt: das ach so schöne Gebirge, die ach so schöne unverstellte Natur.

Dementsprechend war auch die Debatte des Films keine Debatte, sondern ein von verzauberten Mündern ausgehauchtes Gerede, das in freundlichem Hü und Hott, das Wenn und Aber des Films verdoppelte. Ein liebevolles Gespräch.

Eingangs entwickelt der sich ebenfalls bescheiden und friedfertig gebende Filmemacher in elaborierter Weise die (angeblich) nichtvorhandene Differenz zwischen Filmemachen und -rezensieren. Filmemachen sei mit dem Schreiben über Filme aufs Innigste verwandt, sei eine Fortsetzung mit anderen Mitteln. In der Schweiz hätte man ihn gewarnt, er solle bei seiner Sache bleiben, bzw. von ihm erwartet, nachdem er so gescheit schreibe, den doppelt gescheiten Film zu machen. Davon habe er sich nicht entmutigen lassen, diesen seinen dritten Film in Angriff zu nehmen, und wie gesagt, sei alles sowieso so ziemlich das Gleiche. Diese nicht unbedingt einleuchtende Nivellierung des Unterschieds von Bild und Wort, ‚Kunst‘ und Kritik wurde von dem eher beseelten als bedachten Publikum nicht in Frage gestellt.

Nach einem kurzen kameratechnischem Gesprächs- Intermezzo, erging man sich in Lobbekundungen – hudeleien und zarter Kritik, die sich um das Für und Wider der zuweilen vage gebrochenen Stilisierung des Films drehten.

Eigentlich, so gibt Schaub zu verstehen, habe er sich auf eine „Kitschvorwurf-Diskussion“ eingestellt. Das wurde ihm iedoch erspart, denn mit keinem Wort wurde der Kitsch des Films bemängelt. Ganz im Gegenteil: in Frage gestellt wurde seine nicht sorgfältig durchgehaltene Stringenz der Stilisierung. Man fragte sich, warum der Film sein Pathos, seine Hypertrophierung der alpinen Zivilisation und der archaisch, barfüßigen Lebensweise seiner Protagonisten · nicht auf die Spitze treibt. Ob Schaub dazu zu feige gewesen wäre?

Selbstkritisch gibt dieser zu, daß es ihm an Mut gemangelt habe auch in der Montage weiterzustilisieren. Er sei vielmehr dem minimallsfischen Prinzip der Reduktion und Perpetvierung des Themas gefolgt. Es handele sich schliefllich um eine Reportage, die den Finger darauf legen will, daß diese magische Landschaft Realität sei. Desweiteren begründet er die Einbrüche damit, daß der Film bewußt vom Ariadnefaden des Tod-Leben-Diskurses durchspennen sei. Von daher hätten die Familienszenen und die (für die befriedete Ruhe des Film allzu lebendigen Kinder) unbedingt mitaufgenommen werden müssen. Das natürliche wie umweltkatastrophische Werden und Vergehen, symbolisiert durch den Tod Mareeis und den drohenden Tod der Alp, setze sich fort in dem jungen und alten Mann, dem Ehepaar mit und ohne Kinder etc.

Vielleicht sei die vage Zurückstutzung der Stilisierung auch Ausdruck seiner eigenen Ambivalenz der Alp gegenüber – er fühle sich ihr äußerst nah und fern zugleich. Diese den gesamten Film durchziehende Unschlüssigkeit und Ambivalenz der „Idee des Loslassens“ gegenüber, entlade sich schließlich in der letzten Einstellung: Diese Schlüsselszene zeige (für den Zuschauer nicht erkennbar) ihn selbst in jenem Boot, das zwischen Um-sich-selbst-kreisen und Wegfahren hin und her schwanke. Er wolle aber betonen, daß „Die Insel“ nichts „aber auch gar nichts inszeniere“! Der Film sei Zeichen und Realität – auch wenn er zugestandenermaßen in seiner Machart Einbrüche und Risse aufweise.

Diese Teil-Selbstkritik wurde vom peace-igen Publikum schnellstens als charmant aber ungerechtfertigt zurückgewiesen, denn Schaub habe hier eine gelungene Balance zwischen dem Aufzeigen von Pathos und hartem Alltag geschaffen. Mit leuchtenden Augen bewunderte man die so glückliche Lösung der Stadt-Land-Problematik. Gewöhnlich zeitige es grauenhohe Ergebnisse, wenn Städter mit der Kamera bewaffnet aufs land flüchten, doch hier…

Der Film sei eine einizige süße Melodie – eine Nische in der entzauberten Welt. Das trieb eine Zuschauerin so weit, die eingespielte Musik (dies permanente mit sphärischen Meditationsklängen vermischte Kuhgeglocke · Musik?) des sowieso so musikalischen Films als tautologisch und somit überflüssig zu erklären.

Eine andere Filmbeglückte, die „stundenlang zuschauen könnte, wie man Käse herstellt“, den Film also nicht als Iongezogenen Schweizer Käse betrachtet, erkundigte sich nach dem Sinn des zuweilen steinesammelnden John Bergers und eröffnete damit den lezten Punkt des Gesprächs.

Auch wenn er als Germanist „Metaphern betreffend sehr belastet“ sei, habe Schaub mit den Steinen das Sisyphosmotiv andeuten wollen, im übrigen sei der gesamte Film – eine reine Metapher des Vergessens, des Mythos etc.

Es folgt ein müdes Hin und Her über die Sinnfälligkeit, überhaupt und gerade John Bergers, der als Schaub-Substitut in den Film eingeschleust wurde. Und wiederum bemängelte man lediglich den hierdurch gezeitigen Authentizitätsbruch- und nicht etwa, daß der unmutige Filmemacher den sprachbegabten Naturapostel Berger als berühmten, geachteten Kronzeugen für seine Lebensanschauung benutzt. Nachdem man die Kleidung und den etwas gestelzten Redegestus Bergers bemängelte, einigte sich das konsensfreudige Publikum denn doch darauf, daß die Einführung Bergers (und nicht etwa Botho Straussens) ein genialer Schachzug sei.