Film

Die Spur des Vaters
von Christoph Boekel
DE 1989 | 75 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 13
16.11.1989

Diskussion
Podium: Christoph Boekel, Marina Boekel (Übersetzerin, Dolmetscherin), Sylvia Regelin (Schnitt)
Moderation: Didi Danquart
Protokoll: Torsten Alisch

Protokoll

Also, ich war irgendwie ganz betroffen, von der Diskussion und so, und deshalb schreib ich das hier mal ein bißchen ausführlicher.

Der Moderator fand die Interviews mit den russischen Bauern „beeindruckend“, er hat sowas das erste Mal gesehen und das hat ihm „unheimlich gut gefallen“. Dann hat ein anderer was gesagt, der fand das „sehr mutig“ solch intimes Material zu veröffentlichen und wollte deshalb wissen, was denn der „Beweggrund“ dafür war. Der Filmemacher Chrfstoph Boekel, von Beruf Sohn, hat sich das alles erst während des Filmens überlegt, weil wir alle doch bisher nie so richtig nachgebohrt haben, wie das denn so war mit dem eigenen Vater und so, waren ja immer nur die bösen. Väter der anderen, die das damals alles gemacht haben. Irgendwie sollte Christophs Vater durch Christophs Film ein „pars prototo“ werden, also sowas wie ein Repräsentant für alle anderen Männer aus der Zeit damals. Dabei wollte der das garnicht, der hat die Tagebücher seinem Sohn eigentlich nur gegeben, damit die mal darüber reden, so zwischen Vater und Sohn. Aber hinterher, als der Vater den fertigen Film gesehen hat, war er doch ganz zufrieden: „Christoph, Du hast einen guten Film gemacht. Du hast alles verstanden“, hat Christoph während der Diskussion erzählt, daß das ihm sein Vater gesagt hat.

Und Christoph fühlte sich auch „erleichtert“, als er mit dem FiIm endlich fertig war, weil er doch die ganze Zeit befürchtet hat, da könnte was auseinanderlaufen zwischen ihm und seinem Vater. Die Schnittfrau, also die Sylvia gab dann zu bedenken, daß Christoph seinen Vater ja auch einfach hätte in die Pfanne hauen können.

Da wußte dann kurze Zeit keiner was zu sagen, bis ein: Zuschauer so nachdenklich wurde, daß ihm der Schluß vom Film wieder einfiel, also die Stelle, wo der Vater in SS-Ledermantel durch das Bild geht und man abwechselnd dazu russische Soldaten sieht, die was; erzählen. Das sei doch irgendwie ’ne „komische Art der Versöhnung“, ob der Vater denn das alles nicht verstanden hat, was Christoph mit dem Film sagen wollte. Christoph sieht das ja auch als „Gratwanderung“, aber er wollte das alles nicht bewerten, damit doch der Zuschauer selbst Konsequenzen und Schlüsse ziehen kann.

Die Interviews mit den Russen fand dann noch ein anderer ganz „beeindruckend“, da lebt. doch irgendwo “eine ganze Generation“, die über dieses ganze nie gesprochen hat, und die hat Christoph doch wirklich „fair behandelt“, in seinem Film.

Da fiel einer Frau plötzlich die These ein „Wir sind alle Opfer“, und da wurde ihr wirklich schlecht, wenn man sowas aus einem Film herauslesen könne. Aber der Film fängt doch mit dem Zuhören an, hat dann jemand gesagt, und nicht mit Reden. Der Film führe keinen Dialog, sondern der schafft vielleicht die Voraussetzung für den „eigenen Dialog“.

Jemand fühlte sich jetzt ganz „berührt“ und ein anderer fand den Film „sehr wichtig“. Christoph meinte, man muß zuhören und prüfen und versuchen, innere Zusammenhänge zu verstehen und nicht immer diese Schwarz-Weiß-Malerei machen. Nur so können wir vielleicht „tägliche Strategien entwickeln sowas zu verhindern“.

Das Anfangen zu sprechen ist auch wichtig, hat jemand gesagt.

Der nächste Redner hat den Filmemacher ganz schön angegriffen, weil er ihm den Unsinn seines ganzen Films anhand der Bilder klargelegt hat, aber der Filmemacher hat das wohl nicht ganz begriffen. Also, da sind ja verschiedene Ebenen im Film, einmal diese persönliche mit dem Vater, darüber wäre noch zu reden, aber zum zweiten gibt es da auch eine allgemeine Ebene, wo der Filmemacher sich vom Persönlichen löst und zum Großen und Ganzen des Kriegsgeschehens was sagen will, und hier tauchen im Film dann diese „Koblenzer Bilder“, also die aus dem Koblenzer Bundesarchiv auf. Das Schlimme dabei ist, wird gesagt, daß diese Bilder so völlig unbearbeitet übernommen werden, ganz im Gegensatz zum Ton und zu den Tagebüchern, in denen ja eine Auseinandersetzung stattfindet. Warum der Filmemacher diese Bilder verwendet und in welchem Zusammenhang sie stehen sollten, wird gefragt. Das wusste Christoph auch nicht so genau, weil man in jedem Film doch Bilder braucht, und er hatte da noch so viele schwarze Stellen, wo der Text hinsollte, weil der Text sollte ja ganz rein, und da hat er Bilder gesucht, die das ganze Geschehen von damals „authentisch illustrieren“, oder „Zeitcolorit reinbringen“ hat er glaub‘ ich gesagt, aber gleichzeitig sollten die nicht illustrierend wirken, wie diese ganzen Ausschnitte aus Wochenschauen, die wir doch alle schon kennen. Und da hat er diese Farbaufnahmen gefunden, die bis jetzt kaum jemand verwendet hat.

Das hätte sich der Filmemacher aber besser Oberlegen sollen, denn dieser Umgang mit diesen Bildern, also sie einfach so dazwischen zuschneiden damit der Text ganz aufgesagt werden kann, ist schon ziemlich naiv, wie ja irgendwie alles bei diesem Film und diesem ganzen „Sprechen“. Also, das hab ich mir an der Stelle gedacht, aber das mit den Bildern hat der andere dann nochmal klarer gesagt: Diese alten Aufnahmen aus Wochenschauen, also diese Propagandabilder, die sie ja eigentlich sind, die zeigen nun mal alles andere aber niemals die „Realität des Krieges“, und auf diese Weise schützt der Filmemacher seinen Vater gleich doppelt: Nicht nur, daß er immer alles „verstehe“ und das überhaupt nicht wertet, darüberhinaus baut er um den Vater noch eine „äußere Welt“ auf, die aus Propagandabildern des Nazi-Systems besteht. und die für den Filmemacher scheinbar „authentisch“ sind. Da wußte der Filmemacher aber nichts drauf zu sagen.

Da wurde es einem zu bunt und er hat gesagt: Da gibt es seit 30 Jahren Filme über und gegen den Faschismus, und alle sind eigentlich wirkungslos geblieben, und der fand total überraschend, daß die Leute, die das vorhin mit den russischen Interviews gesagt haben, daß die sich alle professionell mit Film beschäftigen, oder das jedenfalls immer sagen, daß die diese Interviews „das erste Mal“ gesehen haben wollen. Weil es gibt da wohl Kilometer von, die jetzt irgendwo rumliegen.

Aber dem gefiel dieser Film auch nicht besonders, obwohl, daß da endlich mal gezeigt wird, daß auch die Deutsche Wehrmacht Greueltaten begangen hat und nicht immer nur die SS, das verdiene schon Beachtung! Das widerspricht doch der seit 40 Jahren verbreiteten These vom guten deutschen einfachen Soldaten. Aber das dieser Film dann im Fernsehen gelaufen ist, und keiner sich drüber aufgeregt hat, über diese schreckliche Wahrheit, das ist doch komisch. Da hat er den Filmemacher gefragt: „Wie kann man einen Film so machen, daß er im ZDF so untergeht?“ Da wußte Christoph aber auch keine Antwort drauf, vielleicht hängt es damit zusammen, daß vor kurzem ein Buch über das Thema erschienen ist, oder vielleicht hat auch der Pfarrer recht, der dem Filmemacher gesagt hat, daß diese Leute von damals heute alle so verschüchtert sind, weil sie denken, wenn sie Rabbatz machen, daß dann noch viel mehr Beweißmaterial aufgedeckt wird. Naja, wie gesagt, `ne bessere Antwort wußte Christoph auch nicht.

„Die Haltung prägt den Film!“, sagt ein anderer, Oberzeugend sei, sich auf die Perspektive anderer Leute einzulassen, der Leute, die im Film auftauchen, also auf den Vater, der sich so ganz frei darstellen kann, und auf den Sohn, „schließlich haben alle von uns doch Eltern“…

Da wußte keiner mehr was drauf zu sagen, aber der Schnittfrau fiel dann die „Absurdität“ ein, die sie mit Christoph zusammen in den Film bringen wollte: Das sei doch absurd, wie der Vater da im „ganz normalen Kriegsalltag“ an die Kälte denken würde (die Kälte im Winter – d. Protokollant) oder ans Zigarettenklauen … dieses arme „Menschlein im riesigen Kriegsgefüge.“

So gehe das aber nicht!, empört sich jemand, der Vater begeistere sich doch schließlich auch an den Erschießungen, und er könne sich noch mit Heidegger und Jaspers und humanistischen Theorien theoretisch auseinandersetzen. Das passe dann genau zur Logik der Dokumentaraufnahmen, also denen aus Koblenz, wie die im Film verwendet werden. Mehr hat der Redner dann aber nicht gesagt, und deshalb war auch keiner da, der darauf was erwidern wollte. Das war dem Moderator wohl nicht ganz recht, diese Stille, und er hat die Übersetzerin Marina gefragt, weil der Christoph sie im Film das ja auch gefragt hat. aber sie dann nicht darauf antworten durfte, weil der Christoph ihre Antwort einfach abgeschnitten hat, wie sie denn den Vater einschätze, ob er denn eher „Täter“ oder „Opfer“ sei. Marina wollte dann aber nicht so auf die Schnelle den Henker spielen, schließlich ist das alles ja sehr kompliziert und komplex, und sie hat dann gefragt, wie sie denn ihre sowjetischen Landsleute beurteilen soll, also die, die damals in Afghanistan einmarschiert sind, die wollten das doch auch nicht, oder jedenfalls haben die das nicht freiwillig gemacht.

Da war dann wieder so eine Betroffenheitspause, mit Kopfnicken und so, bis jemand gefragt hat, wie der Film denn in Moskau angekommen sei. also wie sowjetische Zuschauer beim Moskauer Filmfest reagiert hätten, weil der doch da mal gelaufen ist. Aber Christoph meinte, der wäre da noch gar nicht gelaufen, er hat den Film nur sowjetischen Bekannten gezeigt, und die seien sehr dankbar gewesen für die Differenzierung dieses Themas. Für die ist der ganze Stalinismus ja immer noch so ein Monstrum. und die werden da jetzt wohl auch anfangen müssen solche Filme zu machen.

Weil dann jemand wissen wollte, wie die Zusammenarbeit war, hat die Schnittfrau genau erzählt, wie sie mit Christoph zusammen drei Tage lang sämtliches Material gesichtet hat, und wie ihnen da oft ein riesiger Kloß im Hals steckte. Sie haben dann 7 Monate an dem Film gearbeitet und lange Zeit Oberhaupt nicht gewußt, wie sie den Film überhaupt zu Ende bringen sollen, wie sie denn auf diese ganzen Fragen eine Antwort geben können.

Christoph hätte ja auch vieles gerne drin gelassen, was jetzt draußen ist, und der Film hätte auch eine Länge von 90 Minuten gut vertragen, weil es doch so wichtig ist, daß man Leute ausreden läßt, und daß man dann noch sieht, wie sie rausgehen und die Tür zumachen, sowas sagt doch auch so viel.

Zum Schluß hat noch jemand gefragt, wie die Mutter von Christoph den Film denn fand, weil die Briefe des Vaters doch an seine Mutter gerichtet waren. Christoph hat dann erzählt, daß die schon lange tot ist, und daß die nie mit seinem Vater darüber geredet hat , also über diese Tagebücher und das alles. Die Ehe ist in den Fünfzigern auch zerbrochen, weil ihr Mann aus dem Krieg so ganz anders wiederkam. Der war ein ganz anderer als der, den sie mal geheiratet hatte.

Naja, das war dann alles so traurig, und dann fing der nächste Film schon an, und deshalb war dann auch Schluß, mit dem Sprechen.

Anmerkungen zum Protokoll

Um es glatt herauszusagen: Das von Torsten Alisch verfaßte Protokoll der Diskussion über den Film von Christoph Boekel hat Streit ausgelößt. Sowohl der Diskussionsleiter Didi Danquart als auch Teilnehmer der Diskussion haben an ihm Fehler und Mängel festfestellt. Gleichzeitig halten wir die Haltung des Protokollanten für falsch, an dieser Filmdiskussion beispielhaft einen bestimmten, ihm problematisch scheinenden Diskussionsstil zu kritisieren. Indem Torsten Alisch seinen Unmut an dem Film von Chrstoph Boekel sowie der Diskussion ausließ, funktionalisierte er beide. Und das· ist Christoph Boekel wie den Teilnehmern der Diskussion gegenüber weder fair noch korrekt. Eine solche Kritik müßte öffentlich – als Diskussionsbeitrag beispielsweise – oder allgemein in einer Analyse mehrerer Diskussionen formuliert werden.

Wir bitten Christoph Boekel und die beteiligten Gäste um Entschuldigung. Gleichzeitig bitten wir Torsten Alisch seinen (durchaus berechtigten) Unmut an Manchen Duisburger Diskussionsweisen noch einmal zu präzisieren und am Material aller von ihm protokollierten Diskussionen zu exemplifizieren. Diesen Beitrag sowie ein neues (am Tonbandmitschnitt überprüftes) Protokoll der Diskussion über “Die Spur des Vaters“ wird nach Ende der Filmwoche vervielfältigt und den akkreditierten Teilnehmern sowie allen Interessenten, die am Stand der Filmwoche ihre Anschrift hinterlassen, zugestellt. Daß die Erregung um das Protokoll – Übrigens auf beiden Seiten – für einige Zeit für Unruhe sorgte, ist verständlich. Auch dafür bitten wir um Entschuldigung. Andererseits gehört der Protokoll-Skandal zur Filmwoche wie der ZOO zu Duisburg.