Duisburger Filmwoche

Film

Augusts Orte
von Valérie Pelet
AT 2021 | 41 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 45
12.11.2021

Diskussion
Podium: Valérie Pelet
Moderation: Anja Dreschke
Protokoll: Patrick Holzapfel

Synopse

Die Hitze drückt und die Geschichte. Im europäischen Urlaubsmonat fährt die Filmemacherin von Marokko nach Österreich, sie folgt der Fluchtroute ihres Schwagers. Zwischen Reisefreiheit und Bewegungslosigkeit, aktuellen Urlaubsbildern und gefährlichen Grenzüberquerungen, historischen und persönlichen Grenzgeschichten begibt sich der Film an die Orte des Geschehens. Eine surreale wie reale Gleichzeitigkeit in einem nicht für alle grenzenlosen Europa.

Protokoll

Am 19. August 1839 wurden die Wirkweisen der neu erfundenen Daguerreotypie der Öffentlichkeit in Paris vorgestellt. Es musste im August sein, bemerkt Filmemacherin Valérie Pelet im Gespräch mit Anja Dreschke aus der Auswahlkommission. Ihr Film „Augusts Orte“ wäre von diesem Sommermonat beseelt. Sie konnte vor allem im August drehen, wenn die Welt ihr Zeit für ihr Kino ließe. Und im August geschah auch allerhand, was die historischen migrantischen Bewegungen auslöste, von denen in „Augusts Orte“ die Rede ist. Dieses wiederholte Auftauchen eines Monats, in den Geschichten, die man erzählt, erinnert an W.G. Sebald, der wahrscheinlich viel mit den Streifzügen durch ein Europa der sich suchenden Identitäten hätte anfangen können.

Das Gespräch wendet sich wiederholt den „Schichten“ zu, dem diesjährigen Motto der Filmwoche. Dreschke interessiert sich für das Ordnungsprinzip des Films. Pelet vergleicht ihre Narration mit Feuille volantes (wörtlich: fliegende Blätter), also einem Notizbuch, einem Reisejournal. Sie habe auf historische Migrationsbewegungen geblickt, Schichten und Blöcke aneinandergereiht. Die Arbeit am Film selbst wäre geschichtet, wirft Dreschke ein. Sie spielt darauf an, dass Pelet zunächst mit einer Digitalkamera drehte, um später mit einer Filmkamera von Neuem anzusetzen. Das erinnert durchaus an die Praxis von Malern, die übermalen und übermalen und übermalen, um Bilder zu schaffen.

Tatsächlich habe das Projekt bereits vor einem Jahrzehnt seinen Ausgang genommen. Pelet arbeitete als Locationscout für Florian Flickers „Grenzgänger“. Statt des Hauses, das sie für den Film suchte, habe sie Geschichten gefunden. Geschichten, die nicht mehr in die Landschaft des ehemaligen Eisernen Vorhangs passten. Sie verstehe sich als Landvermesserin, sagt die Filmemacherin auch im Hinblick auf ihre analoge Arbeit. Sie vermesse den Abstand zwischen sich und den Menschen sowie Landschaften, von denen sie erzählt. Das Belichtungsgerät sei dafür bedeutend. Aus dem Publikum bringt Alejandro Bachmann aus der Auswahlkommission die Frage des ankommenden Lichtes, auf die im Film formulierte Metapher: Wie lange dauert es bis sich etwas auf dem Material einschreibt? Damit finden Film und Gespräch eine Brücke zwischen den ontologischen Fragen der Photografie und dem Verhältnis von Geschichte und Landschaft. „Augusts Orte“ dreht sich immer auch um Bilder, die es gar nicht gibt, die aber, sobald das Licht auf die Linse trifft, doch nochmal entstehen können.

Die Landvermesserin: Damit wirft Pelet einen Begriff in die Runde, der oft mit Gerhard Friedl in Verbindung steht. Ihre suggestive, auseinanderdriftende und sich dann doch wieder findende Arbeit zwischen Bild und Ton erinnert auch an den verstorbenen Filmemacher.

Ein weiteres Thema der Diskussion ist die Präsenz von Tieren, insbesondere eines Hirsches. Der Film habe den Arbeitstitel „Das Theorem des Hirsches“ getragen, erzählt Pelet. Sie habe sich sehr für die Imitation tierischer Verhaltensweißen bei denen, die sich über Grenzen bewegen, interessiert. Dabei spielt sie auf die Verwendung von Schuhwerk („Rehschuhe“) oder Tarnungsmechanismen an. Den Begriff der Tarnung greift Dreschke auf, um über die verborgenen Identitäten im Film nachzudenken. Das führt am Ende des Gesprächs zurück zu den Schichten. Orte – Von Orten überhaupt, so könnte man sich dem Film auch annähern; die vergangenen Reisen verdichten sich zu einem Schichtbild Europas. Touristinnen, Arbeiter, Tiere, sie alle bewegen sich durch die Zeit und gleichzeitig. Genua, Milan, die österreichische Grenze, Wien. Eine „Schieberei“ in der Montage wie Pelet sagt, ein „Film der Dissonanzen“ wie Dreschke festhält, ein Film wie der Blick aus dem Fenster eines fahrenden Buses, den die Filmemacherin im Gespräch evoziert. Man fährt und denkt, erinnert sich und sieht die Welt vorbeifliegen.