Film

Schatila
von MW Freiburg
DE 1988 | 45 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 12
12.11.1988

Diskussion
Podium: Mike Schlömer, Bertram Rotermund (MW Freiburg)
Moderation: Werner Ružička
Protokoll: Michael Kwella

Protokoll

Zur Entstehung des Videos: Im Dezember 1987 sei Ingeborg Koßmann, die acht Jahre lang für Medico International in Beirut gearbeitet habe, mit zehn Stunden Material an die Medienwerkstatt (MW) Freiburg herangetreten. Nur durch ihre Kenntnis der Situation sei das Material organisierbar gewesen. „Schatila“ repräsentiere nicht das Gesamtmaterial im Verhältnis 1:1 (alleine ein Drittel hätte die Situation im Krankenhaus gezeigt), sondern sei anders strukturiert, wobei alle gedrehten Gespräche (gekürzt) beibehalten worden seien. Die MW habe zusätzlich an einigen stellen kommentierend in das Video eingegriffen, um die Situation in Nahost wenigstens etwas deutlicher werden zu lassen, über den Verbleib des Kameramannes Jussuf All Naffa gäbe es keine Information, den letzten Kontakt hätte es im Januar 88 über Ingeborg Keßmann gegeben.

Von den Zuschauern wurde das Video immer wieder als beeindruckend und erschütternd bezeichnet, gleichwohl wurden im Gespräch in erster Linie formale Fragen angeschnitten.

So hatte die relativ lange, emphatische Rede eines Palästinensers am Schluß des Videos bei etlichen Zuschauern Irritation ausgelöst: Sie würde nur noch einmal thematisieren, was das Video schon gezeigt habe, würde durch ihre Emotionalität möglicherweise die Äußerungen der Männer und Frauen vorher im Nachhinein zur bloßen Rhetorik reduzieren.

Mike: Diese Rede sollte einerseits für die Proklamation von Solidarität stehen, andererseits auch Ausdruck von Absurdität sein: Den einen Tag bekämpften sich die palästinenschen Gruppierungen, den anderen würden sie sich gegen den zionistischen Feind zusammenschließen; immer wieder müsse man sich eben mit wechselnden Bündnispartnern zusammentun.

Gelobt wurde von verschiedener Stelle die Knappheit des Kommentars, gefragt nach seiner Entstehung gefragt. Mike: Der erste Rohschnitt hätte keinen Kommentar enthalten und zu vieles offen gelassen: Wen, was sähe man da gerade? Außerdem sei die Situation in Nahost für uns sowieso kaum noch zu begreifen, und so hätte sich die MW für ein Minimum an kommentierendem Text entschieden. Und für die eingeschobenen Kommentarblöcke (zu den SW-Bildern) hätten sie sich -entschieden, um Ruhepunkte zu schaffen und einen Teil der Dramatik des Originalmaterials zurückzunehmen.

Werner Ruzicka, sich auch auf eine Kritik von Dietrich Kuhlbrodt berufend, thematisierte zwei Probleme dokumentarischen Arbeltens: In einer Szene seien Menschen beim Brotbacken zu sehen, während im Kommentar zu hören sei: „Bald werden sie von Ratten und Hunden leben.“  Und an anderer Stelle werde über nervöse, eingeengte Kinder gesprochen, während die Kinder im Bild der Kamera fröhlich das Siegeszeichen entgegenstrecken würden.

Mike: Die Bilder würden nur einen Ausschnitt zeigen; die MW hätte zusätzlich schriftliche Informationen zu der damaligen Situation im Lager gehabt. Man könne Krieg nicht nur mit Schußwechsel gleichsetzen, denn das Schlimme des Krieges seien ebenso fehlende Vorräte, bröckelnde Decken und Wände, Tote durch Verseuchung des Trinkwassers. Die wirkliche Lage im Bunker habe sich nur durch Bilder und Texte darstellen lassen, und so sei diese Bild/TextSchere entstanden – eine Lösung, der er selbst nur hilflos gegenüber stünde. Bertram: Die Bilder vom Brotbacken würden doch lediglich zeigen: noch funktioniere die Versorgung. Ohne den Kommentar bliebe die Bedeutung dessen, daß (später gezeigt) die LKWs mit Nahrungsmitteln nicht bis zum Lager durchgekommen seien, unverständlich.

Ruzicka wollte die Frage nach dem Verhältnis von Bildern und Kommentar noch einmal zuspitzen, auch nach den Grenzen von Bildern des Schreckens und ihrem spekulativen Gebrauch fragen. Er bezog sich dabei auf die Textpassage „Sie hatten keine Narkosemittel mehr.“, nach der man (undeutlich nur) eine Operation sähe und ein schreiendes Kind höre.

Mike: Jussuf hätte Aufnahmen gemacht, deren Grauen er auch nach zehnmaligem Anschauen am Schneidetisch nicht aushalten könne. Die eingeschnittenen Bilder seien noch die „Harmlosesten“; auf schlimmere hätten sie verzichtet, weil Zuschauer danach minutenlang nicht aufnahmefähig für das Video wären. Ihre Kenntnis des Gesamtmaterials sei dann jedoch über den Kommentar eingeflossen.

Ruzicka hatte an früherer Stelle geäußert, das Reden über das Handwerkliche könne bei Gesprächsteilnehmern möglicherweise Unbehagen auslösen; dies möge doch dann artikuliert werden. Ein Zuschauer tat dies jetzt: Er sei erschrocken, wie sehr der Formdebatte gehuldigt werde. Früher sei oft über Inhalte gesprochen worden, doch im Moment würden die Inhalte ganz rausfallen. Er verstünde nicht, daß das Video nicht in seiner Gesamtheit, die Wirkung erziele, betrachtet würde, sondern eine Sezierung in kleinste Stücke stattfände. Im Publikum fand dieser Einwurf keine Resonanz.

W.R.: Die Freiburger hätten uns ein Stück Arbeit abgenommen: Die Reflexion, wie man mit Bildern von Elend, Verletzung und Tod denn heute umgehen könne. Er frage sich, warum ihn das Bild vom reglosen toten Kind mehr erschüttert habe als die Bilder von der Operation – und was wir noch an Bildern bräuchten, um Regung spüren zu können.

Mike: Die Bilder hätten einen eigenen Stellenwert; da sei nicht jemand in eine Situation hineingegangen, um zu filmen und danach wieder rauszugehen. So hätten die Bilder einen Eindruck von Direktheit gewonnen, dem man sich nicht entziehen könne; sie hätten sich beim Schnitt dem Blickwinkel von Jussuf angenähert.-