Friederike Horstmann

Einführung: First in, First out, November & Eine Million Kredit ist normal, sagt mein Großvater

Vom 12.-16. September 2026 war die Filmwoche im Berliner Kino Arsenal zu Besuch, um im Rahmen des Jubiläumsprogramms unter dem Titel „Poor Pictures – 50 Jahre Gegenwart“ in fünf Programmen neun Dokumentarfilme aus dem Zeitraum 1990 bis 2023 zu zeigen. Friederike Horstmanns Einführung zu Hito Steyerls NOVEMBER, Zacharias Zitounis FIRST IN FIRST OUT und EINE MILLION KREDIT IST NORMAL, SAGT MEIN GROSSVATER von Gabriele Mathes lesen Sie hier.

Herzlich willkommen zum zweiten „Arme Bilder“-Abend im Arsenal! Was ist ein armes Bild? Vielleicht zunächst eines, das nicht alles zeigen kann. Eines, dessen Auflösung nicht ausreicht, dessen Oberfläche beschädigt ist, dessen Farbe verblasst oder dessen zweifelhafte Herkunft sich nicht mehr eindeutig bestimmen lässt. Ein Bild also, das nicht souverän über das verfügt, was es zeigt. Aber gerade deshalb vielleicht etwas sichtbar macht, das dem perfekten Bild entgeht: seine eigenen Bedingungen. Es zeigt nicht nur eine Wirklichkeit, sondern auch die Schwierigkeiten, diese festzuhalten, zu erinnern, zu verstehen.

Unser Programmtitel „Poor Pictures“ nimmt Bezug auf Hito Steyerls 2009 erschienenen Essay „In Defense of the Poor Image“.1 Darin beschreibt Steyerl das „Poor Image“ als ein Bild, das seine ursprüngliche Form, seine hohe Auflösung und seinen privilegierten Ort verloren hat: kopiert, komprimiert, weitergegeben, heruntergeladen, verändert, aus Archiven herausgelöst und in neue Zusammenhänge versetzt.
Das „Poor Image“ ist bei Steyerl nicht einfach ein qualitativ minderwertiges Bild. Seine Armut bezeichnet vielmehr eine soziale und politische Position innerhalb einer Hierarchie der Bilder. Es ist „ein Lumpenproletarier in der Klassengesellschaft der Erscheinungen“.2 Auf der einen Seite stehen die wertvollen, hochauflösenden, geschützten Bilder. Auf der anderen die Bilder, die freier zirkulieren, weil sie ihren Wert verloren haben – oder nie als wertvoll angesehen wurden.

Unser Programm heißt allerdings nicht „Poor Images“, sondern „Poor Pictures“ – nicht weil wir Fan-Freund:innen von Alliterationen sind. Uns geht es nicht nur um die von Steyerl beschriebene Zirkulation digitaler Bildkompressen, sondern auch um analoge Bildwelten: um Super-8, Video, Archivmaterial, Fernsehbilder, private Aufnahmen, kopierte und wiederverwendete Bilder. Es geht um Bilder, die Spuren ihrer Herstellung und ihrer Überlieferung tragen. Ihre Armut kann technisch sein, aber ebenso ökonomisch, biografisch oder politisch.

NOVEMBER, Hito Steyerl, DE/AT 2004

Das lässt sich heute Abend auf unterschiedliche Weise beobachten. Hito Steyerls Film NOVEMBER arbeitet mit einem Super-8-Film, mit Fernsehbildern und Fotografien, um vordergründig der Geschichte ihrer Freundin Andrea Wolf nachzugehen. Gabriele Mathes nutzt in EINE MILLION KREDIT IST NORMAL, SAGT MEIN GROSSVATER alte Super-8-Aufnahmen aus dem Familienarchiv und legt mit ihnen eine Geschichte über Verschuldung, Verdrängung und Vertuschung frei. In Zacharias Zitounis FIRST IN FIRST OUT wird die alte Videokamera des Vaters selbst zum störanfälligen Instrument einer Suche nach einer verdrängten Familiengeschichte.3

NOVEMBER ist ein 25-minütiger Essayfilm, den Hito Steyerl 2004 für die Manifesta 5 in San Sebastián realisierte. NOVEMBER beginnt mit Bildern, die zunächst recht harmlos wirken. In den frühen 1980er-Jahren drehte Steyerl als Jugendliche gemeinsam mit ihrer Freundin Andrea Wolf einen feministischen Martial-Arts-Film auf Super-8. Junge Frauen kämpfen darin mit bloßen Händen gegen bewaffnete Männer. Die Gesten des Widerstands sind zugleich spielerisch, überzeichnet, dem Genrekino entlehnt. Lederkleidung, Motorräder, Kampfszenen: Die fröhlich-emanzipatorische Selbstermächtigung erscheint zunächst als Pose, als Bild, als Aneignung einer filmischen Sprache. Was später politische Praxis werden wird, existiert hier zunächst als Amateur-Actionfilm-Fiktion.

Fünfzehn Jahre später stirbt Andrea Wolf als Kämpferin der PKK im kurdischen Unabhängigkeitskrieg in der Türkei – die genauen Umstände ihres Todes wurden nie von einer Regierung anerkannt oder aufgeklärt. Im Film kehrt ihr Gesicht in einer anderen Bildform wieder: als das Gesicht einer Märtyrerin, als revolutionäres Pin-up auf Propagandaplakaten und bei Demonstrationen. NOVEMBER ist kein Film über Andrea Wolf. Er ist ein Film über die Bilder, in denen sie erscheint – und darüber, wie sich deren Funktion verändert: Aus einer Fiktion kann im Rückblick ein Dokument werden, aus einem Dokument ein politisches Symbol. Als bildtheoretischer Essay interessiert sich NOVEMBER für solche Übergänge. Bilder werden umgedeutet, politisiert und neu gelesen: Die jugendliche Pose wird nicht einfach zum Ursprung einer späteren revolutionären Biografie, das Märtyrerinnenbild nicht zur eindeutigen Wahrheit über Andrea Wolf, die Fernsehdokumentation nicht zum neutralen Zeugnis.

Auch Steyerls Erzählperspektive selbst bleibt ambig verstrickt: „Not I tell the story, but the story tells me“ – nicht sie erzählt die Geschichte, sondern die Geschichte spricht durch sie. Steyerls Voice-over kommentiert und zweifelt. Ihre Stimme ist damit nicht souverän-distanziert, sondern emotional, affektiv involviert. NOVEMBER beruhigt die Bilder nicht, sondern lässt sie widersprüchlich stehen – lässt Geschichte nicht als abgeschlossen erscheinen, sondern als etwas, das ausgetragen wird.

EINE MILLION KREDIT IST NORMAL, SAGT MEIN GROSSVATER, Gabriele Mathes, AT 2006

Auch der zweite Film des heutigen Abends beginnt mit Bildern, die etwas anderes zu erzählen scheinen, als man zunächst erwartet. EINE MILLION KREDIT IST NORMAL, SAGT MEIN GROSSVATER von Gabriele Mathes besteht größtenteils aus Super-8-Aufnahmen, die der Vater der Filmemacherin in den 1960er- und 1970er-Jahren aufgenommen hat, ergänzt durch eigenes Material aus den frühen 1980er-Jahren. Zu sehen sind auf den ersten Blick Bilder eines kleinbürgerlichen Wiener Familienlebens, das eine fremde Vertrautheit erzeugt: Einbauschrank mit Farbfernseher, Ausflüge in die Berge, Ball spielende Jugendliche im Garten – Aufnahmen, deren Farbe pastellig verblasst und deren Materialität leicht kratzig und körnig ist.

Zu diesen ausgewaschenen Bildern spricht eine Stimme aus dem Off, die eine andere, in den Bildern selbst nicht sichtbare Geschichte erzählt. In rapportartig knappen, oft anaphorisch wiederholten Hauptsätzen berichtet sie in der ersten Person Singular von Hypotheken, Schamgefühlen und Vertuschungsstrategien gegenüber Nachbar:innen und Verwandten. Diese nüchterne, markant strenge, von der österreichischen Schauspielerin Stefanie Dvorak gesprochene Stimme widerspricht den Bildern, ohne sie zu widerlegen. Bild und Text fügen sich nicht zu einer glatten Einheit: Sie lassen Lücken, berühren und verfehlen sich. Man beginnt, in der vertrauten Ikonografie der privaten Erinnerungsfilme nach Spuren dessen zu suchen, was die Stimme erzählt – ohne genau zu wissen, wie diese Spuren aussehen könnten. Und vielleicht findet man etwas, das man aus den verdächtig werdenden Bildern heraus- oder besser: in sie hineinliest. Es entsteht eine forensische Bildlektüre, die in einem scheinbar nebensächlichen Moment einen Hinweis zu erkennen meint. Doch der Film verweigert die Sicherheit, genau zu bestimmen, was außerhalb der Aufnahmen liegt.

Die Geschichte eines kleinen, familiengeführten Möbelbetriebs ist dabei weit mehr als eine reine private Familientragödie. In ihr verdichten sich Aspekte österreichischer Mentalitäts- und Wirtschaftsgeschichte der 1970er-Jahre: der Übergang von handwerklicher und kleinbetrieblicher Produktion zu industrieller Massenproduktion, der zunehmende Druck des Marktes und die Vorstellung, dass Kredite notwendig seien, um mithalten zu können. Der Filmtitel – ein Zitat, das dem Großvater der Filmemacherin in den Mund gelegt wird – bringt diese Normalisierung von Verschuldung und wirtschaftlichem Druck auf einen bitter-lakonischen Punkt.

So unterschiedlich EINE MILLION KREDIT IST NORMAL, SAGT MEIN GROSSVATER und NOVEMBER in Thema und Tonfall sind, verbindet sie doch eine ähnliche Bewegung: Beide gehen von privatem, aus heutiger Sicht technisch „armem“ Bildmaterial aus – von Super-8-Aufnahmen, und beide nehmen ihre Bilder ernst, ohne ihnen zu vertrauen. Sie arbeiten mit einer nachträglichen, oft aus dem Off gesprochenen Erzählung, die dem Bildmaterial eine neue, manchmal quer zu ihm liegende Bedeutung verleiht. In beiden Filmen liegt das Entscheidende nicht allein im maroden Material, sondern entsteht zwischen Bild und Kontext, Erinnerung und Gegenwart, Gezeigtem und Fehlendem.

In Steyerls Essay ist die Hierarchie der Bilder nicht allein eine Frage der Schärfe oder Auflösung, sondern eine gesellschaftliche Ordnung, in der manche Bilder einen hohen Wert besitzen, während andere an den Rand gedrängt werden. Die Geschichte des dokumentarischen Films ist oft eine Geschichte solcher Randlagen – von Formaten und Produktionsweisen, die sich einem industriellen Ideal des perfekten Kinobildes entziehen. „Poor Pictures“ erweitert diesen Gedanken um eine materielle und filmhistorische Dimension: Das Imperfekte liegt nicht nur in digitaler Kompression, sondern auch im beschädigten Super-8-Bild, in kleinen Videokameras, im privaten Archiv.

Die Patina des Super-8-Materials in EINE MILLION KREDIT IST NORMAL, SAGT MEIN GROSSVATER wird nicht zu einer nostalgischen Verklärung, sondern macht sichtbar, dass sich Vergangenheit über unvollständige Überreste vermittelt. Auch NOVEMBER arbeitet mit Bildern, die in Bewegung geraten sind: Sie stammen aus unterschiedlichen Zeiten und Medien, wurden wiedergefunden, zirkulieren und erhalten neue Bedeutungen. In FIRST IN FIRST OUT verweisen die Bildstörungen der alten, fehleranfälligen Videokamera ganz konkret auf die Lücken und Brüche in der väterlichen Erinnerung – auf das, was sich nicht mehr rekonstruieren lässt, verdrängt oder ausgespart wird. Alle drei Filme stellen damit Fragen an ihr Material, an das, was sichtbar wird, und an das, was unsichtbar bleibt. Sie zeigen auf je eigene Weise, was arme Bilder leisten können: „Poor Pictures“ sind dann nicht Bilder, die uns zu wenig geben. Es sind Bilder, die dazu auffordern, genauer hinzusehen.

1 Hito Steyerl: In Defense of the Poor Image, e-flux Journal #10, November 2009

2 In deutscher Übersetzung: Hito Steyerl: Zur Verteidigung des ärmlichen Bildes, in: CINEMA, Nr. 64 (=Qualität), 2019, S. 26–34

3 Da im Anschluss an das Screening ein Gespräch mit Zacharias Zitouni und Patrick Holzapfel stattgefunden hat, habe ich mich auf NOVEMBER und EINE MILLION KREDIT IST NORMAL, SAGT MEIN GROSSVATER konzentriert