Vom 12.-16. September 2026 war die Filmwoche im Berliner Kino Arsenal zu Besuch, um im Rahmen des Jubiläumsprogramms unter dem Titel „Poor Pictures – 50 Jahre Gegenwart“ in fünf Programmen neun Dokumentarfilme aus dem Zeitraum 1990 bis 2023 zu zeigen. Die Einführung von Therese Koppe zu dem Screening von Angelika Nguyens BRUDERLAND IST ABGEBRANNT und DDR – OHNE TITEL von Harry Rag können Sie hier nachlesen.
In den 1990er-Jahren ereignete sich eine Reihe rassistischer Anschläge und Morde. Amadeu Antonio Kiowa aus Angola wird 1990 von 60 Neonazis in Eberswalde gehetzt und erliegt später seinen schweren Verletzungen. 1991 wird Jorge Gomondai, ehemaliger Vertragsarbeiter aus Mosambik, in Dresden von Neonazis verfolgt und ermordet. Im gleichen Jahr ereignete sich ein sechstägiges Pogrom in Hoyerswerda, bei dem Nazis und Anwohner ein Wohnheim und eine Geflüchtetenunterkunft belagerten und mit Steinen und Brandsätzen angriffen. Eine Strafverfolgung der Täter gab es kaum, die wenigen Urteile vielen harmlos aus.
In diesem gesellschaftlichen Klima filmt Angelika Nguyen, selbst in der DDR aufgewachsen, BRUDERLAND IST ABGEBRANNT. Sie nimmt die radikale Transformationszeit nach dem Fall der Mauer für Vertragsarbeiter:innen aus Vietnam in den Mittelpunkt ihrer Erzählung. Eine Sichtbarmachung rassistischer Gewalterfahrungen. Aus dem Off spricht Angelika Nguyen gesammelte Fakten zur damaligen Situation vietnamesischer Vertragsarbeiter:innen ein.
Dazwischen: In sechs Episoden Gespräche mit Betroffenen, die sich im Handumdrehen mit dem Ende der DDR in einer drastischen Veränderung ihrer Lebensrealität wieder finden. Geschlossene Betriebe, Arbeitslosigkeit und die Auflösung des damit verbundenen Aufenthaltstitels. Die Kündigung des Wohnheimplatzes. Wie Nguyen 2019 in einem Text zu ihrem Film schreibt: „Mit der Mauer brach auch die formale ‚Völkerfreundschaft‘ zusammen.“ 1989/1990 entlassen die Betriebe aus wirtschaftlichen Gründen zuerst ihre Vertragsarbeitenden.

Angelika Nguyen bezieht klare Haltung. Ihr Kurz-Dokumentarfilm legt Zeuginnenschaft über die Diskriminierungserfahrungen dieser Zeit ab. Der für das Fernsehen produzierte Film wird nach seiner Fertigstellung nicht gesendet. Die politische Intention dieser Zeit zeigt Nguyen in ihrer letzten Filmszene deutlich: Die Rückreise nach Vietnam ist das Ziel, sie wird im Transitraum mit 1.683 Dollar entlohnt. Eine gängige Praxis, die als Anreiz dienen soll und weiterhin kontinuierlich an geflüchtete Menschen herangetragen wird.
Ein altes patriotisches Kinderlied aus Vietnam erklingt. Die Maschine startet in ein Land, das einigen von ihnen selbst fremd geworden ist. Die Fluggesellschaft profitiert und lässt sich das „Übergepäck“ eines in vielen Taschen gepackten Lebens bezahlen. Die gegenwärtigen Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt und das selbstbewusste Sprechen rechtsextremer Politiker über „Remigration“ schaffen ein gesellschaftliches Klima der Spaltung und Gewalt, das die 1990er-Jahre in Erinnerung ruft.
Angelika Nguyen in der vom Internationalen Frauen Film Fest erschienenen Publikation WAS WIR
FILMTEN. Filme von ostdeutschen Regisseurinnen nach 1990: Zitat:
„Die ‚friedliche Revolution‘ – gab es die überhaupt? Ich habe davon nichts gespürt. Kurz nach der Maueröffnung stand ich selbst im November 1989 mitten in der Montagsdemo in Leipzig, die heute als Sinnbild dieses angeblich gewaltfreien Umbruchs firmiert. So erlebte ich hautnah den Paradigmenwechsel von ‚Wir sind das Volk‘ zu ‚Wir sind ein Volk‘. Ich horchte auf, ich verließ die Demo. Die Ausgrenzungserfahrung meiner Kindheit war plötzlich gegenwärtig.
Welches Volk? Und wer ‚darf‘ dazugehören, wer nicht? All das stand bereits im Raum. Da, wo andere wohl alles ‚friedlich‘ fanden, registrierte ich wie ein Seismograf die kommenden Wellen der Gewalt. Kurz danach las ich zum ersten Mal an einer Wand in Prenzlauer Berg ‚Ausländer raus‘. Der späteren tätlichen Gewalt ging die verbale Gewalt voraus. Der Mob war schon da. Mein Film ist nur ein schwacher Widerschein von all dem Leid. Die Überlebenden der Anschläge und Hetzjagden sind bis heute traumatisiert. Mein Film entstand in einer finsteren Zeit. Ist sie inzwischen überhaupt heller geworden?“
Der zweite Film ist ebenfalls ein persönlicher Blick, der im Gegensatz zu Nguyens Film von außen
auf die sich im Umbruch befindliche DDR schaut. Harry Rag, auch als Peter Braatz bekannt, Musiker und Filmemacher, reist für DDR – OHNE TITEL im März 1990 mit einem kleinen Team für zwei Wochen durch Ostdeutschland.
Von Rostock bis Torgau trifft er auf Menschen, Landschaften und Städte. In langen, ruhigen Einstellungen filmt er Alltagsbeobachtungen wie die ersten freien Volkskammerwahlen auf Rügen. Die ehemalige DDR
befindet sich noch vor der Wiedervereinigung. Der Anfang dieser prägenden Zeit findet in Rags Film eine poetische Entsprechung, wird ein intuitiv gefilmtes Schreiben von Geschichte.
Rag beschreibt sich selbst als „Filmimpressionisten“. Die dokumentarischen Sequenzen werden unterbrochen von schnellen, assoziativ gefilmten Bildern. Videoclip-Ästhetik, die mit den rosigen Farben und rauen Oberflächen des 16-mm-Filmmaterials bricht. Sybille Licht beschreibt sie in der Moderation der Duisburger Filmwoche 1990 als „typisch westliche Bilder“. In der Ruhe der langsamen Einstellungen meint sie als ehemalige DDRlerin das „andere Umgehen mit Zeit im Osten“ zu erkennen. Diese Langsamkeit wird körperlich spürbar in Fahrten durch die Rostocker Neptun-Werft, den Schlund eines Tagebaus oder in einer ruhigen Totalen auf eine kaum befahrene Straße einer ostdeutschen Kleinstadt.
Die Stimmung der Bilder sei für die Montage zentral gewesen, gibt Rag im Duisburger Protokoll zu Wort. Dabei gehe es nie um einen journalistischen Ansatz, die DDR als geschlossenes Bild herzustellen, sondern um ein Sammeln von Bildern. Im Gegensatz zu den Kindern und jungen Menschen, die im Film ernst und kontrolliert erscheinen, ist Harry Rag geradezu verspielt. Die Filmmusik ist durchaus humorvoller Kommentar. Eine intuitive Text- und Bildcollage, die mit einer scheinbar unvoreingenommenen Neugier, auf filmische Reise geht. „Abformen, durchformen, umformen, Bewusstseinsverformung …“, spricht Harry Rag in einer Assoziationskette über den Klangteppich einer leutenden Kirchenglocke. Eine Liste an Motiv-Ideen wie „Kirche, Elektrik. Volksschule“ dienten u. a. als dramaturgischer roter Faden, falls beim Dreh mal nichts passierte.

Kindern und jungen Menschen schenkt Harry Rag besondere Aufmerksamkeit. Gesichter schauen zurück in eine neugierige und begegnungsfreudige Kamera. Ein Kind am nördlichsten Ende der Ostsee erklärt beinahe abgeklärt und selbstverständlich, warum es die Wahlentscheidung seiner Eltern für die CDU gut nachvollziehen kann. Die CDU bleibt als Hoffnungsträger vieler ehemaliger DDR-Bürger:innen Motiv. Später im Film blitzt ein CDU-Bleistift als Werbemitbringsel eines Grundschulkindes in Detailaufnahme in die Kamera.
Die mit dem Wahlerfolg der CDU verbundenen Hoffnungen der Protagonist:innen klingen heute bei mir mit einem bitteren Beigeschmack nach. Die einschneidenden wirtschaftlichen Maßnahmen betrieblicher Abwicklungen, Privatisierung und radikale ökonomische Umgestaltung durch die Treuhand prägen die Erfahrung der Menschen im Osten Deutschlands bis heute. „Ich glaube, die Industrie erzeugt UFOs“, kommentiert Rag unter ein Bild blinkender Lichter der nächtlichen Bitterfelder Fabriken. Ein älteres Paar spricht über die Sorge der Entwertung ihres Geldes, jetzt, wo sie 15 Jahre auf einen Trabant gespart haben. Harry Rag schließt mit der Betrachtung unendlicher, auf shoppende Menschen am Alexanderplatz gerichteter Kameras: „Im Mittelpunkt der Zukunft wird die Vergangenheit stehen“.
Zwei Filme, die in ihrer Programmierung ein interessantes Spannungsfeld eröffnen, Transformationserfahrung filmisch zu fassen. Ich freue mich auf das Auf- und Miteinander-Wirken dieser unterschiedlichen filmischen Perspektiven auf der Kinoleinwand.