Synopse
„Jetzt hör ich dich wieder, du warst gerade weg.“ Verzögerungen, Störgeräusche, Wahlwiederholung. Mit einem Gefängnistelefon lassen sich nur hinterlegte Nummern anrufen. Am anderen Ende warten Partner:innen, Bekannte, Freiwillige. Gemeinsam wird ferngesehen, werden Freigänge geplant, der unvereinbare Alltag besprochen. Die Leitung rauscht, das Bild auch, und auch wenn die Verbindung immer
wieder abbricht, wird der Kontakt aufrechterhalten.
Protokoll
„Kleine Bildfehler, aber die sind gewollt“, gibt Farina Mietchen eingangs als Disclaimer dem Publikum auf den Weg. Und tatsächlich fallen einem gleich am Anfang von HINTERLEGTE NUMMERN buntfarbige Glitches auf. Pixel in kadrierte Gruppen geboxt, die an Rubik-Würfel erinnern und die dem Bild vertikal-flackernde Interferenzen verleihen. Auf der Tonebene hören wir von Latenz oder einfach einer schlechten Verbindung unterbrochene Unterhaltungen am Telefon.
Es fühlt sich zugegebenermaßen anfangs etwas orientierungslos an, wo bzw. in welchen Gesprächen wir uns gerade befinden. Es wird von Anträgen gesprochen, von der JVA Fuhlsbüttel (offiziell Sozialtherapeutische Anstalt Hamburg). Von einem Anruf auf dem Fahrrad. Man nimmt Informationen auf, vermutet, ist sich aber nicht so recht im Klaren. Nach dem ersten Drittel wird der Kontext etwas genauer. Die Kamera fokussiert auf Details wie Hände, Fahrradpedale, später das Gesicht einer Frau, die sich das Mikrofon ihrer kabelgebundenen Ohrhörer vor den Mund hält und mit ihrem Partner spricht. Der Ton unterbricht öfters und ihr Gespräch beginnt von neuem. Immer ist das Bild etwas zu nah, der Ausschnitt fast zu intim. Doch, wie bald im Publikumsgespräch herauskommt, sind die Bildfehler und Ultra-Close Ups ein Versuch, um ein System der Gefängnisinternierung in Deutschland freizulegen, das in seinen bürokratischen Strukturen starr unmenschlich und hermetisch vernachlässigend agiert.
Nach dem Film wabert Morgengemurmel durch den Diskussionssaal. Moderatorin Maxi Braun zieht mit einem sonoren „sooo“ die Aufmerksamkeit des versammelten Publikums auf sich und das Podium, besetzt mit Regisseurin Farina Mietchen und Kameramann Lukas Grubba. Braun möchte zum besseren Verständnis wissen, ob alle Insassen am Gang oder in der Zelle telefonieren dürfen oder ob sie ein Smartphone besitzen. Mietchen meint, das sei von Bundesland zu Bundesland verschieden. In Hamburg wurde die Haftraumtelefonie erst 2022 eingeführt, also ein eigener Anschluss mit Zugangskonto und Passwort, statt eines Gangtelefons, bei dem jeder hinter einem in der Warteschlange private Gespräche mithören konnte.
Auf Brauns Frage nach der Kontaktaufnahme mit den Protagonist*innen führt Mietchen weiter aus, sie hat bei Kunsthistoriker Tom Holert ein Seminar über Abolitionismus besucht und dadurch Interesse gehabt, einen Film über das Gefängnis zu machen. Nach einer ersten theoretischen Recherche, bei der klar wurde, dass der offizielle Weg über Zeitungsannoncen oder die Institution nicht der richtige wäre, kam sie über die Vermittlung von einer Sozialarbeitsinstitution zu den Protagonist*innen. Über ein Zeitfenster von sechs Monaten hat sie sich dann mit dem Mann auf dem Fahrrad, der selbst im offenen Vollzug lebte, also Ausgang hatte, wöchentlich getroffen und über seinen Freund im geschlossenen Vollzug gesprochen, mit dem er im Film telefoniert.
Spätere Publikumsfragen ranken sich ebenfalls um das Thema der Vorgespräche. Braun betont die gesellschaftskritische Komponente, aber auch, dass der Film für sie, obwohl er sich um Haft dreht, „dieses Alltägliche, diese Freundschaften so hervorbringt“. Dass der Mann auf dem Fahrrad mit seinem Freund in der geschlossenen Haft zum Beispiel über das gemeinsame Kochen spricht (im Film geht es um seine Vorliebe für Pangasiusfilet mit Bratkartoffeln und Salat). Und bei dem anderen Paar ist das gemeinsame Tatort-Schauen ein Ritual von Alltäglichkeit und „Performance von Normalität“ (Mietchen).
Braun setzt nach: „Was war das größte Klischee, dass ihr [über das Gefängnis] hattet, das widerlegt wurde?“ Grubba antwortet, dass es eher erstaunlich war, mitzubekommen, wie sehr die Bürokratie und wie sehr pragmatische Fragen die Telefonate regeln und wie wenig Zeit für Intimität bleibt. Dazu fügt Braun an „und obwohl es so teuer ist“ (50–70 Cent pro Telefonat, da der Markt von Gefängnistelefonie in Deutschland von zwei Firmen dominiert wird), nähme man sich trotzdem die Zeit, um gemeinsam am Telefon zu schweigen.
Mietchen erklärt weiter, dass es bei dem einen Protagonisten Angehörige gibt, die ihm Geld auf sein Telefonkonto schicken, und dass er gutes Deutsch spricht, um Anträge auszufüllen, die man immer braucht. Da gebe es eine große Diskrepanz zwischen den Insassen, die nicht von der Institution Gefängnis gleichbehandelt würden.
Braun dann: „Die Verbindungsabbrüche sieht man ja auch auf der Bild- und Tonebene. Wie war da die Vorgehensweise?“. Auch Serpil Turhan interessiert später in einer benachbarten Frage, „wie sie [Mietchen] in der Montage mit den Tonspuren umgegangen ist“, ob sie dabei Enden und Anfänge anders gesetzt hat, für die Dramaturgie und um zu verdichten?
Mietchen erklärt: Die Verfremdung ist wirklich in dem Material, sie entschieden sich, das trotzdem zu benutzen und auch die Entscheidung für Mini DV war eine bewusste. Diese Kameras hatten die [im Bild zu sehenden] Glitchfehler schon, es wurde also nichts digital hinzugefügt. Durch das Format ergibt sich eine andere Nähe als mit hochauflösenden Kameras, die Bildqualität und die Close-Ups anonymisieren, ohne unangenehm zu verpixeln. Mietchen und Grubba wollten gezielt nicht auf das Gefängnis blicken, sich nicht auf bekannte Bilder von Gefängnissen fokussieren, sondern auf die Menschen, die den Kontakt halten wollen. Zu der Montage der Tonspuren meint Mietchen, sie habe die Gespräche gehört und transkribiert, und versucht, den Leuten nichts anderes in den Mund zu legen, als das was sie gesagt haben. Weder beim Gespräch des „Tatortpaars“, noch beim Fahrradfahren wurde die Chronologie verändert oder Dialoge auseinandergerissen.
Kommissionsmitglied Katharina Schröder stellt nun die Frage, wie sie die Telefonate aufgenommen haben und ob sie diese autorisieren lassen mussten? Mietchen und Grubba antworten, dass sie diese mikrofoniert haben und es oft nicht klar war, wann die Leute anrufen würden, daher oft schnell drehen mussten. Die Genehmigung mussten sie dann nachher mit der Pressestelle des Gefängnisses abklären, die ihnen bedeutete: „Solange du nicht reinwillst oder das System in Frage stellst, ist uns das eigentlich egal“.
Immer wieder flackert in der Diskussion die Idee auf, über Resozialisierung und die Ungerechtigkeiten im deutschen Gefängnissystem zu sprechen. Ebenso über das Potenzial des Films, als „Lobby für die Gefangenen“ (Publikum, anonym) zu gelten. Es bleibt beim Aufflackern und bei Bemerkungen entlang des Films.