Duisburger Filmwoche

Film

Rettet das Feuer
von Jasco Viefhues
DE 2019 | 82 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 43
05.11.2019

Diskussion
Podium: Jasco Viefhues
Moderation: Anja Dreschke
Protokoll: Mark Stöhr

Synopse

Samtene Handschuhe begreifen vorsichtig Bilder und Texte Jürgen Baldigas – Künstler, Fotograf und vitales Zentrum der queeren Berliner Szene, die Anfang der 90er von der HIV-Epidemie erschüttert wird. „Ich mache ein Foto. Ich fotografiere die Welt. Ich existiere.“ Im Archiv des Schwulen Museums erinnern sich Baldigas Freunde an dessen fröhlichen Trotz und die exzessive Schaffenskraft einer Szene an der Peripherie des kollektiven Gedächtnis’.

Protokoll

„Mit jeder Zigarette, die wir miteinander rauchten, wurden wir einer weniger.“

(Jürgen Baldiga)

Berlin in den 90er-Jahren. Die Aids-Krise hat ihren Höhepunkt erreicht. Mittendrin Jürgen Baldiga, Aktivist und Aktionist in der LGBT-Szene und ein kompromissloser wie kontroverser Chronist seiner Zeit und Community. In seinen Fotografien macht er die Krankheit sichtbar – und nimmt sich nicht aus, als er selbst an ihr erkrankt. 1993 stirbt er.

Jasco Viefhues, DFFB-Absolvent und Barmann, begab sich für mehrere Jahre auf eine, wie er es nennt, „wilde Reise“. Ohne Geld, weil alle Förderanträge scheiterten, aber mit der Garantie, arbeiten zu können, wie er wollte. Für ihn seien die Bilder Baldigas, denen er in unterschiedlichen Kontexten immer wieder begegnet sei und die im Schwulen Museum in Berlin archiviert sind, eine Möglichkeit gewesen, seine „queeren Vorfahren“ kennenzulernen. Zum Teil suchte er sie daraufhin persönlich auf oder traf sie in seiner Bar – Freunde, Liebhaber, Lebensgefährten, Fotomodelle. Die, die noch lebten. Eine eindrückliche Einstellung im Film: eine Wand in Baldigas Wohnung, tapeziert mit Todesanzeigen.

Anja Dreschke wies auf den Kontrast hin zwischen der Exzentrik und Radikalität des Materials und seiner buchhalterischen Musealisierung. Erigierte Penisse gegen weiße Baumwollhandschuhe, die vorsichtig Fotoabzüge aus Pappkartons hieven. „Vier Fragen waren für mich zentral“, sagte Viefhues: „Wie wird Geschichte geschrieben? Wer schreibt Geschichte? Was landet im Archiv? Und wer wertet es?“ Viele Erinnerungen stürben mit den Menschen. Gerade beim Thema HIV seien auch Verdrängungsmechanismen am Werk. „Da spricht niemand einfach so darüber.“ Dass der Nachlass von jemandem wie Jürgen Baldiga, der im schwulen Mainstream so gut wie nicht auftaucht, im Museum landete, sei eher die Ausnahme. Auch die Erinnerungskultur kennt eine Hierarchie und funktioniert nach dem Mehrheitsprinzip.

Frage aus dem Publikum: Ob es für den Regisseur schwierig gewesen sei, einen eigenen ästhetischen Anschluss an das visuelle Erbe zu finden? Überhaupt nicht, versichert Viefhues. Er habe das Found Footage – neben den Fotos auch Baldigas Tagebücher, Super-8-Filme und Aufnahmen seiner Band – als Bereicherung empfunden. „Er war für mich wie ein Onkel, den ich nicht kannte. Es entblätterte sich eine Welt. Die Schwierigkeit war eher, wie man all das sinnvoll miteinander kombiniert.“ Bei den Protagonisten sei ihm wichtig gewesen, dass die Gespräche dialogisch sind. Dass man also Leute zusammenbringt, die eine Vergangenheit geteilt und sich Jahrzehnte nicht gesehen haben. Viefhues nennt das „kreative Erinnerungsarbeit“.

Als Dreschke zu Fragen der Deutungshoheit kommen wollte und zu den unterschiedlichen Formen der Repräsentation von Aids, in die sich Rettet das Feuer ja nun mit einer eigenen Version einreihen würde, blockte Viefhues ab. So was interessiert ihn nicht. Seine Sache sind Dialoge, nicht Diskurse. Ihm ging es darum, so viel Zeit wie möglich mit den Protagonisten zu verbringen, Gespräche zu initiieren und zuzuhören. Es sei nie seine Absicht gewesen, ein Biopic über einen Fotografen zu erzählen oder ein objektives Zeitporträt zu entwerfen. Sein Zugang sei rein persönlich. Ein Prozess über Jahre.

Die Diagnose Dreschkes, das Thema Aids, das in den 90er-Jahren sehr präsent gewesen sei, sei mittlerweile aus der Öffentlichkeit verschwunden, konterte Jasco Viefhues schmallippig: „aus der queer-normativen Öffentlichkeit nicht“. Als die Moderatorin nachsetzte, in der Mainstreamgesellschaft herrsche der Eindruck vor, man habe die Krankheit im Griff, antwortete der Filmemacher: „Sie ist im Griff, aber ein Geist, der weiter umgeht.“ Und: „Bei uns sterben weniger Menschen, woanders mehr.“

Zum Ende hin machte Dreschke ihrem Podiumsgast ein erneutes Diskursangebot. „Jürgen Baldiga“, sagte sie, „hatte eine bestimmte Art und Weise, sich und seine Krankheit zu inszenieren. Schrieb er sich damit nicht auch in einen Diskurs ein, wie Krankheit dargestellt wird?“ Jasco Viefhues schwieg einen Moment und schüttelte dann den Kopf: „Für mich war Jürgen einfach ein wahnsinnig stolzer queerer Mann, der sich nicht verstellt hat. Stolz und kompromisslos. Ich weiß nicht, was für ein Diskurs das ist, da bin ich lost.“