Film

Prüfstand 7
von Robert Bramkamp
DE 2001 | 114 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 25
06.11.2001

Diskussion
Podium: Robert Bramkamp
Moderation: Fred Truniger, Jutta Doberstein
Protokoll: Ilona Kästner

Synopse

Eine flirrende Reise in die Welt des Romans „Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon. Archivmaterial und nachgestellte Spielfilmszenen spinnen ein dichtes Netz als Fiktion und Fakten. Ironisch und provokant werden hier Allmachtsphantasien und Raketenträume ins Visier genommen. Wann dürfen wir die Erde verlassen, um endlich das Paradies der Schwerelosigkeit einzunehmen?

Protokoll

Den Einstieg,in das, vom Publikum fast vollständig dem Podium überlassene Filmgespräch bietet die Frage nach der Annäherung des Filmemachers selber an das verhandelte Phänomen. Wo ist der Anfang? Kam Bramkamp über Thomas Pynchons Roman zu seiner Filmidee oder der Roman über die Idee zum Film? Anlass war, so Bramkamp, die Beobachtung, dass die Faszination an der Raumfahrt ein Revival erlebt, gefolgt von der Vermutung, dass dies nicht nur als beliebige Wiederaufnahme, sondern als Wiederholung eines Stücks Geschichte selbst zu deuten ist. Mit dem Projekt, eine Charakterstudie der Rakete zu zeichnen, war es schließlich unmöglich an “Die Enden der Parabel” vorbeizukommen.

Die eigenwillige Form des Films erläutert der Filmemacher zunächst in Abgrenzung zu einer bloßen Technikgeschichte. Sein Anliegen ist nicht, zu fragen, was der Mensch mit der Technik macht, oder historische Fakten aneinanderzureihen, sondern die Perspektive umzukehren, nenn nicht aufzulösen, und zu fragen, wie oder wo der Mensch die Führung abgibt, d.h. das Bild der Rakete sich als Bindemittel oder Katalysator unterschwellig wirksamer Fantasmen zeigt. Welche Funktion erfüllt dabei die Sprache? Welches Geschlecht hat die Rakete? Und welcher Status kommt ihrem Körper zu? Der Film will Verbindungen herstellen, die mit einem rein historisch- dokumentierenden Blick nicht hätten aktiviert werden können.

Ergebnis ist allerdings eine Form, wird eingewendet, die den Zuschauer geradezu mit Informationen flutet. Auch wenn, wie der Regisseur betont, diese Gratwanderung an der gerade noch zumutbaren Menge an Input und die dunklen Stellen essentiell an das gebunden sind, was von der Rakete dargestellt werden soll: die von ihr ausgehende Faszinationskraft; es bleibt fraglich, ob das Rätselhafte nun wirklich Teil des behandelten Phänomens oder nur der Form des Films eigen ist Neben denm Vorteil einer solchen Offenheit, viel Assoziationskraft zu entbinden, reicht es aus, alles mit allem zu verbinden? Der Film, so Bramkamp, sucht auch oder gerade nach Verbindungsformen, nach erinnerbaren Zusammenhängen. Ohne die Figur der Bianca wäre dies nicht möglich; das Identifikationsangebot an den Zuschauen Sie trägt den Zuschauer auf einer emotionalen Ebene durch den Film, und in der Tat, so die Bestätigung von Jutta Doberstein, sei es dadurch möglich, dem Film auch durch seine, zum Teil erschütternden Bilder hindurch bei immer weiteren Gedankenentwicklungen zu folgen. Aber, so der einzige Einwand aus dem Publikum, gerade was Bianca am Ende des Films als Lösung oder “Verbindung” anbiete, die Liebe, wird vom Film selbst nicht transportiert. Dieser beschränke sich auf die Analyse. Er hat, entgegnet Bramkamp, versucht, seine subjektiven Anteile im Film zu verteilen. Die Widersprüche sind also durchaus gewollt. Rein technisch, als erstes Objekt eher autonom lebenden Technik, bedeutet die Rakete eine Ablösung von unserer Welt, von unserer Sprache, so auch von der Romantik.

Auf die Frage, wie es denn zu der Auswahl der Szenen aus dem Roman gekommen ist, aus denen, so der Eindruck, vor allem gegen Ende des Films selbst der assoziativ wirksame Faden zu verschwinden droht, kann Bramkamp mit einer Anekdote zu dem hinterm Schleier seiner Bücher verborgenen Autor antworten. Das Buch darf nicht verfilmt werden. Er hat mit Pynchon die Erlaubnis dafür ausgehandelt, schon existierende, “illegale” Filmfragmente verwenden oder paraphrasieren zu dürfen. Ausschlaggebend für Pynchon wäre gewesen, dass es sich um kein Fan-Projekt handle. Ob es denn eine Alternative zu Pynchon für ihn gibt, wie z.B. die germanischen Sagen, die ja auch schon im Film thematisiert sind, will jemand aus dem Publikum wissen. Ein klares Nein. Aber natürlich zieht sich sowohl durch den Totentanz im Walhalla, die Weltraumfahrt, wie die Unsterblichkeitsphantasien ein Strang, der sich auch auf die Frage nach dem Ziel der Rakete zuspitzen lässt.

Daraufhin kommt der Einwand, daß dieses Verhältnis doch eigentlich anders zu beschreiben ist. Die Rakete fliegt nicht ins Totenreich, sondern zum Totenreich wird jeder Ort, an dem sie ankommt. Und dieser Aspekt der Rakete als Todbringer kommt im Film vielleicht zu kurz. Vor allem läßt er sich schlecht mit dem kindlichen Erscheinungsbild von Inga Busch als Bianca verbinden. Diese zerstörerische Kraft der Rakete hat durchaus ihren Platz im Film, so Bramkamp. Es geht vor allem um eine neue Qualität des Todes. Ein unhörbarer Tod, der sein Kommen nachträglich erst ankündigt, nur von den Überlebenden noch zu hören ist. Ihm ist aber das Heikle an dem Versuch, Spielfilmelemente über die Bianca-Figur mit dem Horror der Zerstörung und mit dem Archiv-Material aus Dora zu verbinden, durchaus bewusst. Aber dieser Grenzgang ist nötig, um eine Verbindung zur Gegenwart herzustellen.

Dem Anknüpfungspotential des Films entsprechend, gibt der Filmemacher im Laufe des Gesprächs eine Unmenge an Daten, Namen, Einzelheiten, Ereignissen ab, deren memorierbare Form leider nicht immer bis zum Protokoll durchgedrungen ist, bzw. deren Notation den Rahmen gesprengt hätte. Daher der Entschluss, sich auf die mehr formalen Aspekte in der Wiedergabe zu beschränken. Wer andere Geister zu fassen bekommen hat und sie hier nicht notiert findet oder sie über das Protokoll hoffte fassen zu können und nun enttäuscht ist, der möge sich an den Regisseur wenden, der sich bis zum Ende des Festivals in Duisburg aufhält und für jeden Kommentar ein offenes Ohr hat. Ansonsten scheint das Schweigen des Publikums davon zu sprechen, dass das Experiment mit der Form noch nicht abgeschlossen ist. Vorausgesetzt, es sollte etwas anderes dabei herauskommen, als eine raketenförmige Semiose.