Film

El Viaje en Taxi
von Nico Gutmann
CH 2001 | 22 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 25
07.11.2001

Diskussion
Podium: Nico Gutmann
Moderation: Werner Ružička
Protokoll: Aycha Riffi

Synopse

Ein Schweizer auf der Suche nach seiner peruanischen Kindheit. Mit einem Taxi fährt er durch seine Vergangenheit. Der Fahrer erweist sich als Reiseführer und Vertrauter zugleich. Begegnungen in einem Land, das Heimat ist und doch in seinen Emotionen verstörend wirkt. Vielleicht sollte man zuerst noch ein Bier trinken.

Protokoll

Einen „anrührenden Film mit einer seltenen dokumentarischen Qualität, die froh macht, und ein Film, der gar nicht so leicht ist, wie er erst daher kommt“, nannte Werner Ruzicka ‚Die Taxifahrt‘. Auf die Eingangsfrage Ruzickas zu Gutmanns Verhältnis zu einem so privaten Filmprojekt gestand der Regisseur, dass die Unsicherheit ein permanenter Wegbegleiter während der Dreharbeiten war. Fragen, ob man die Erstbegegnung mit der leiblichen Mutter filmisch durchhält und die Ungewißheit, was genau in Lima passieren wird, stellte Gutmann die innerliche Gewißheit entgegen, dass Begegnung und Film für ihn persönlich so wichtig waren. Der entstehende Film wurde für ihn erst einmal ohne Publikum gedacht – eher als ein Dokument, das man einem Freund zeigt. So räumte er sich die, zumindest theoretisch bestehende, Möglichkeit ein, jederzeit die Filmarbeit abbrechen zu können.

Auf die Figur des Taxifahres befragt, erläuterte Gutmann, dass er in der ersten Woche in Lima gemeinsam mit seinem Kameramann permanent Taxi gefahren sei, auf der Suche nach einem Menschen, mit dem er sich „wohl fühle“, dieses sehr private Ereignis zu teilen. Der im Film gezeigte Taxifahrer wurde in das Vorhaben nur insofern eingeweiht, dass die Eingangsfrage, nach der Herkunft Gutmanns inszeniert war. Wichtig blieb, die Echtheit und Frische der Fragen bzw. des Gesprächs zu erhalten. So ist es dann auch der Taxifahrer, der die entscheidende Frage an Gutmann richtet: „Was fehlt dir denn noch für die Begegnung mit der Mutter?“

Werner Ruzicka hob den dramaturgischen Bruch im Film hervor, der dem Voyeurismus des Zuschauers entgegenhält. Gerade wenn wir denken: ‚Aha, jetzt kommt gleich die Begegnung mit der Mutter‘, sehen wir eine Schwarzblende und dem Zuschauer wird in der anschließenden Szene aus der Erinnerung von dem ersten Treffen erzählt. Für Gutmann haben diese dramaturgischen Brüche, wie z.B. auch die Abgaskontrolle, die wertvollen Funktionen, „Ruhephasen“ zu ermöglichen und der Erwartungshaltung entgegenzutreten, einem Wiedersehen „à la Hollywood“ beizuwohnen. Dies wiederholt sich auch bei der Einführung der Schwester und durch die Filmstills, die Mutter und Sohn zeigen.

Allein die Figur des Botschafters fiel für Ruzicka aus dem filmischen Umgang mit den Personen heraus.

Der Schweizer Botschafter war die einzige Person, die von der Mutter erzählen konnte, und hatte für Gutmann so die ‚Aufgabe‘, der Mutter ein erstes „Gesicht“ zu geben. Er war der Einzige, der beide – Mutter und Sohn – bereits kannte.

Befragt nach dem Umgang der Mutter mit der Kamera, erklärte der Filmemacher, dass ihr Einverständnis natürlich Voraussetzung für die Aufnahmen war. In Lima schienen die Menschen generell ein sehr unkompliziertes Verhältnis zur Kamera und der Situtation des Gefilmt-Werdens zu haben. Anders als in der Schweiz, wo keiner gerne gefilmt zu werden scheint.

Einer Zuschauerin war der Film insgesamt „zu kurz“, doch musste sie sich die Frage gefallen lassen, ob sie bereit wäre, dem Filmemacher längere Arbeiten zu finanzieren. Angesichts der Produktionsbedingungen für den Diplomfilm habe er die Idee und die Arbeit genau in dieser Länge konzipiert. Werner Ruzicka bestätigte die Vollständigkeit des filmischen Konzepts auch dahingehend, dass durch die einführenden Ausschnitte aus alten Super-8-Filmen der Familie ja auch die Schweizer Kindheit dokumentiert wurde.

Dass Dokumentarfilme mehr leisten können als so mancher Spielfilm, zeigte sich für Ruzicka in dem Auffangen bestimmter „magischer Momente“. In El viaje en Taxi findet sich ein solcher Moment, wenn die Mutter ihren Sohn geradezu beschwört, ihr Photos zu schicken.

War es ihm bewußt, dass die Familie seit Jahren seinen Besuch erwartete, und glaube er, dass dies für andere Fälle auch gelte, wurde Gutmann von einer Zuschauerin befragt.

Für andere Fälle könne er nicht sprechen, antwortete der Filmemacher. Während der Zeit in Lima gab es Wellen der Überraschung, auch des Mißtrauens und der Selbstbeschämung über seine eigenen Zweifel an der herzlichen Begegnung. Hinzu kommt, dass es schwierig ist, über eine solche Distanz hinweg eine Beziehung aufzubauen. Er wolle auf jeden Fall wieder nach Lima und dann ohne Kamera.

Vielleicht hätte man in der hier beendeten Diskussion auch die Frage stellen können, ob die Existenz der Kamera in solchen privaten Situationen nicht auch als Schutz vor ‚zuviel Emotion‘ funktioniert.