Duisburger Filmwoche

Film

Die Potemkinsche Stadt
von Mischka Popp, Thomas Bergmann
DE 1988 | 94 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 12
10.11.1988

Diskussion
Podium: Mischka Popp, Thomas Bergmann
Moderation: Werner Ružička
Protokoll: Torsten Alisch

Protokoll

Die Diskussion war geprägt von der Frage, ob es in der „Potemkinschen Stadt“ sowas wie eine inhaltsbezogene Ästhetik gäbe , ob dieser Film noch Inhalte transportiere oder sich in seiner Ästhetik erschöpfe.

Die Filmemacher erklärten, sie hätten nicht nur die Traurigkeit der Trabantenstädte einfangen wollen, sondern auch Momente von Widerstand. Während ihrer Suche in europäischen Vorstädten mußten sie aber feststellen, daß alle Trabantenstädte gleich seien – obwohl sie eigentlich auf Unterschiede aus waren. Es fiel der Satz „Wir wären furchtbar gern auch in die Staaten gefahren“ (der später noch um Liverpool und Warschau ergänzt wurde), aber da die Finanzierung im voraus nicht gesichert war, hätten sie dann auf amerikanische Sprengmeister und zusammenstürzende Wohnviertel verzichtet – was von einigen Zuschauern gelobt wurde, da gerade solch spektakuläre Aufnahmen schon oft genug zu sehen gewesen seien.

Die Mischform aus „Spiel film- Ästhetik“ und „knallhartem Dokumentarischen“ hat einigen gefallen, ein anderer erklärte, er habe jetzt „ganz viele kleine Geschichten im Kopf“. Mischka Popp und Thomas Bergmann sahen ihren Film als „Gratwanderung“ an , es sei ihr erster Versuch eines solchen Films gewesen: „Wir wollten einen Dokumentarfilm ein bißeben anders machen.“ Auf die Vorwürfe, „Die Potemkinsche Stadt“ sei eine einzige Globalisierung und sowas wie die „Konstruktion einer europäischen Vorstadt“, antworteten die Filmemacher mysthizistisch: „Wir wollten in Holland die Dritte Welt in der Ersten Welt zeigen“ und schon das Alte Testament sei der erste niedergeschriebene Stadtmythos.

Andere warfen ihnen eine „Begeisterung an der Anonymität“ vor, die aus diesem Film spreche. Sie würden die, mittlerweile überholte, Kulturkritik der 70er Jahre verherrliche und auf eine aktuelle Kritik der heutigen Bauweisen verzichten. (Heute müssten Öko-Häuser kritisiert werden, sagte jemand). Diesen Vorwurf wiesen die Filmemacher von sich, denn diese Art von Kulturkritik sei allenfalls in Teilen von Mitteleuropa überholt, nicht aber in Italien, Spanien und Teilen von Frankreich, wo die se Trabantenstädte weiterhin gebaut würden.

In der Diskussion gerieten immer wieder die „zu schönen Bilder“ ins Schußfeld. Jemand nannte den Film „stocklangweilig“: Er würde sich in der „Faszination an schönen Bildern erschöpfen.“ Die Aufnahmen des jungen Boxers in Spanien würden mehr über die Ästhetik des Boxens sagen, als über die (Karriere-)Funktion des Boxens in verarmten Slumgebieten. Die Filmemacher bestanden darauf, daß es nichts helfen würde, nur das Furchtbare dieser Trabantenstädte zu zeigen, weil „die Leute unterm Beton noch ein anderes Leben haben.“ Das sei schön gesagt , wandte jemand ein, aber wo würde man das denn im Film sehen? Während eines kleinen Disputs empörten sich einige, daß sowas die Zuschauer dazu verführe~ sich an schönen Bildern zu berauschen und diese ZU genießen. Warum man sich denn an Bildern nicht berauschen soll~ fragte ein anderer~ woraufhin moralinsaure Zwischenbemerkungen wie „aber wenn’s doch um~s Elend geht … „fielen.

Jemand nannte den Film „l’art pour l’art“, was von anderen konkretisiert wurde: „Häuserkaputtmachen entspreche einem tiefen Sühnebedürfnis“, der Film nivelliere seine Personen zu Ausstellungsobjekten und wirke wie der Rundgang durch eine Kunstausstellung („die schönen Fernsehmonitore in schäbigen Räumen, hier eine kleine Performance, dort noch eine tesw.“). Diese Bilder von Leuten, die dort leben, seien so falsch wie Elendsfotografien im Kaufhaus.

Am Ende der Diskussion ging es um die Frage von Inszenierung und Realität: Die Filmemacher erzählten, daß die spanischen Jungs, die im Film Autos aufknackten, professionelle Diebe waren, mit denen sie sich länger unterhalten und die dann „ihren Alltag vor der Kamera“ nachgespielt ,hätten. Weil solche Einzelheiten nicht als inszeniert, sondern mit dem „Gestus des Dokumentarischen“ (Handkamera) gezeigt worden seien, sah es ein Zuschauer als bewiesen an, daß der ganze Film wie eine „Arena der Sensationen zusammengestoppelt“ sei. Ein anderer konnte sich bisher nie genau erklären, was Voyeurismus sei, aber dieser Film wäre für ihn das beste Beispiel: Wie Leute mit Realität umgehen, ohne ein Herz für sie zu haben.