Duisburger Filmwoche

Film

Der Indianer
von Rudolf Körösi
DE 1988 | 97 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 12
10.11.1988

Diskussion
Podium: Rudolf Körösi, Ursula Körösi (Kamera)
Moderation: Kai Gottlob
Protokoll: Conny E. Voester

Protokoll

Was leider absolut nicht normal ist im Filmbetrieb hat beim „Indianer11 großen Anteil an der herausragenden Qualität des Films. Das Kamerateam und -paar Körösi ··war ungewöhnlich früh an der Ausarbeitung des Konzepts beteiligt. Rudolf Körösi hatte das Buch gelesen und war begeistert davon) wie Leo Lentz darin sein Leben mit der Krankheit beschreibt) die ihn langsam zerstörte.

Es sollte kein falscher Dokumentarfi Im werden wie etwa durch NaCi:hinszenierung·. · von Szenen) in denen Leo Lentz sich selbst hätte spielen sollen. Ein „richtiger“ Dokumentarfilm ist es dann durch den Schluß und die Authentizität geworden. Wichtig für das Konzept war die Verwendung von Schwarz-Weiß-Standfotos für die Erinnerung an die Stationen der Krankengeschichte.

Viel gelobt wird.die suggestive Bildkraft der subjektiven Kamera- die inszenierten Bilder der Urlaubs-Erinnerungen und der Imagination hingegen stoßen bei manchen Zuschauerinnen auf Kritik. Sie werden als zu banal, zu plakativ empfunden und le~die Fantasie der Zuschauerinnen auf bestimmte Vorstellungen fest, die zwar die von Leo Lentz gewesen sein mögen und mit ihm gemeinsam entwickelt und.gesucht wurden; im Konzept der sparsamen Verwendung von Inszenierung jedoch muten diese Sequenzen mancher/m merkwürdig und fremd an. Ähnlich auch das arrangierte Fest im Garten (Tableau), das ein Zuschauer als stilistischen Bruch empfand.

Um den Aspekt der Authentizität und des Dokumentarischen in der Produktionsgevschichte zu erhellen, ergänzte R. Körösi die bekannten Informationen* um Details von den Dreharbeiten. Im Krankenhaus wurde – bis auf die Tatsache, daß kein Patient echt war – nichts inszeniert; die Ärzte und Krankenschwestern haben sehr kooperativ aber. eben im Rahmen ihrer eh schon mehr als ausgelasteten normalen Arbeitszeit mitgearbeitet. Sie konnten es sich naturgemäß nicht leisten, die Dreharbeiten gesondert zu behandeln – dies hieß beispielsweise auch, daß die Szene im Operationssaal nicht lange vorbereitet werden konnte, sondern irgendwann zwischen zwei wirklichen Operationen eingeschoben wurde. Das Opera.,.. tionsteam stand auch erst fest durch den „freien“ Termin.

Die Operationsszene hat manche zuschauerinnen am meisten beeindruckt. Erneut mußte R. Körösi darauf hin weisen, daß auch hier nichts inszeniert ist; die Geräusche beispielsweise im Strahlenbunker sind exakt die, denen er sich ausgeliefert fühlte, als sich die Stahltüren schlossen. 11Man fühlt sich da sehr alleingelassen und mit Schrecken habe ich beobachtet, daß sogar kleine Kinder im Alter von 4 Jahren dort alleingelassen werden. ( ••• ) Die wenigsten kennen ja diesen Strahlenkeller. 11

Rudolf Körösis Arbeitsprinizip ist die weitestmögliche Annäherung an die Gefühle und Sichtweise des jeweiligen Subjekts im Film. Das kann auch – wie z.B. in den Fil.en von Klaus Wildenhahn {wo er häufig Kamera mach~ – die völlige Zurücknahle bedeuten; in der Absicht ~lieh, als gesonderte Kamera gar nicht wahr~ zu werden, sondern aitzugehen in den Stimmungen, in der Entwicklung einer Gruppe von Personen.

Freilich besteht ia •tndianer .. insofern ein Unterschied, als es etwas anderes ist. sich in eine Person (ein Subjekt~ eine Situation} einzufühlen als sich ait ir./ihr zu identifizieren (wie dies im 11 Indianer“ der Fall ist, ihm aber aufgrund eigener Leidenserfahrungen durch einen längeren Krankenhausaufenthalt erleichtert wurde).

Praktische Daten:

Drehverhältnis: 1:5

Schwierige Kamerapositionen (wie bei der Operation) waren möglich) weil Körösi mit einer festenpptik und· der 11kleinen11 R 16 gearbeitet hat.

Seit letzter Woche wird das Buch von Leo Lentz in einzelnen Folgen veröffentlicht. Anhand dessen kann J~e/r bei Interesse überprüfen, welche Passagen für den Film weggelassen wurden. So u.a. das Kapitel. in welchem der Titel des Films auftaucht: eine Kneipen-Szene, in der gesagt wird „Ach, da kommt ja der Indianer., als Leo Lentz hereinkommt.