Duisburger Filmwoche

Film

Geisterfahrer
von MW Freiburg
DE 1986 | 72 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 10
1986

Diskussion
Podium: Pepe Danquart, Miriam Quint, Bertram Roterrnumd, Cornelius Schwehr (Musik), Moc Thyssen (Darsteller), Andreas Schreitmülller (Redakteur Kleines Fernsehspiel)
Moderation: Dietrich Leder
Protokoll: Michael Kwella

Protokoll

Frage aus dem Publikum: Ob es etwas miteinander zu tun habe, daß die Grünen im Parlament säßen und die Medienwerkstatt Freiburg (MWF) ihr Video im Fernsehen zeige?

MWF: Nein, die Grünen seien für die Ausstrahlung nicht verantwortlich…

Die Hauptaufgabe der MWF liege nicht in Fernsehsendungen, sondern in ihrer anderen medienpolitischen Arbeit. Sonstige Videos von ihr, etwa „Radio Dreyeckland“, seien mitnichten im Fernsehen unterzubringen. Sie würde mit dem Fernsehen auch keine Utopie verbinden, sondern darüber ihre eigentliche Arbeit finanzieren wollen. Da das Fernsehen eine staatstragende Einrichtung sei, bestünde schon ein Widerspruch mit ihrem Selbstverständnis, doch mit ihm könnten die Mitglieder der MWF leben.

Während die Grünen im Parlament etwas erreichen wollten, hätten sie diese Ansprüche im Hinblick auf das Fernsehen nicht; stattdessen würden sie auch die TV-Produktionen in ihrer alltäglichen Medienpraxis verwenden. Zu kritischen Stimmen bezüglich der Form der „Geisterfahrer11 : Ihr inhaltlicher Anspruch sei keineswegs geringer geworden, nur sollten selbst politische Filme Spaß machen können.

Ein Zuschauer: Er habe nichts gegen die Entwicklung des Handwerklichen, nur sei ihm das Band zu leicht, zu gefällig, es habe zu wenig Ecken.

MWF: Der Gesprächsverlauf sei typisch – zuerst werde über ihr Verhältnis zum Fernsehen gesprochen, dann hieße es, der Film sei „ganz nett“. Dabei würden doch visuell harte Brocken vermittelt – etwa die Bankengründung, bei der sich zeige, wie von Linken Mechanismen und Rituale des Kapitals übernommen würden.

Wir müßten über solche Bilder die Verbindung zu unserer eigenen Geschichte herstellen – wenn das nicht geschähe, erwiese sich diese Form der Kolportage natürlich als sinnlose Kritik.

Ein Zuschauer: Der Film spiegele die Omnipotenz des Videomachers, der beliebig Bilder zusammenziehen könne, sie wie – in diesem Fall ausgelutschte – Ikonen benutze. Früher habe die MWF kleine schmutzige Videos gedreht, nun die Form bis zur Perfektion entwickelt. Da läge doch wohl der Schnittpunkt der Fragestellung.

MWF: Die „Geisterfahrer“ seien ein Experiment, und bewußt hätten sie hier ihre volle Breitseite dargeboten. Schmutzige Bänder würden sie nach wie vor produzieren, aber sie wollten ebenso anderes ausprobieren. Die Form sei natürlich themenabhängig: Eine Hausbesetzung ließe sich auf herkömmliche Weise dokumentieren, dieses Sujet hier nicht.

Eine Zuschauerin: Die formulierte Dichotomie „schmutzige Bänder“ oder „Ästhetik“ würde sie ärgern – den Gedanken, Ästhetik an sich sei unpolitisch, fände sie saublöd.

Ein Zuschauer: Er würde gerne genauer betrachten, wie der Film seine Form verwende; er sei doch eine Art Heartfield-Collage im Videobereich: Bereits bekannte Bilder würden durch die Form in neue Zusammenhänge gestellt und sich darüber eine neue Aussage ergeben. Nur: Entsprächen die „Geisterfahrer noch dem Prinzip Heartfields oder manifestiere sich hier nicht doch die erwähnte Omnipotenz der Videomacher, die ver- und zu Sachen geführt hätte, die ein paar Nummern zu groß seien – etwa der extraterristische Standpunkt, der die Bilder auf de n Globus projiziere.

MWF: Nein, dazu seien die Tricks zu simpel: ausschließlich Stanz- und Blue Box-Verfahren, ansonsten Bastelarbeit (ein auf einen Plattenspieler montierter Globus z.B:), wie sie eher beim Trickfilm üblich sei.

Eine Zuschauerin: Dennoch – Video erscheine ihr hier als „Kommandostand“ – man lasse die Puppen tanzen, das behutsame Filmen würde nach solchen Videos immer weniger möglich, weil es in den Ruch des Abgedroschenen geräte. MWF: Heartfield hätte doch auch die Puppen tanzen lassen. Es sei schon merkwürdig: Bislang habe Video oft als langweilig gegolten und die fehlende ~ ästhetische Eigenständigkeit sei moniert worden. Jetzt gäbe es ein Band, das sich um eine eigenständige Videospezifik bemühe – prompt würde die Kritik umgekehrt.

Eine Zuschauerin: Ja, we il sie die Entwicklung des Handwerks nicht weit genug getrieben hätten – eben nicht noch zusätzlich der Schmutz in die Bilder gedrungen wäre. [Hallo Medis: In Zukunft also absichtlich die Kamera verwackeln, etwa umgekehrt proportional zur Unerschüttlichkeit der Grünen! Und nur noch auf VHS drehen – schwächt glatt das Kapital! Schöne Grüße, d. P.] Doch weiter mit den Ausführungen der Zuschauerin: Die Grünen hätten auf dem parlamentarischen Weg etwas verändern wollen, würden sich den herrschenden Verhältnissen jedoch anähneln; die gleiche Gefahr sähe sie auf dem Weg zur Form bei der MWF .

Ein Zuschauer: Er siedle das Problem des Videos ganz woanders an. Am Anfang des Films stehe die Parabel von Bloch üb er den Bergarbeiter und seinen Gönner, mit dem Ende, daß Ersterer seinen Gönner umbringe. Die Waffe sei im Film als Symbol des sich Wehrens aufgenommen und entsprechend zum Ende hin die Parabel auf Fischer/Börner übertragbar – und das sei doch bitteschön nur noch Ka lauer-Ebene. Aber exemplarisch für das Video.

MWF: Der zentrale Satz der Parabel sei doch, „das Gericht sprach ihn [den Bergarbeiter] frei“ – darin drücke sich das Wegnehmen der Utopie und der Kraft durch Utopie aus. Wenn unsere Träume nicht mehr zu den Tatsachen paßten, dann verschlimmerten sich die Tatsachen – darüber solle doch an dieser Stelle einmal diskutiert werden. Die Ratlosigkeit der Medienwerkstättler angesichts der Entwicklung würde in dem Film doch wohl inhaltlich deutlich.

Ein Zuschauer: Die früher/heute-Dichotomie des Videos mache es dem Zuschauer einfach, immer auf der richtigen Seite zu stehen – das Dazwischen fehle ihm. Darüber zu lachen, wie die Grünen über Matthias Deutschmann als Mönch auf dem Parteitag lachen, sei ihm zu platt; überhaupt würde ihm das Lachen auch an anderen Stellen zu oft auf Kosten einzelner Leute gehen.

MWF: Nein, sie hätten die Leute nicht zur Sau gemacht, es wäre ihnen nie um den einzelnen Menschen gegangen, sondern um Funktionsträger, um Charaktermasken – und das eben im Rahmen einer K-o-l -p-o-r-t-a-ge.

Ein Zuschauer: Auf der einen Seite würde für ihn der Film explodieren, auf der anderen Seite spüre er, die MWF habe le diglich die eigene Ratlosigkeit zur Grundlage des Film::; gemacht. Die forma le Mischung fände er zwar gut, aber anders als bei Heartfield kämen dabei keine Wahrheiten heraus.

Ein Zuschauer: Die MWF hätte genauer hinschauen, fragen sollen: z.B. warum verhielten die grünen Abgeordneten sich so? Die Medienwerkstättler hätten ihre Gründe, warum sie mit dem Fernsehen zusammengingen, und würde diese darstellen – den Abgeordneten bliebe Gleiches verwehrt. Der einzelne Mensch werde nicht angeschaut.

MWF: Bei den gezeigten Personen gäbe es häufig Gefühle von Ohnmacht, die dann jedoch durch eine Lust an der Macht kompensiert würden. Ein Zuschauer ergänzend: Zudem wä rß‘ es teilweise Sauereien, die solche Leute qua ihrer Position betrieben – das müsse schließlich auch einmal gezeigt werden. Das Video sei da eher noch viel zu harmlos.

MWF: Man sähe doch, wie der Apparat die Leute verändere – und der damit einhergehende Verlust von Utopie sei gefährlich. Da würde eine Kraft genommen. Vor vier Jahren sei noch diskutiert worden, ob die Grünen ins Parlament gehen sollten – jetzt sei das nicht einmal eine Streitfrage mehr.

Ein Zuschauer: Dennoch – als zentrale Aussage des Films bliebe Ratlosigkeit stehen, und die Art, mit ihr umzugehen, sei traurig – es erfolge nichts als eine bloße Distanzierung, und das über optische Gags.

MWF: Nein, um die schlichte Spiegelung von Ratlosigkeit sei es ihnen nicht gegangen . So ratlos seien sie für sich selbst nicht , der Filme zeichne ja wohl ihren Standpunkt zu dem Gezeigten, der eindeutig außerparlamentarisch sei. Im übrigen schließe das Band mit dem Schild 11Mitfahrer gesucht“ – eine deutliche Anspielung auf den von ihnen erhofften Diskurs.

Eine Zuschauerin: Sie fände, die Bilder würden klar und prägnant die Kluft zwischen Utopie und Alltag aufzeigen – und für sie sei das ungemein anregend. Ein Zuschauer: Die Bilder wären alles andere als platt oder seicht. Häufig gäbe es Kleinigkeiten im Hintergrund oder auf der Tonebene, die das durchdachte Konzept belegten und die Qualität des Films mit bestimmen würden. Der Großteil der Redebeiträge zeige doch, daß die einzelnen Sprecher sich selbst jeweils ausklammerten – dabei seien wir es doch, von denen dieser Film handele. Ein Zuschauer: Genau! Außerdem sähe er in dem Video die Aufforderung, subversiv und aggressiv zu bleiben. Überdies habe der Film eine zentrale Wahrheit: Eine Stellungnahme zu dem, was der Parlamentarismus bedeute.

Nach diesen positiven Stimmen schwappte erneut Kritik durch den Raum: Wirkliches Hinsehen und Zuhören wären angesagt gewesen, eine Auseinandersetzung von einer Position der Sympathie her der bessere Ansatz als die Diffamierung durch filmische Mittel – all die angeschnittenen Probleme seien zu wichtig, um sie in einem so schnellen Tempo abzuhandeln…

MWF: In Replik auf die Zweifel, wie wichtig ihnen die gesamte Problematik sei: Immerhin hätten sie das Sujet so ernst genommen, daß sie sich anderthalb Jahre mit dem Video beschäftigt hätten. Formal wie inhaltlich hätten sie sich bewußt angreifbar gemacht, eben we il sie noch keine fertige Meinung, allerdings einen klaren Standpunkt im Hinblick auf bestimmte Formen des Parlamentarismus hätten. Der Film sei halt keine Reportage, keine Dokumentation, sondern eine

KOLPORTAGE

Vielleicht könnten wir alle mit selbstironischen Formen noch nicht umgehen.