Duisburger Filmwoche

Film

Der Krieg hat kein weibliches Gesicht
von Wiktor Daschuk
SU 1984 | 123 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 10
06.11.1986

Diskussion
Podium: Wiktor Daschuk
Moderation: Werner Ružička
Protokoll: Toni Weber

Protokoll

Die Diskussion sollte sich beider Filme annehmen nach Reihenfolge der Präsentation. Von dem Episodenfilm Wiktor Daschuks war die 3. und 4.Episode gelaufen. Von ihm wollte man wissen, ob es Probleme bei der Beschaffung der verwendeten Wochenschauaufnahmen gegeben habe und zeigte sich an seiner Bearbeitungsweise des Materials interessiert.

Probleme bei der Beschaffung des Materials habe er nicht gehabt, da der 2. Weltkrieg in einer riesigen Menge von Filmaufnahmen dokumentiert sei, wenn auch die Frauen verhältnismäßig selten aufgenommen worden waren. Daß bislang dieses Filmmaterial nicht öffentlich wurde, begründete er mit der eingeschränkten Sichtweise des Krieges als Männersache. Seine Gestaltung des Wochenschaumaterials sei zunächst technischen Überlegungen geschuldet. Das wenige Material, was er hatte, habe er langsam reproduziert, um die gewünschte Länge zu erhalten. Erst nach dieser technischen Bearbeitung sind ihm selber die ästhetischen Qualitäten des Verfahrens in Kombination mit der Musik bewußt geworden. Sein Film könnten sich die Zuschauer leider nicht voll erschließen, da aus dem zweieinhalbstündigen Film nur zwei Episoden präsentiert worden seien. Die Heldinnen der gezeigten Episoden werden wahrscheinlich erst über eine nicht gezeigte Episode, in der die Geschichte dieser Frauen erzählt wird, verständlich. Die erste Episode des Films erzählt von der Hölle des Krieges, in der die Frauen lebten, woraus sich das Bild der Liebe entwickelt.

Die Schilderung aller Episoden unterbrach Werner Ruzicka. In den gezeigten Episoden sei er über den Widerspruch der alten russischen Romanzen und den schrecklichen Kriegsbildern erschrocken. Wiktor Daschuk sagte, daß er den grausamen Krieg bewußt nicht in einer grausamen Sprache habe schildern wollen. Aber auch der Einsatz der Musik werde wohl erst ü~er die anderen Teile des Films verständlich. Die gezeigte 4.Episode sei die harmloseste Novelle aus dem Gesamtwerk. In den anderen Teilen werde auch gezeigt, daß eine Frau tötet. Die Musik habe daher die Funktion in der Gegenüberstellung der Reinheit der Frau und der Grausamkeit des Krieges, einen Hauch „frischer Luft“ einzubringen. Dieselbe Musik durchziehe den ganzen Film, weil sie die Musik repräsentiere, die Mondlicht und Liebe evoziert. Wilhelm Roth berührte mit seiner Frage, ob die Liebe im Krieg ein Tabu gewesen sei, den Kern des Films. Es habe keinen Befehl im zweiten Weltkrieg gegeben, zu lieben oder nicht zu lieben. Aber es ist ein gesellschaftliches Tabu, darüber zu reden. Denn die Frauen sind im zweiten Weltkrieg nicht gezogen worden, sondern haben sich freiwillig gemeldet. Da die meisten dieser Frauen zwischen 17 und 19 Jahre alt gewesen waren, baute sich bei den Frauen im Hinterland das Vorurteil auf, daß diese freiwilligen Soldatinnen. die ihre Jugendzeit an der Front verbracht hatten, nicht nur gekämpft hätten. Und für die Frauen an der Front verbinden sich mit dieser Zeit oft schreckliche Erlebnisse und natürlich der erlebte Widerstreit zwischen Liebe und Grausamkeit des Krieges. Wie hätte eine Frau ihre Liebe in einer Gruppe von 20 Männern zu einem Mann leben können? Aus beiden Gründen, dem Vorurteil der einen und den Verdrängungen der anderen, sprachen die Frauen, die am Krieg teilgenommen hatten, hinterher nicht über ihre Erlebnisse.

Aber nicht nur deshalb waren diese Erfahrungen verschüttet. Sondern sie konnten I in den ersten zehn Jahren nach dem Krieg auch gar nicht in Literatur und Film aufgezeigt werden, weil man damals das Heroische und das Männliche zeigen wollte. Erst als man eine andere Vorstellung vom Krieg entwickelt hatte, konnte man diese Erfahrung~n bearbeiten, dai~ der Mensch, ob Sieger oder Verlierer, den Krieg immer verliert. Seine langen Ausführungen entschuldigend leitete er selbst auf den Film von Wolfgang Pfeiffer über. Den privilegierten Platz am Tisch vor dem Plenum wolle er benutzen , um als erster etwas über diesen Film zu sagen. Ihm habe die Musik des Films und die Bearbeitung dieser Geschichte gefallen. Bezeichnend war für ihn, daß ein Deutscher diesen Film über die Friedenbemühungen der US-Veteranen und der UDSSR-Kriegsteilnehmer gemacht hat. Interessiert zeigte er sich an dem Amateurfilm des US-Veteranen. Udo Pfeiffer, der Bruder des Filmemachers und Mitarbeiter am Film, der in Vertretung von Wolfgang Pfeiffer gekommen war, gab Auskunft. Der Amateurfilm beinhalte sowohl eigene Aufnahmen des Veteranen als auch Bilder, die das sowjetische Fernsehen ihm überlassen habe.

Daß die Filmemacher in ihrem Film auch zeigten, wie die Meute der Medienarbeiter das Anliegen des kleinen Mannes überrollt , was vor allem in der Sequenz am Grab von Joe Polowsky am 40.Jahrestag des Aufeinandertreffens der US- und UDSSR-Armee groß aufgezeigt sei, fand Karl Saurer richtig. Und er lobte, daß den Filmemachern darüber, daß sie hinter dieses ·brutale Gerangel der Fotografen nochmals die Bilder der sich verbrüdernden Soldaten setzen, gelungen ~ sei, den Rhythmus und die Weichheit des Films zu bewahren.

Bemängelt wurde, daß die russischen Veteranen nicht gleichgewichtig im Film vertreten seien und daß der einzige sowjetische Veteran, der im Film auftrete, sich sehr allgemein äußere.

Die Gewichtung des Films resultiere aus dem begrenzten Budget des Films, was ausgiebige Reisen in der UDSSR nicht gestattet habe. Des weiteren sei sie in der Entstehungsgeschichte des Films b~gündet. Zuerst hätte Wolfgang Pfeiffer aufgrund einer Zeitungsmeldung einen Film über die Veteranen von Torgau als BRD/USA/UDSSR-Koproduktion machen wollen. Es lagen auch Zusagen aus den Ländern vor. Dann aber sei der US-Produzent ausgestiegen, weil die UDSSR verlangt hatte, daß der Film in Moskau geschnitten wird, was die Verwertung in der USA eingeschränkt hätte. Daraufhin schrieb Wolfgang Peiffer das Vorhaben um, weil das Budget sich von 800 Tsd.DM auf 200 Tsd.DM reduziert hatte. Nun stand Joe Polowsky im Zentrum des Films.

Der Film wurde allgemein gelobt, weil er das Bemühen des „kleinen Mannes“, für die große Idee des Friedens zu kämpfen, unterhalb der der offiziellen Eoene aufzeigt. Der Film aber auch nicht verschweige, mit welcher Gnadenlosigkeit die Medien dieses Ansinnen mißbrauchen. Das Schöne am Film sei, so Wilhelm Roth, daß diese Menschen trotzdes Medienrummels sie selber bleiben.

Detlef Ziegert sprach daraufhin mehr in die Öffentlichkeit der Duisburger Dokumentarfilm-Woche hinein, als er die besondere Zusammenarbeit von Verleih und Filmemacher dieses Filmes hervorhob. Im Gegensatz zu den üblichen Kontakten, seien hier sehr frühzeitig gemeinsame Gespäche geführt worden, was ermöglicht habe, daß eine Vertrebstrategie vor Fertigstellung des Films habe entwickelt werden können. Das Verleihkonzept dieses Films versucht,den Traum der Veteranen im Film aufzugreifen und den Film gleichermaßen in den USA, der UDSSR und der BRD zu verleihen. Da für die Untertitelung des Films ein großer Teil der Vertriebsförderung verausgabt wurde, versuchte er kräftigst, die anwesenden Journalisten für eine Verbreitung des Films zu gewinnen. Die positive Aufnahme des Films konnte aus Zeitgründen im Gespräch nicht weiter dargestellt werden.