Duisburger Filmwoche

Film

Armee der Liebenden oder Aufstand der Perversen
von Rosa von Praunheim
DE 1979 | 107 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 3
1979

Diskussion
Protokoll: Regine Halter

Protokoll

Rosa von Praunheim konnte an der Diskussion selbst nicht teilnehmen. Auf seinen Vorschlag hin versuchten Michael Wolfram von der Dortmunder Schwulengruppe und Michael Föster, schwuler Filmjournalist, Fragen zum Film zu beantworten. Ein Vertreter des „Arbeitskollektiv Päderastie“ war ebenfalks anwesend.

Der Film wurde zwischen 1972 und 1978 in den USA gedreht. Der WDR Köln beteiligte sich an der Produktion mit DM 80.000,— und hatte damit 1 Stunde Sendezeit eingekauft. Diese Stunde deckt den 1. Teil des Films ab, der im wesentlichen ohne Darstellung schwuler Sexualität arbeitet. in voller Länge ist der Film nur in Kommunalen Kinos und auch in Programmkinos zu sehen.

Eine Position in der Diskussionsrunde wandte sich kritisch gegen den Film, zum einen gegen die Darstellung der Sexualität von und unter Schwulen, zum anderen gegen die Problemdarstellung allgemein ‚Schwulsein m unserer Gesellschaftsform‘.

Die Sexualität sei auf Technik reduziert. Sie sei aber mehr, beinhalte Erotik, Emotionalität. Die Reduktion auf Technik zeige zusätzlich, daß die Rollenvorstellungen von Schwulen (als Männer) nicht hinterfragt, sondern verstärkt würde.

Schwierigkeiten wurden auch darin gesehen, daß die Päderastie einen enormen Stellenwert im Film hatte. Darin bestünde z. B. auch eine Differenz zur Lesbenbewegung, in der sexuelles Begehren von „kleinen Mädchen“ nicht üblich sei. Unklar war dabei, wie sich das (im Film nicht kritisierte) Bedürfnis nach Päderastie ver. trägt mit der ebenfalls im Film gestellten Forderung, gleichwertige Beziehungen aufzubauen. Ungleichheit sei in den Beziehungen zwischen Jugendlichen bzw. Kindern und Erwachsenen doch von vornherein gegeben. Die Darstellungen der Lebensformen bei Schwulen widerspreche schließlich auch der Forderung Rosa von Praunheims, überkommene Strukturen des Zusammen.lebens, Familienstrukturen, aufzubrechen, Gesehen hätte man vorwiegend Zweierbeziehungen.

Zum Vorwurf, daß Sexualität auf Technik reduziert sei, kam die Entgegnung, daß im Film sehr wohl auch Zärtlichkeit, Formen erotischer Kommunikation etc. gezeigt worden seien (z. B. Rosa und Freund). Bestätigt wurde dagegen, daß in den Köpfen der meisten Schwulen das ideal des omnipotenten Mannes herumgeistere und sich in den erotischen und sexuellen Bedürfnissen auch ausdrückt (z. B. Lederschwule).

Was die Lebensformen angeht, wurde darauf hingewiesen, daß die Forderung Rosa von Praunheims sich ja gerade auf den status quo richte. Und der sei auch bei Schwulen „stocknormal“: manche möchten gern zu zweit sein, andere probieren neue Lebensformen aus, etc.

Die Kritik an der Darstellung des Schwulenproblems allgemein konzentrierte sich darauf, daß in diesem Film nicht die Ängste und Nöte der Schwulen einzeln und konkret aufgezeigt worden sind (z. B. Beziehungsprobleme, aber auch Berufsverbote usw.), der Blick des Zuschauers nur auf eine in diesem Sinne — und differenzierte Masse gerichtet worden sei, Der Film zeige nur die ,rosa‘ Seiten des Schwulseins, das aber in den USA genauso schwierjg sei wie hierzulande. Im Rahmen dieser Kritik sei auch zu beanstanden, daß die Kommerzialisierung der Schwulenbewegung überhaupt nicht aufgegriffen worden sei. Die Bedrohung, die das für die Schwulenbewegung bedeutet (Aufforderung zur Anpassung), sei aber sehr stark. Der Film erstarrt, so weiter ein Vorwurf, im Remmidemmi, als ob Schwulsein ein permanentes Fest sei. Die Darstellung des Ganzen sei für (na eh) nicht solidarische Zuschauer eher schockierend, da eine rein narzißtische Selbstdarstellung eher abstößt.

Eine weitere Kritik faßt (für sich) zusammen, was die Schwierigkeit des Films ausmache: Rosa von Praunheim schwankt ständig hin und her zwischen der Darstellung von einzelnen Schwulen und der ganzen Schwulenbewegung. Das vermittle eine Unentschiedenheit. die den Zuschauer unzufrieden und unsicher mache. Andererseits kam aus der Diskussionsrunde auch sehr viel positive Kritik, meist — aber nicht nur von Schwulen: im Vergleich zu „Nicht der Homosexuelle ist pervers. einem früheren Film Rosa Praunheims, sei ARMEE DER LIEBENDEN sehr wohl ein Agitationsfilm. Die Absicht Rosa von Praunheims war es, zu zeigen, daß nur durch das „Coming out“ der Schwule seine aufgezwungene Anonymität, die auch immer die Gefahr der Kriminalisierung berge, politisch überwinden kann. Der Film sei ab u solut ehrlich und bekunde die Arbeitsphilosophie des Filmemachers: Schockieren, um die Verdrängung des Problems zusammenbrechen zu fassen, Damit würde ein subjektives Bewußtsein provoziert, das die Verhältnisse verändern kann, anstatt wie üblich — objektivistisch und entfremdet sich von irgendwelchen Veränderungen überrollen zu lassen, die einem letztlich nur aufgedrängt sind, aufgeschwatzt wie der ganze Warenschund. Der Schock beinhalte auch eine Kritik an den Schwulen selbst, die bisher nicht schockieren wollten, sondern sich lieber weiter verstecken und unterdrücken lassen. Darüberhinaus werde im Film auch klar, daß der allseitige Schock des „Coming out“ nur in der Gruppe geleistet werden kann, den Schwulen vor faschistischen Attacken (z. B. nach Art der Anita Bryant) wieder beschützen kann, Gegenangriffe möglich macht.

Eine weitere Kritik verstärkte positiv, daß der Film ohne Taktik arbeite. Er sagt: ‚So sind wir‘ und versucht nicht, den notwendig damit verknüpften Schock wieder abzudämpfen durch Schönmacherei (etwa durch die Darstellung nur von ‚sympathischen‘ Schwulen usw.).Narzißmus sei im übrigen die historisch Form des „Coming out“. Die damit für den Zuschauer verbundene Sensation der Aggressivität ist politisch notwendig und erklärbar aus der Tatsache, daß der Ausbruch des gesellschaftlich Verdrängten bei den Verdrängern Angst auslöse. Die Lust an der Selbstdarstellung sei zudem im Film auch wieder problematisiert worden (in der Kritik einet Lesbierin am Auftritt der Tänzerin in einem Schwulen-Lokal, die die Unterdrückung und Verachtung der Frau auch bei Schwulen manifestiere).

Es sei schließlich falsch, den Film mit Ansprüchen zu überfrachten: gezeigt werden sollte vor allem eines, nämlich Schwule in Bewegung. Das sei vollauf gelungen.