Duisburger Filmwoche

Film

Verlorene Zeit
von Günter Jordan, Sylvia Neumann
DE 1991 | 60 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 15
16.11.1991

Diskussion
Podium: Günter Jordan
Moderation: Didi Danquart
Protokoll: Lothar Leininger

Protokoll

Man könne sich diesen Dingen, als Mensch, der mit Bildern umgeht, nur vom Rand nähern. ·Diese Dinge ·.si-nd in „östl i eher Landschaft“ der Zustand und das Ende der DDR-Gesellschaft; der Film versuche weitergehend , etwas über den Zustand von Gesellschaften überhaupt ·zu sagen.

Didi Danquart konstatierte·, die äokumentari sehen Bilder seien sehr schön. durch die Töne kommentiert (Ein anderer Zuschauer sprach später sogar davon, die Bilder der l~üllkippe würden durch die Stimme Carusos geadelt); es habe ihn deshalb gewundert, warum nach den vorgefundenen ·Bildern Eduard Schreiber die Szene mit dem nackten t·iann inszeniert habe.

Für ihn (E.S.t sei Film in erster Linie Bilder und Montage, man solle in der SChlußsequenz nicht mehr sehen wollen, als daß die DDR-Bürger, nach einer Inflation von immer gleichen Sätzen und Fragen, sich nicht nur der . Insignie~ ihres Staates, sondern auch ihrer eigenen Identität entledigt hätten.

Das Verhältnis von dokumentarischen Bildern und inszenierter Schlußsequenz bestimmte den Fortgang der Oiskussia;, .

Die Haupteinwände v1aren, die offensichtliche Symbolik der Szene verstelle den Blick auf die Hirklichkeit und lade die dokumentarischen Bilder ebenfal ·ls nachträglich symbolisch auf, sie mache diese damit weniger glaubwürdig, der Schluß sei überhöht und zu stark.

Der Vorgang sei ab·er auch ein starker gewesen, entgegnete Eduard S{:hre i ber. Auch er sei kein Vertreter von puristischen Formen; das Schöne am Filmemachen sei doch, daß man alles machen könne. Außerdem habe er keine moralisib~ ende Absichten gehabt, sondern im Gegenteil versucht, sich von der gängigen DDR-Filmpraxis abzusetzen, die mit jeder Einstellung den besseren · ~ienschen . zu erzeug·en und vorzuführen versucht habe.

Dietrich Leder erzählte dann (nach einem kleinen Exkurs über die Eleganz der Bilder und die fehlende olfaktorische Präsenz des Mülls} abschließend und überleitend die Geschichte eines Xruzifixschnitzers, der die Leidensmierie Christi so ausdrucksstark habe darstellen wollen, ·bis .schließlich der 1usdruci< des Schmerzes gekippt sei ("Scheiße, jetzt lacht er"). Auf die Vermutung von Didi Danquart, es handele sich bei VERLORENE ZEIT nicht nur um Zeitgeschichte, sondern auch um eine persönliche Auseinandersetzung des Filmemachers, antwort~te Günter Jordan, die Idee. zu dem Video gehe auf denehemaligen Direktor der DEFA zurUck,der ihn zweimal ‚rausgehauen habe; zu jener Zeit sei das Thema Ackermann noch tabu gewesen, auch hätte sowas damals noch vom Politbür.o genehmigt werden müssen, weshalb sie erst gar nicht um Erlaubnis gefragt Mtten. Ackermann habe immer als großer Name herumgegeistert, die Recherche habe aber die Geschiente einer _grauen Maus, eines völligen Versagers ergeben. Bezüglich der Produktion hätten sie bis zum Schluß ~i~ eingehen müssen. Der Film habe viel mit ihm zu turi, da das Thema die Möglichkeit geboten habe, sich mit Problemen, die über seinen Vater auf ihh gekommen seien, auseinanderzusetzen, sich über sein Verhältnis zur Gesellschaft klar zu werden. Günter Jordan sprach in die~ sem Zusammenhang auch von der Notwendigkeit, die Nabelschnur zu durchtrennen. Roswith~ Ziegler· hatte besonders der Umgang mit dem historischen Bildmaterbai gefallen, fUr sie sei VERLORENE ZEIT der bisher beste Film der Duisburger Filmwoche. Nach einem kurzen Ausflug zum Pawlowschen Hund und der Metaphorik von Krankheiten, bezogen auf Menschen und Gesellschaften. griff Eduard Schreiber die Problematik der Verwendung von Archivmaterial wieder auf. Es sei schwierig, einen dezentralen Blick auf die Dinge aus diesen Stellvertreterbildern zu entwickeln. Auch das Verlangsamen der Laufgeschwindigkeit nütze da nicht viel, man müsse in so einem Fall besser andere Medien wählen oder vielleicht Fotos sammeln. Günter Jordan zeigte sich selbst mit den Bildern , nicht zufrieden, es seien keine Korrekturen mehr möglich gewesen, der count down lief. Desnalb sei der Film illusfrierend, er sei „unter~egs“. wenn auch nicht sonderlich analytisch. Zum Text erklärte Günter Jordan, es handele sich hier um die sechste Variante. · Ziel seffür ihn, einen Text auf eine gewisse literarische Höhe zu · bringen,dies.er solle aber auch ·nichtl‘.bierernst daherkolJIJien. Vielleicht habe die jetzige Fassung einen zu großen Unterhaltungsanteil. Ihm habe beispielsweise der spielerische Umgang··bei Didi Danquarts Montage·gefallen. bei seinem eigenen Film -erschienen ihm jetzt einzelne Passagen als zu bemüht. Als problematisch wurde von einigen Zuschauern auch empfunden, daß die Herkunft einiger als pathetisch empfundenen Sätze nicht gekennzeichnet sei. Günter Jordan stimmte auch dieser ·Kritik zu und erläuterte, es handele sich um Sentenzen von Peter Weiss und Santiago Carillo sowie .um Leitsätze seines Vaters. · Auf die Frage, ob es in der ~hemallgen DDR heute die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gebe, erwiderte Günter Jordan, ·dieser Film sei heute erst zum zweiten Mal öffentlich gezeigt ·lorden, .zuminoostin den Sendeantalten des Ostens wie des lestens gäbe es anscheinend keinen Bedarf.