Duisburger Filmwoche

Film

Gudrun Pehlke: Statistisch gesehen sind Sie tot
von Hans-Dieter Grabe
DE 1987 | 61 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 11
11.11.1987

Diskussion
Podium: Hans-Dieter Grabe, Gudrun Pehlke (Protagonistin)
Moderation: Bärbel Schröder
Protokoll: Ricarda Wojewski

Protokoll

B. Schröder eröffnete die Diskussion mit der Frage nach der Entstehungsgeschichte des Films.Über die onkologische Laienhelferin des ZDF habe er Gudrun Pehlke kennengelernt. Sie befand sich noch im Stadi.um der akuten Krebserkrankung. Grabe sei von der Fähigkeit G. Pehlkes~rückhaltlos zu erzählen~ beeindruckt gewesen.

Angesprochen auf ihre Motivation,den Film zumachen,an;~e~tet~~G. Pehlke, daß man offen darüber (über die Krebserkrankung) reden sollte. S1e konnte von Anfang an darüber sprechen, trotzdem Kollegen mein“ten, man sollte darüber nicht sprechen. Krebs verbände man gleich mit dem Tod. Sie hoffe1 der Film sei ermutigend und wecke nicht gleichzeitig falsche Hoffnungen. ·

Der Film hätte sie gezwungen, alles noch einmal zu v.eFarbei ten ~ anfangs sei sie aufgeregt gewesen, doch dann ging alles .einigermaßen. 11Man redet über alle möglichen Krankheiten,’warum nicht auch über Krebs11 .(G.Pehlke)

W. Ruzicka stellte fest, daß sie das Tabu übe!(den Tod zu reden aufgehoben hätte. Daraufhin erzählte G. Pehlke, sie habe im Krankenhaus gedach.t.1noch 2 bis 3 Jahre zu leben und sei sehr erschrocken gewesen, als ihr eine Ärztin später mitteilte, daß sie,statistisch gesehen,schon tot gewesen sei.

Eine Zuschauerin bekundete ihre starke Betroffenheit. Sie fragte, warum die Schnitte immer dann gesetzt wurden, wenn es persönlich wurde>und vermißte zudem eine ausführliche Erklärung der psychischen Ursachen der Erkrankung. li … E.r. Grabe erläuterte, daß die Schnitte schmerzvolle Eingeständnisse an die Sendezeit seien. Den psychologischen Aspekt habe er weitgehend ausgeklammert1um dem Bereich der Spekulationen zu entgehen, zudem habe die Therapeutin G. Pehlkes nicht Aussagen wollen.

G. Pehlke vermutete, daß der Rückgang ihrer Krebserkrankung nicht allein in der Psyche oder der Ernährungsweise zu suchen sei, daß die Chemotherapie viel bewirkt habe. Die esychotherapie habe ihr bewußt gemacht, daß sie Schwierigkeiten habe; aggressiv zu sein, sie zu viel Verständnis habe~ hier sieht sie auch einen möglichen Zusammenhang zu ihrer Erkrankung. Die Trennung ihres Freundes von ihr~ aus Angst davor sie könne sterben, beschrieb sie als Erleichterung~ da eine Entscheidung gefallen war, obwohl sie die Trennung nicht wollte.B. Schröder bemerkte, daß möglicherweise,weil G. Pehlke allen Fragen auf den Grund gegangen sei und nichts dem Zufall überlassen habe, der Krebs keine· Chance haben konnte. In diesem Zusammenhang sagte G. Pehlke,sie sei sich nicht bewußt.etwas Besonders getan zu haben.

Den Wendepunkt des Films bezeichnete W. Ruzicka mit dem Gedanken G. Pehlkes: „Ich werde wieder gesund“ – Dieser Gedanke- so G. Pehlke- kam von Innen heraus, sie könne ihn nicht erklären.

D. Leder verwies auf die Schwemme von Arztthemen und med. Informationen im dt. Fernsehen, da sie eine sichere Karte sei~etwas zu zeigen, was den Menschen angehe. Ihm habe besonders gefallen, daß ei~e Erfahrung mitgeteilt wurde, ohne dem therapeutischen Diskurs zu verfallen. Er lobte die Qualität der Gesprächführung H.D. Grabes und die Aussagekraft G. Pehlkes •

In diesem Kontext nannte W. Ruzicka den Mythos der medizinischen WirklichkeitJ der Machbarkeit, er sei aufgehoben. Die Ärzte würden in einer Mischung aus Angst, Demut und Verwunderung gezeigt.

G. Pehlke verwies auf ihr Glück,Herrn Dr. Schniep begegnet zu sein, der ihr – im Gegensatz zu den anderen behandelnden Ärzten in der Klinik – eine Chance gab, u.a. auch zur Chemotherapie.

Von dem Hausarzt G. Pehlkes, der sie 1 1/2 Jahre auf ein falsches Krankheitsbild hin behandelte, sei kein Statement eingeholt worden. G. Pehlke wollte lediglich, daß der Hausarzt über ihre Krankheit unterrichtet wurde, auch im Hinblick auf andere Patienten von Ihm.

Mit den Zwischenschnitten, den Bildern in und von dem ZDF, den Alltagsszenen aus G. Pehlkes Leben und dem Fernsehton des Kommentars habe er – D. Leder – Schwierigkeiten. Sie seien für ihn kei~ Ruhebilder. EinZuschauer merkte an, daß die dem Gespräch eigene Intensität durch die banalen Schnitte gestört sei. Konträr dazu verstand ein anderer die Zwischenschnitte als Ausdruck des Lebens in der Gegenwart. Die Alltagsszenen hätten den nüchternen Stil der Gespräche und bedingten, daß die so heikle Nähe nicht peinlich würde, daß man nicht zum Voyeur würde.

H.D. Grabe betrachtete die Zwischenschnitte als lebendige Pausen, als Unterbrechung, die zugleich den Arbeitsplatz G. Pehlkes, das ZDF, vorstellen sollten. W. Ruzicka konnte den ZDF-Raum nur schwer als Alltagsraum verstehen und fragte nach inszenierten, abgelauschten Szenen. G. Pehlke sagte, daß die Gespräche nicht gestellt seien, wenn auch vorbereitet, sodaß sie nicht dem normalen Arbeitsablauf-entsprächen (z.B. die Arbeitsverteilung in der Bibliothek).

Auf die erwarteten Reaktionen nach der Fernsehausstrahlung angesprochen, erwähnte· H.D. Grabe, daß auf Grund der „Faszination die von einem dokumentarischen Helden ausgehe, zahlreiche Zuschauerreaktio~~ingehen w~rden, die voryallem .. G. Pehlke betreffen würden.

G. Pehlke erzählte, nach-ihrer Reaktion beim ersten Sehen des Filmsbefragt, daß sie zuerst nur die Aussagen der Ärzte beachtet hätte. Das erste Gespräch H.D. Grabes mit dem Operateur (Dr. Schniep) habe sie ja auf Band gehört: „Es hat mich umgehauen, daß die Chemotherapie einem Zufall zu verdanken war.“ (G. Pehlke) Damit die psychische Belastung für G. Pehlke gering blieb, sah sie den Film erst nach der Fertigstellung.

Die Gespräche konnten in der kurzen Zeit von nur 5/6 Tagel’l gedreht wereerh da G. Pehlke die Fähigkeit besitze zur Genauigkeit und Klarheit so H.D. Grabe. 11Wenn man sie hört, weiß man, da sagt jemand die Wahrheit11 (H.D. Grabe), dies mache die Authentizität des Film aus, so H.D. Grabe.

Bisher habe H.D. Grabe vorallem mit dem Spannungsfeld Individuum und Gesellschaft beschäftigt und ·und beschreibt~diesem Film die Lebenserfahrung als Private (W. Ruzicka). Demnächst worde er (H.D. Grabe) wieder verstärkt die Wechselbeziehung von Individuum und Gesellschaft darstellen, berücksichtigen.

Abschließend sagte D. Leder, daß de~Ti tel der Reihe „Lebenserfahrungen“, die seit einigen Jahren läuft,für ihn noch nie so stimmig gewesen sei.