Duisburger Filmwoche

Film

Endstation Schlesien
von Peter Adler, Hans-Jörg Reinel
DE 1987 | 75 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 11
13.11.1987

Diskussion
Podium: Peter Adler, Hans-Jörg Reinel
Moderation: Bärbel Schröder
Protokoll: Esther Baron

Protokoll

„Flüchtigkeit“erwies sich als das Wort der (Diskussions-)Stunde und wurde als Begriff durchaus kontrovers immer wieder aufgegriffen.Für die beiden Filmemacher war zunächst die F l ü c h t i g k e i t der erzählten Momentaufnahmen von U-Bahn‘:“‚Fahrenden, -passanten,-„bewohnern“ und -profis(wie dem BVG-Abfertigungspersonal oder Kontrolleuren)von Bedeutung.Sie hätten die Geschichten „auf sich zukommen lassen“,Spontanes sei entstanden,unerwartete Situationen eingetreten und teilweise hätten vorhandene Klischees revidiert werden müssen. Das ursprüngliche Konzept des Drehbuchs ,dokumentarisch mit Archivaufnahmen und ähnlichem zu arbeiten,hätte sich nach und nach v e r f l ü c h t i g t.Das Filmteam ließ sich überraschen,sammelte IMPRESSIONEN auf den U-Bahnhöfen zwischen Zoo und Schlesischem Tor.

Einem Mitglied der Medienwerkstatt Franken erschien dieses Impressionieren ein Manko ,das für den f l ü c h t i g e n Eindruck des Films verantwortlich sei.Man steige als Zuschauer in ihn{den 1ilm)ein und steige aus, wie in die U-Bahn eben.Andere Stimmen lobten hingegen die Intensität der Bilder,die nicht nur alteingesessene Berliner U-Bahnfahrende anspreche. 11Hier zeigt sich, daß die Leute außer dem ständigen (750 Jahre)Feiern ganz normal weiterleben … (Elfriede Schmitt).Anerkennung gelte auch dem Verdienst des Films,“das soziologische Phänomen der Ansammlung herausgearbeitet zu haben … verlautbarte ein anderer.

Ebenfalls kontrovers wurde die Tatsache erörtert,daß sich die nur allzu häufig erlebte Langeweile und Stummheit .des alltäglichen U-Bahn-Fahrens v e r f l ü c h t i g t habe,das heißt nicht sichtbar geworden sei.Die Kommunikation an solch einem Ort wie dem der U-Bahn hatte die mei sten Zuschauer überrascht. Die Filmemacher räumten denn auch ein,daß dieses Bild der Interviewbereitschaft nicht ganz repräsentativ sei.Es habe durchaus lakonische Statements gegeben ( 11 Fahren Sie regelmäßig U-Bahn?“ „Ja. 11 ), d i€ beim Endsehn i tt nicht mehr berücksi chtigt wurden.

Das Auslassen „unfertiger Szenen“sowie abgebrochener odiir unterlassener Interviews( ZiB. erscheint eine Opernbesucherio am U-Bahnhof 11Deutsche Operu elegant gekleidet im Bild,ohne interviewt zu werden.)wurde teilweise bemängel Auch sei das Bedrückende,beispielsweise die alltägliche Angst von Frauen oder alten Menschen,nicht 11 rübergekomnen11 .Die Filmemacher erklärten dies mit der Tatsache,während des Drehens nur peripher(z.B.in der Schlägereisequenz der Jugendlichen)mit solchen Momenten konfrontiert worden zu sein.

Allzu beschönigend empfand eine Zuschauerio den dramaturgischen Einsatz der Musik.Mit 1+1/fe dt.T Saxophonparts Franccis Galvan}s sei versucht worden, 11eine Geschichte zusammenzukleistern .. ,wo keine vorhanden sei.Die Musik verltiN: m1ttle sozusagen einen neuen Mythos,eine neue,nicht nachvollziehbare Melancholie. Adler verteidigte die Filmmusik:Der Saxophonist Galvani $el mit der Stadt tief verbunden und er selbst fühle die U-Bahn-Atmo adäquat in der Musik widergespiegelt.Dem Vorwurf,lediglich Exoten gezeigt zu haben und damit ein falsches Berlinbild zu vermitteln,widersprach Claire Doutriaux,die Vertreterio von La Sept,aunenergischste.“Endstation Schlesien“sei ein legitimer, durchaus einfühlsamer,schöner Blick auf Berlin.

Die von Adler und Reinel geschilderten Produktionsbedingungen entkräfteten die Kritik am „belehrenden“Kommentar(„ein touch von Industriefilm“) .Der Film,zunächst ohne Auftrag auf eigenes Risiko hin abgedreht,wurde nach einer ersten Materialsichtung von Radio Bremen als zu den üblichen Jubelfilmen a~nativer Beitrag zur 750-Jahr-Feier mit 70.000-80.000 DM plus Beistellung finanziell unterstützt.Der Bremer Produzent,sehr angetan vom gesichteten Material, stellte gar eine neu gekaufte Videoanlage zur Verfügung.Er machte allerdings zur Auflage,den Kommentar auch für Nichtberliner verständlich zu machen und dachte dabei beispielsweise an das Einmontieren von Stadtplänen. Gegen Letzteres konnten sich die Autoren erfolgreich zur Wehr setzen. Auch die BVG zeigte sich kooperativ und stellte einen 11Persilschein11für zwei .Drehmonate .aus,eine nicht selbstverständliche Geste,die die Dreharbeiten ungemein erleichterte.

Gegen Ende der der Diskussion kam man auf den Nachspann zu sprechen,der zwar die BVG namentlich erwähnt,die übrigen Beteiligten jedoch vernachlässigt habe.

Die Autoren erwiderten,daß für sie im Film selbst,also implizit,selbstverständlich eine Danksagung an alle Vorgestellten enthalten sei.