Duisburger Filmwoche

Film

Exilio
von MW Freiburg
DE 1984 | 59 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 8
08.11.1984

Diskussion
Podium: Didi Danquart, Walter Mosmann
Moderation: Michael Kwella
Protokoll: Dietrich Leder

Protokoll

Es ist festzuhalten, daß die Diskussion nicht stringent verlief, daß sie sich vielmehr im Zickzack bewegte, mal da sich in Einzelbeiträgen (~ lt~ Vorträge“) oder da sich in Wiederholungen verlor. Trotzdem war die spätabendliche Veranstaltung informationsreich, und was den Grad der filmemacherischen Selbstreflexion angeht, erfreulich konkret. Das Protokoll geht nicht summarisch sondern chronologisch vor.

Michael Kwella wies zu Beginn auf den Tatbestand hin, daß dieses Videoband weit weniger Publikumszuspruch geerntet habe als im letzten Jahr der Film „Die nackten Füs ·se von Nicaragua“. Für ihn drücJe sich in diesem aktuellen Desinteresse das typische Verhalten der bundesrepublikanischen Linken aus, die nach Moden („Heute Vietnam, morgen Portugal, übermorgen Nicaragua“) ihr Interesse organisiere. Walter Moßmann ergänzte diese Betrachtung durch den Einwurf: „Außerdem sind Flüchtlinge keine Sieger!“

Zu den Produktionsbedingungen : Die Einladung sei-:- über -die i Flüch-tlingshilfe Lateinamerika‘ – direkt aus dem Lager gekommen. Sie seien für drei Wochen nach Honduras geflogen (in Begleitung von der GrünenAbgeordneten Beck-Oberdorf und dem SPD-Parlamentarier Schöfberger), dort hätten sie ohne größere Schwierigkeite n drehen können („Das deutsche Fernsehen hat einen guten Ruf in Honduras und El Salvador, nicht ohne Grund“ – W. l“!oßmann). Im Lager hätten sie insgesamt 10 Tage verbracht.

-Eine zUScha·uer:Ln hiel tes für Problematisch~ daß-SiCh-der Film auf die Darstellung allein eines Flüchtlingslagers beschränkte, so wären ganze Problembereiche ausgegrenzt, die zwangsläufig miterörtert werden müßten, sollte der Film (das Video) seinen Zweck erfüllen. Walter Moßmann entgegnete, daß das Band nicht für isolierte Filmveranstaltungen~ etwa in einem Kino, gedacht sei, sondern für Veranstaltungen, in denen stets etwas erklärt und erläutert wird, so daß das Videoband oft nur „ein Stück einer Veranstaltung“ sei, auf der genügend Fachleute den Zusammenhang oder den aktuellen Stand der Auseinandersetzungen einbringen würden. Didi Danquert ergänzte, daß es im Video darum gegangen wäre, daß Lager als Lager zu zeigen, in seiner ganz konkreten Situation, daß erst in zweiter Lin~der US-Imperialismus Thema sei.

Eine weitere Zuschauerin äußerte Kritik am Band. „Ihr sagt im Untertitel ‚Eine Aussenansicht‘, und ihr sagt nicht ‚Eine Vermittlung‘. Die Lagerinsassen haben die Demo für Euch inszeniert“ (Einwurf von Moßmann: „Und für Euch!“), „damit ihr es ans deutsche Volk weitergebt, wie sie sagen. Für ein deutsches Volk, das es nicht gibt. Ihr kommt da gar nicht vor.“

Ehe einer der beiden darauf antwortete, folgte einer der erwähnten längeren Vorträge, die in ihrer Komplexität und sprachlichen Differenziertheit (das ist nicht ironisch gemeint!) protokollarisch schwer zu erfassen waren. Der Einwand des Protokollanten, sich selbst mal wieder wichtiger nehmend als die Sache, aber das passt ja zur Stimmung unter den Dokumentaristen, richtet sich auch weni~ ger darauf, daß so etwas gesagt wird, denn solch einerRede hört man gerne zu, als vielmehr darauf, daß diese Vorträge in einem merkwürdigen Sinne den Diskurs, den sie zu beginnen scheinen, bereits wieder beenden. Weniger, was in ihnen gesagt wird, als daß es überhaupt gesagt wird, scheint ihr Zweck, scheint – richtiger gesagt – ihre Wirkung. Um es am Beispiel zu erläutern, dieser Vortrag begann mit einer allgemeinen Wertschätzung der ‚Medienwerkstatt‘, leitete dann zu einem längeren Exkurs über den Begriff ‚Heimat‘ über (hierzulande und in Honduras), der einen weiteren kurzen Exkurs zum Erfolg der Reitz-Serie „Heimat“ in sich barg, um dann kurz das dif-:fizile Verhältnis der bundesrepublikanischen Linken zur Befreiungsbewegung der FMLN in El Salvador zu streifen, ehe er dann mit den Worten „ein erfrischend konkreter, konkretistischer Film“ fast seinen Abschluß gefunden hätte, wenn nicht noch die Frage gefolgt wäre, wie es denn um die „Evangelischen“ bestellt sei, die in El Salvador oder Honduras eine größere Rolle zu spielen scheinen, wie man ja auch EXILIO entnehmen konnte.

Selbstverständlich folgte von Nalter Moßmann, der der ebenso prägnanten wie der weitausholenden Rede nicht abaeneigt ist, zunächst nur eine Antwort auf die konkret.e Frage (daß die· evangelischen Sekten“ini. C-egensatz zu den katholischen Theologen ‚der Befreiung‘ durchweg nur einen Stillhalteeffekt im Sinn haben), dann aber eine zusammenfassende Stellungnahme auf die letzten beiden Wortmeldungen, so daß die zahlreichen Anmerkungen (und potentiellen Themen} des ‚großen Vortrags• wirkungslos blieben.

Moßm~nn beschrieb die Schwierigkeiten, in Honduras zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden, den Versuch, mehr als nur eine Aussenansicht zu erreichen, daß das aber nicht gelang, nicht gelingrn konnte. Wie sollte man den Schrecken des Bürgerkriegs darstellen? Sie hätten sich dann darauf geeinigt, das sie die ·szenische Rekonstruktion in ihr Band mitaufnehmen sollten. Aber auch da gäbe es Widersprüche, beispielsweise widerspräche dem Ordnungssinn der in Colomoncagua einsitzenden EI-Salvadorianer, daß einige während des Schreckensspiel lachten, weil es für die ja auch ein Spiel sei.

Didi Danquert ergänzte die Überlegungen mit der Feststellung: „Wir wollten keinen Solidaritätsfilm dre hen, und es ist trotzdem einer geworden.“

Trotz dieser Erklärungen fehltemeinem Zuschauer das „Eigene“, die spezifisch eigene Pesrpektive auf die Dinge und Ereignisse, die doch sonst die anderen Bänder der ‚Medienwerkstatt• ausgezeichnet habe. Außerdem gäbe es einige durchaus peinl iche Stellen, etwa die Interviewpassage, in der Moßmann fragt, was die Frauen mit dem Reis machten. Zunächst mit dem Hinweis antwortend, daß natürlich im (spanischen) Original alles besser sei, erweiterte Moßmann dann doch seine Erklärung dieses ‚Fehlers •. Jeder, der mit einer Kamera irgendwo auftauchf, gerät unter den Druck, daß er etwas zu erklären hat, und daß die Menschen von ihm vor Ort erwarten, daß sie ihm etwas erklären. Dieser Druck hätte im Lager verstärkt geherrscht.

Im übrigen, fuhr er fort, ein~Diskussionstrang aufgreifend, der abgeschlossen schien , sei er der Meinung, daß der Anspruch der Flüchtlinge aus El Salvador richtig sei, über sie an das deutsche Volk zu appellieren, dessen Reichturn h~r ja von der Armut und der Ausbeutung dort abhänge. „Solange wir es hier nicht verhindern, hängen wir alle mit drin!“

Mit dem Hinweis auf die derzeitige Kopienzahl, mit der der Film in der Bundesrepublik derzeit unterwegs sei (35), und auf die Lage im Lager, das immer noch existiere, also nicht deportiert worden sei, schloß die Diskussion. Ein weiterer Film stand zur mitternächtlichen Stunde noch an.