Duisburger Filmwoche

Film

Bitterer Zucker und …denn ihrer ist das Himmelreich
von Gordian Troeller, Marie-Claude Deffarge

Screening
Duisburger Filmwoche 8
11.11.1984

Diskussion
Podium: Gordian Troeller, Frau Becker Ross
Moderation: Angela Haardt, Michael Springer
Protokoll: Jochen Baier

Protokoll

Angela Haardt eröffnete das Gespräch mit der programmatischen Aufforderung, anband beider gezeigter Filme über das Verhältnis des Dokumentarfilms, dessen Existenzschwund Thema der gesamten Filmwoche war, zur Fernsehöffentlichkeit zu diskutieren. Herrn Troeller bat sie , aus seiner langen Arbeitserfahrung im Fernsehen heraus Geschichte in die Debatte hereinzuholen.

Eine Spanne von 16 Jahren überblickend zog rrordian Troeller ein zwiespältiges Resumee : 195’B als Ausländer nach Deutschland gekommen, habe man zunächst schreiben können, was immer man wolle. Kritische Reportagen seien aufgrund des damaligen Demokratiebedürfnisses sehr gefra?:t gewesen; heute hinp.egen könne man Artikel 1.m. damaligen Stil nicht mehr veröffentlichen. Fs sei wohl ein aus ~ener 7eit resultierender Bonus, der es ihnen – G. Troeller und ~.-C. Deffarge – ermögliche, auch heute noch kritische Wilme zu machen. Doch auch sie ~irden mittlerweile aus den ‚besseren‘ Sendezeiten verdr~n~t. Auf die Nachfrage, ob durch die Frfahrung bundesdeutscher Fernsehgeschichte seine politische und ästhetische Einstellun~ sich geändert habe, bemerkte Troeller zunächst, bezUglieh der kritischen Einstellung habe es keine Veränderungen gegeben. 1·Tohl aber habe er, was seine überwiegende Themenstellung betreffe , hinzu ~ele rnt. Den Prozeß der Unterentwicklung habe er erst nach und nach erkannt. In den Anfän~en habe er ein Fortschrittsbild vertreten, welches zwar kritisch in Bezug auf Herrschaft, unkritisch jedoch in seiner ethnozentristischen Anlage ~ewesen sei.

Auf Peter Christfan Halls Einwand, es sei vielleicht doch ein Widerspruch, wenn Troeller einerseits darauf hinweise, frtfuer habe man kritischer sein können, heute hin~egen sei er eiP,entlich noch kritischer, antwortete Troeller, die Kritik habe nach und nach ihn selbst mit einbezogen. Er, als kritischer Europ~er, habe nicht mehr sich selbst herausgehalten.

Angela Haardts Nachfrage nach der filmischen Erfahrung und ihrem Niederschlag in den Filmen Troellers/Deffarges leitete den umfänglichsten Teil des Filmgesprächs ein. Ihre Vermutung, Troeller zeige kein Vertrauen zu Bildern, wurde von diesem voll bestätigt : Seiner Ansicht nach könne man Bilder nur sprechen lassen in Bereichen, welche den Zuschauern bekannt seien. In anderen Bereichen snielten die Umfeldinformationen herein, die – was die 3. Welt angehe – vom „Stern“ bis zur „Bild-Zeitung“ reichten.

Man könne die 3. Welt nicht nur über Bilder vermitteln; h~tte man einen Film über das Persien des Schah über die Bilder wirken lassen, wäre beim Zuschauer – bei denen, die man erreichen wolle zumal – unweigerlich der Soraya-Eindruck durchgeschlagen. Man müsse einkalkulieren, daß der Großteil der westdeutschen Fernsehzuschauer die 3. Welt nur aus ~en g§ngigen Publikationen kenne. Um~ekehrt verhalte es sich im ubrigen ~hnlich: in der 3. Welt kenne man Europa ausschließlich aus dem amerikanischen Spielfilm.

Wohl sei ihm bewußt, daß in ihren Filmen zuviel geredet werde, jedoch sei auch viel zu sagen, wo die Desinformation so allp.emein sei. Auf mehrere Einwände, diese Art von Diskurs benöti~e den Dokumentarfilm recht eigentlich nicht mehr, warum also er ~ilme mache, wo es ihm doch um den Text gehe, gab Troeller die Frage zurlick, tiber welche Bilder man denn z.B. ein Phänomen wie „Kindheit“ definieren wolle. Er gebe zu, in einer Klemme sich zu befinden, beanspruche daher auch nicht flir sich, Dokumentarfilme zu machen, eher gehe seine Arbeit in die Richtung dessen, was die Amerikaner ttLeitartikelphotographie“ nennen.

Es ging in der Diskussion um Grundsätzliches: Werner Ruzicka taxierte das Gesehene als das wohl Radikalste, was in Duisburg 1qB4 gezeigt worden sei, gleichzeitig aber stelle ihm sich die Frage, ob dies noch Film sei,.trieben doch beide Filme die Skepsis ge~eniiber den Bildern so weit, daß sie Text würden.

Ein anderer Diskussionsteilnehmer bemän~elte, die Komplexität der Themen und Erfahrungen sei nicht glaubhaft entwickelt, da die Bilder emotional nicht nahebrächten, worum es dem Text gehe. Der journalistische Stil sei überdies ~ragwürdig.

Warum aber, fragte Troeller zurUck, glaube das Auditorium Texten, Artikeln und Büchern. Jemand aus der Runde möge ihm bitte erkl~ren, was der Unterschied sei zwischen Dokumentarfilm und Feature. Niemand habe ihm das bisher erkl§ren können. Man wisse sich vor Augen halten, worüber man rede: Er habe Sendezeiten im Fernsehen – solle er da Schwarzfilm zeigen ? Man wäre doch „beknackt“, nutzte man die M?’i~lichkeiten nicht, die man doch habe.

Christa Donner hielt das Mißtrauen in die Bilder, welches diese Diskussion beherrschte, ftir einP- Ergebnis struktureller Bedingtheften des Journalismus: der Zeitungsjournalismus habe stärker die M5~lichkeit zur Subjektivität, welche im Fernsehen durch dessen anstaltsmäßige Organisation verhindert werde.

Um Mißverständnisse auszuräumen, die aus der F.inzelpräsentation der beiden Filme resultierten, gaben Troeller und Becker-R.oss Uberdies zu bedenken, daß beide Filme Teile von Serien seien, daher auch thematisch einen weiter gespannten Rahmen abdeckten als dies in der Diskussion bisher gewürdigt wurde. So bemerkte Troeller auf den Einwand eines Diskussionsteilnehmers, er h~tte sich doch, einer genaueren Wahrnehmung zum Nutzen, beschränken k5nnen, eine Einstellung statt ftinfen nehmen können, das Thema sei der Zusammenbruch des Weltwirtschaftswunders Brasilien gewesen, nicht der F.un~er im Nordosten. Der Hunger habe dazu gedient, seine Rintergriinde zu erklären. Frau Becker-Ross ergänzte, daß es um eine Thematik gehe und um eine Zielgruppe. „BITTERER ZUCKER“ sei der Abschlu~film der Serie IM NAMEN DES FORTSCHRITTS. Es sollte gezeigt werden, da~ europäische Entwicklungskonzeptionen in der 3. 1t!el t nichts nUtzten, und zwar sollte es den Europäern gezeigt werden; die ~enschen hier sollten sich darüber bewußt werden, was sie mit Elend zu tun haben.

Peter Heller, der zu Bedenken gab, daß man nicht im entwicklun~s~olitischen Seminar sitze, wollte Genaueres über Troellers Arbeitsweise, die er im wesentlichen für eine von der ~konomie bestimmte hielt, wissen. Es interessierte ihn, wie Troellers immense Bilderberge zustandekämen. Auch hielt er Angela Haardts F,ingangsfrage nicht für beantwortet.

Er arbeite stets mit kleiner Kamera und in langen Aufenthalten, erwiderte Troeller, nie mit Professionellen, immer mit Interessierten. Ihm sei die Aussage wichtiger als das Bild. Immer sei die Kamera dabei, er habe jedoch nie ein Stativ, nie Zusatzlicht benutzt, da dies die normale Atmosphäre verdecke. Auch werde nie etwas gestellt oder ein Thema mit den Interviewpartnern vorbesprochen. Die Erfahrung lehre, daß dies zumeist auch nicht funktioniere.

Inzwischen, erklärte Troeller nicht ohne Ironie, gehe er nur noch in die Länder, die er kenne, er fahre i-mer mal wieder hin und sehe nach, was sich verändert habe.

Auf die Frage, warum einem schriftl ichen Produkt unter Umständen mehr zu trauen sei als einem Film, in welchem in dieser Weise gesprochen werde, ging abschließend nochmals Klaus Wildenhahn ein: Am Beispiel BITTERER ZUCKER erläuterte er, wie der Kommentar, die Erzählung über Hungerfolgen, die Bilder der Menschen ergänze. Dies schaffe Vertrauen. In ••• DENN IHRER IST ••• hingegen werde zu einem Bild (ein Kind, das mit einer Schere spielt) ein Kommentar ~egeben, den das Bild nicht trage. Der Kommentar schaffe hier einen T~erbau, auf den das beobachtende Bild nicht verweise. 7.usätzlich gebe es keine Trennung zwischen Beschreibung und Schlußfolgerung (wie im Artikel), sondern beides laufe gleichzeitig~

Troeller hielt alle Fernsehversuche, Bild und Text einander anzunähern, für bisher gescheitert. Er gab .1edoch zu Bedenken, daß man Filme für das Fernsehen gesehen habe, nicht Kinofilme. Der Kommentar gehe im Fernsehen weit weniger „auf die Nerven“ als in einer Situ~tion vor der großen Kinoleinwnd ..

Er verstehe durchaus alle gebrachten Einwände, wisse auch, daß er vieles falsch mache, halte es aber fiir wichtiger, solche Filme machen zu können. Den Unterschied Z1vischen Dokumentarfilm nnd Feature habe ihm jedoch auch diese Diskussion nicht deutlicher werden lassen. Er werde wart en.