Das Vorwort des Festivalkataloges der ersten Duisburger Filmwoche 1977 endet mit einem bemerkenswerten Satz: „Die Besucher sind aufgefordert, an einer Verbesserung der Struktur der Duisburger Filmwoche mitzuarbeiten.“ Es hat noch nicht begonnen, da werden die Gäste schon aufgefordert, sich Gedanken darüber zu machen, wie sich das Festival weiterentwickeln könnte. Ich finde das stilbildend für die Filmwoche: fordernd und selbstkritisch, engagiert und einladend.
Ich selbst kenne das Festival erst seit vierzehn Ausgaben. Aber Horst Schäfer formulierte damals ein Prinzip, das mir als Richtschnur taugt, über das 50. Jubiläum der Filmwoche nachzudenken: Ein Festival nicht als fertige Form, die es zu bewahren gilt, sondern als ein Anfang, an dem ein Prozess beginnt.
Die Filmwoche ist schon wegen ihres Formats ständig im Werden begriffen. Alle sind anwesend, sehen stets den gleichen Film, pendeln zwischen Kino und Diskussionssaal. Eine Gemeinschaft, die miteinander verhandelt, wie Gegenwart in Filmen zu greifen sein könnte. Und ein sozialer Ort gegenseitiger Gegenwart.
Die Offenheit für einen gemeinsamen Prozess, das Vertrauen in Aushandlung. Diese Eigenschaften der Duisburger Filmwoche ergaben sich nicht im luftleeren Raum, sondern in Strukturen. Horst Schäfer hat das Prinzip des Mitarbeitens 1977 aus einer bestimmten Position heraus formuliert. Als Tarifbeschäftigter der Duisburger Volkshochschule war er dort sowohl für das Kommunale Kino als auch für die Duisburger Filmwoche zuständig. Beide Institutionen waren als Teile einer kommunalen kulturellen Infrastruktur gegründet worden. Den Geist dieser Zeit brachte der filmaffine Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann mit seiner Losung „Kultur für alle“ auf den Punkt.
Dass „für alle“ nicht der Markt regelt, wusste man damals in Duisburg. Über die Einrichtung des hiesigen Kommunalen Kinos ist eine dazu passende Anekdote überliefert: Es habe gereicht, dass der Kulturausschussvorsitzende – damals von der SPD – Josef Krings das aktuelle Kinoprogramm der Stadt im Rat verlas, damit dieser entschied, dem gewerblichen Trivialprogramm ein filmkulturelles Pendant entgegenzustellen. Man wollte Filmbildung, statt Schulmädchen-Report.
Filmgeschichte zu vermitteln, Gastgeberschaft gegenüber Filmfestivals und kommunale Vernetzung sind seitdem Kernaufgaben dieses Ortes. Ein Kino, an dem man mitarbeiten kann. Ich möchte mich sehr bei Michael Beckmann und dem Team des filmforums für ihre Gastfreundschaft bedanken – und bei Kai Gottlob, dessen langjährige Arbeit für Festival und Kino noch immer das Fundament dieser Zusammenarbeit ist.
Die Bedingungen filmkultureller Arbeit sind in Bewegung. 2003 etwa, fand man es zeitgemäß, dass das Filmforum seine Aufgaben als GmbH besser erfüllen könnte. Das Jahr erzählt aber noch mehr über die kulturelle Infrastruktur, die die Filmwoche umgibt.
Denn 2003 waren mehr als die Hälfte der 24 Produktionen des Festivalprogramms unter Beteiligung öffentlich-rechtlicher Sender entstanden – ein Anteil, wesentlich höher als er heute denkbar wäre. Vor allem im WDR, bei 3sat und ARTE begriff man die Förderung künstlerischer Dokumentarfilme als Teil des Auftrags. „Für alle“ hieß nicht, dass alles für alle taugen musste, aber dass es ein Angebot für jeden und jede geben sollte. Nicht stur gegen den Markt, sondern wohlwollend gegen sein Versagen. Am Sonntag zeigen wir in dem von der Sparkasse präsentierten Programm Duisburgbilder einen Film aus dieser Tradition: In der WDR-Produktion MÖGEN DIE EICHEN NACH UNS WACHSEN von 1985 geht es um den Duisburger Autor Fakir Beykurt und darum, wie seine fiktionalen Figuren und ihre realen Vorbilder damit umgingen, hier als sogenannte Gastarbeiter nicht mehr gewollt zu sein. Ein Film darüber, wer an einer Stadt, wer an einem Land, nicht mehr mitarbeiten soll.
Mitarbeiten kann allerdings nur, wer überhaupt teilhaben kann. „Für alle“ war jedoch lange exklusiver, als man sich das gegenseitig sagte, wenn man unter sich war. Das gilt für öffentlich-rechtliche Sender, genauso wie für filmkulturelle Orte. Zu oft mussten und müssen Menschen dort um ihre Sichtbarkeit kämpfen. Auch die Filmwoche hat lange lieber die Wirklichkeit an sich hinterfragt als die Frage, wer in ihr zu sehen war und wer mitmachen durfte.
Dass sich das Festival in dieser Hinsicht verändert hat, zeigt auch die Entstehung von doxs!, das vor 25 Ausgaben als ein Kinderprogramm der Filmwoche begann. Seither haben hier auch Kinder und Jugendliche ihren eigenen Ort, um Dokumentarfilme zu sehen und über sie zu diskutieren. Ich gratuliere Duisburg zu doxs! und dem gesamten Team herzlich zum Jubiläum!
Auch andernorts in Duisburg lässt sich beobachten, wie sich mit dem „für alle“ die kulturellen Angebote verändern. Für die Filmwoche war es in den letzten Jahren bereichernd, zu spüren, wer alles an ihr mitarbeiten will: Im Café Edel, im Stapeltor, in der VHS, im Internationalen Zentrum, auch hier im Filmforum. Ich begegne das ganze Jahr über Menschen, die nach Dokumentarfilmvorführungen Lust hatten, über die Gegenwart und üb er das Zusammen und getrennt voneinander Leben zu sprechen. Wenn man eine soziale von Kultur hat, begegnet man Mitarbeitenden, keinen Kunden.
So eine soziale Idee zu haben, bedeutet nicht, Kunst und Kultur zuzumuten, sie mögen uns alle unter dem bunten Banner der Vielfalt versöhnen. Es bedeutet, Strukturen zu schaffen, in denen Teilhabe und Mitarbeit möglich sind. Und auszuhalten, dass sich diese Strukturen durch diejenigen verändern, die sie nutzen. Das ist kein Zustand, den man einmal herstellt und dann verwaltet, kein Warenangebot, sondern Arbeit an der Öffentlichkeit.
Ich danke der Stadt Duisburg, die solche Strukturen für uns geschaffen hat und unsere programmatische Unabhängigkeit respektiert. Ich danke den Kolleg:innen in der VHS, die mit uns in und an diesen Strukturen arbeiten. Ich danke unseren Förderern im Ministerium für Kultur und Wissenschaft und bei der Filmstiftung NRW. Für jahrzehntelange verlässliche Zusammenarbeit und für die Förderung, die unsere Jubiläumsinitiativen in diesem Jahr ermöglichen.
Und ich bitte Sie und die Politik zusammen mit der Filmkultur in NRW wachsam zu sein. Denn ebenso wie die Etablierung einer kulturellen Infrastruktur ist auch ihr Rückbau eine kulturpolitische Entscheidung. Man trifft sie häufig aus vermeintlichem Zwang, in gewohnten Mustern. Das macht sie aber nicht weniger wirkmächtig. Die Gefahr erkennt man am Vokabular vermeintlicher Fakten. Sender rechtfertigen sich in Quoten, städtisch getragene Kinos sprechen von ihrer Arbeit in Zahlen, Filme brauchen Klicks, Kommunen müssen sparen, Förderer beschreiben Stagnation als Landgewinn.
Über kulturelle Orte in den Maßstäben der Verwertbarkeit zu sprechen ist nicht grundsätzlich falsch – so lange einem noch andere einfallen. Wer kulturelle Arbeit aber ausschließlich nach ihrer Rentabilität beurteilt, hat wenig entgegenzusetzen, wenn andere ihren Wert nach politischer Gefälligkeit bemessen – ob im Kultur-Staatsministerium, in Landtagen oder im Duisburger Kulturausschuss.
Das Kino wird die Verhältnisse, die es bedrohen, indes nicht ändern. Aber es kann ihnen etwas entgegensetzen. Dass die Duisburger Filmwoche im besten Fall ein Ort sein kann, an dem das passiert, hat viele Gründe: ihre Strukturen, ihre Förderer, ihre Kooperationspartner, ihr Publikum. Der entscheidende Grund ist der Dokumentarfilm. Erst seine Filme ermöglichen diesem Festival, sich überhaupt als Work in progress zu begreifen.
Denn Dokumentarfilme zeigen auch Wirklichkeiten als Prozess. Sie zeigen, wie diese entstehen: in Begegnungen, in Konkurrenz, in Reibung. Wirklichkeiten werden in Dokumentarfilmen nicht erklärend ausbuchstabiert oder in schon bekannte Formen gepresst: Die Verhältnisse kommen als stets im Werden begriffene in den Blick. Die Wirklichkeit sieht in diesen Filmen nicht alternativ los aus. Darin liegt ihre Kraft. Mit fertigen Wirklichkeiten muss man sich abfinden, mit filmischen Wirklichkeiten kann man weiterarbeiten.
Die Filme wenden sich dabei an unsere Aufmerksamkeit und unsere Wahrnehmung und erinnern uns an deren Möglichkeiten. Sie tun dies zuweilen mit Geduld, Offenheit und ästhetischer Konsequenz. Ihre Form macht sie sozial. Man will über sie reden. Gerade hier, zwischen Kino und Diskussionssaal. Herzlich willkommen, allen Filmemacher:innen, deren Filme dieses Festival zu dem machen, was es sein kann.
Was das genau sein wird, wissen wir noch nicht. Welche Gedanken entstehen, welche Widersprüche sich auftun, worüber wir uns noch lange unterhalten werden, entscheiden unsere Besucher:innen. Mit der Eröffnung geben wir die Filmwoche gewissermaßen aus unseren Händen. Jetzt kommt es auf die Menschen an, die sie besuchen und an ihr mitarbeiten wollen. Genau dazu hat Horst Schäfer die Besucher:innen vor fünfzig Jahren aufgefordert. Und genau dazu möchte ich Sie heute einladen. Herzlich willkommen zur fünfzigsten Duisburger Filmwoche!