Film

Nächste Woche ist ja auch noch
von Melanie Schemmer
DE 1997 | 28 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 22
1998

Diskussion
Podium: ?
Moderation: ?
Protokoll: Diana Ebster

Protokoll

Nächste Woche ist ja auch noch, so entspannt lautet eine der Lebensphilosophien des Hauptdarstellers Heinz Joachim, alias Jimmy, im gleichlautenden dokumentarischen Gesellenstück von Melanie Schemmer. Doch so ganz wollte das Publikum den ihm in 28 Minuten demonstrierten Lebensweisheiten des Protagonisten über Freiheit, Meditation und das Glücklichsein im Hier und Jetzt nicht glauben.

Der erste Dokumentarfilm der jungen Regisseurin führte sie und ihren Hauptdarsteller mit dessen gemeinsam wiederentdeckten, amateurfilmerischen Ready mades nicht nur zurück an die wahren Wurzeln der Flower Power und des Love and Peace. Auf den Spuren dieser Bilder, gerät man mitunter auch zum gemeinsamen Dreh an den Nordseestrand, wo Vergangenheit und Gegenwart – zumindest für kurze Zeit – miteinander verschmelzen.

Da – so mag man auf der Suche nach einem ideologischen Konzept des Filmes denken – spürt ein Rave-Kid seinem Vorläufermodell, dem freiheitsverliebten Hippie, nach. So sind die ersten Fragen des Moderators Werner Schweizer die, zum Verhältnis der jungen Regisseurin zur Hippiezeit und zur Entdeckung des Hauptdarstellers: womit man auch schon endgültig bei Jimmy gelandet wäre.

Der etwas melancholisch erscheinenden Held zog die Fragen zum Projekt immer wieder auf eine ganz persönliche Ebene, wenn man wahlweise z.B. wissen wollte: „Wie geht es Jimmy Jetzt?“, „Wie steht Jimmy zu dem Film?“ oder „Wo sind Jimmys Freunde geblieben?“

Der erste Kontakt der noch ahnungslosen Regisseurin mit ihrem filmischen Sujet war ein unabsichtlich hautnaher, denn zum ersten Mal, und diese Anekdote ist einfach zu nett, um sie nicht wiederzugeben, ist die junge Filmemacherin dem alternden Lebenskünstler nackt in der Sauna begegnet. Später schlossen sich allerdings auch angezogene Treffs auf offener Straße an. Das im Rahmen ihres Studiums an der Medienhochschule Köln geforderte Dokumentarfilmprojekt bot schließlich den Anstoß für eine intensivere Auseinandersetzung. Auf diesem Wege entdeckte Schemmer u.a. die alten Super-8-Amateuraufnahmen von Jimmy, die zum stimmungsvollen Zentrum des Filmes werden, um das sie ihr Portrait entwickelt.

Die in den 60er und 70er Jahren so absichtslos entstandenen Super-8- Hobby- Aufnahmen des dolce far niente von Jimmy und seinen Freuden, sind nicht nur faszinierend und eindringlich, wie Werner Schweizer sie in ihrer Nachwirkung beschreibt, sie spiegeln an der versuchten Haltung einer einzelnen Figur auch das Lebensgefühl einer Epoche.

Diesen Bildern steht die gelungen nüchterne Situation, die Schemmer in ihren Interviews produziert, gegenüber, in denen sie Jimmy in einem etwas naiv direkten Ton nach der heutigen Einschätzung seiner Haltung befragt. Und gerade in diesem direkten Ton entsteht Diskussionsstoff beim Publikum, allem voran die von Jutta Doberstein gestellte interviewtechnische Grundfrage: wie fragt die Filmemacherin ihr Gegenüber richtig oder darf man seinem Gegenüber Fragen stellen, die in ihrer minimalistischen Schonungslosigkeit so klingen, als könnten sie auch von den eigenen Eltern stammen. Zur Erinnerung hier noch einmal der interrogative Dreischritt zur Positionsbestimmung von Jimmy: Feierst Du Orgien ? – Warum bist Du nicht verheiratet? – Hast Du kein schlechtes Gewissen?

Zugegebenermaßen klingt das eher moralisch als subtil, und die Filmemacherin räumte ein, daß diese „krassen Fragen“ auch als etwas distanzlose Gegenreaktion auf das Diktat vom Glück ihres Haupdarstellers entstanden seien, andererseits aber auch aus der überraschenden Erkenntnis „je doofer und naiver und frecher ich fragte, umso mehr Information bekam ich“ – zumindest in diesem Fall muß das wohl so gelten.

Erstaunlich war, daß in der Diskussion trotz der in Nächste Woche ist ja auch noch spannenden Setzung des Dokumentarfilms im Dokumentarfilm dieses Motiv nicht aufgenommen wurde. Für die im Rahmen eines Dokumentarfilmfestivals immer wiederkehrenden Fragen nach dem Verhältnis zwischen Inszenierung und Authentizität würde sich das bei Schemmer montierte Spiel zwischen der naiven Anmut des „reinen“, da absichtslosen Materials und der geplanten und bewußt strukturierten Dokumentation von Realitäten als wunderbare Folie anbieten. Zumindest erntete die Regisseurin, was ich glaube von Jutta Doberstein gehört zu haben, das Lob, auf sehr hoher filmischer Ebene einzusetzen.

Was immerhin angesprochen wurde, waren die drei unterschiedlichen Bildebenen, die der Film gegeneinander bzw. zueinanderstellt: Zwischen den beiden bildlichen Polen, der historischen Super-8-Filme und den sachlichen Close-Ups in Schemmers aktuellen Interviews, vermitteln die in Hi8-Technik gefilmten Außenszenen. Sie begleiten den Hauptdarsteller an die Stätten seiner früheren Aufnahmen und nähern sich z.T. auch in der filmischen Ästhetik den älteren Vorlagen. Daß man diese sinnige Verknüpfung auch als Bruch empfinden kann, bewies eine Zuhörerin, die im wahrsten Sinne ent-täuscht war zu erfahren, daß das dem „nostalgischen Bildmaterial“ ähnelnde, neue Material Melanie Schemmers Bilder seien. Damit sei ihre Unschuld und gleichzeitig auch ihre Wirkung für sie verloren. Verwirren allerdings könnten viel mehr die Aussagen, daß all das ohne „explizites Konzept“ geschah. Aber wir wissen ja: wahre Anmut zeigt sich eben nur im Zustand unbewußten Handelns.

Doch wie dem auch sei, letztlich endete man wieder bei der Glaubwürdigkeit und den Wiedersprüchlichkeiten des Hauptdarsteller und seinem Weg zwischen proklamiertem Glück und vermuteter Einsamkeit der späten Jahre. Und da die Filmemacherin dies lieber als offene, an das Publikum des Filmes gerichtete Fragen verstanden wissen wollte, konnte Werner Schweizer der etwas jähe Abschluß der Diskussion mit seiner interessanten These gelingen, daß eine Diskussion nicht länger sein sollte als ihr besprochener Film. Ein durchaus spannender Rezeptionsansatz!

 © Ekko von Schwichow
© Ekko von Schwichow