Film

Nathalie
von Tamara Milosevic
CH 2025 | 78 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 50
02.11.2026

Diskussion
Podium: Tamara Milosevic
Moderation: Serpil Turhan
Protokoll: Ronny Günl

Synopse

Auf dem Rücken einen Dampfreiniger und einen Berg voller Schulden hetzt Nathalie durch ihr Leben. Die alleinerziehende Mutter arbeitet als Putzkraft, schneidet die Hecke für Fremde und die Fußnägel eines pflegebedürftigen Freundes. Die Post öffnen: manchmal. Aufgeben: niemals. „Ich lerne Life.“ Eine Frau in der Extremsituation eines Lebens am Existenzminimum. Beim Yoga ist ihr Bauch hart wie Beton, doch eine Träne bahnt sich ihren Weg.

Protokoll

Ein Film, „gewidmet den Menschen, die hart arbeiten“ und der ebenso hart an einem Sozialdrama vorbeischrammt, eröffnet die fünfzigste Duisburger Filmwoche. Es liegt Unfertiges und Angespanntheit in den Bildern von der alleinerziehenden Nathalie, die sich mit Reinigungsarbeiten über Wasser hält. Sie will kein Sozialfall sein, erklärt sie beharrlich in den Interviews zwischen ihren Aufträgen, die die Kamera begleitet. Dabei kann auffallen, dass sich trotz allgegenwärtig-zehrender Arbeit und Geldsorgen im Film wenig bewegt, was den Film fast so spröde macht, wie seine Protagonistin.

Im Gespräch versucht Serpil Turhan Nathalies Charakter umschweifend einzufangen. Ihr fiel auf, wie körperlich und zugleich fragil sie in den Bildern wirkt. Turhan stellt sich dabei viele Fragen, die vielleicht gar nicht so sehr an die Regisseurin Tamara Milosevic gerichtet sind, als an die Protagonistin. Etwa nach der Art, wie Nathalie mit wem spricht oder nach ihrer Art der Selbstinszenierung. Auf die Frage, an welchem Punkt die Filmemacherin ihre Protagonistin fand, erzählt Milosevic von einem Vorgängerprojekt „Naïma“, bei dem sie auf Nathalie traf. Es interessierte sie die Art, wie sie mit ihren Problemen und ihrer bewegenden Biografie umging – humorvoll, aber auch knallhart. Als die Idee zum Film 2018 aufkam, hatte die Regisseurin noch eine andere konzeptionelle Vorstellung, was sich aber später aufgrund der gesetzten Grenzen der Protagonistin änderte. Durch Nathalie hätte sich Milosevic die Schweiz erklären lassen. Damit meint sie sie vor allem, wie man dort mit Schulden umgeht, was Betreibung bedeutet. Man könne sich dort schneller als in Deutschland oder Österreich verschulden, während das Schuldenmachen aber mit einem Tabu belegt ist. Wer sich verschuldet, sei eben selbst schuld.

Auf die Frage, welche Haltung sie als Filmemacherin zur Protagonistin und ihren Problemen einnimmt, erfährt man, dass die Dreharbeiten von einem ambivalenten Nähe-Distanz-Verhältnis geprägt waren. In eineinhalb Jahren haben sich so nur sechzehn Stunden Material angesammelt, was auch die zeitlichen Limitierungen Nathalies spiegele. Sie wollte selbstbestimmt sein, wodurch sie aber auch der Regisseurin die Kontrolle abnahm. Der Film sei für Nathalie aber schlicht nicht so wichtig gewesen, sodass sie Milosevic kaum informierte, wenn etwas in ihrem Leben passierte. Sie konnte nur Dinge vorschlagen und fragte sich dabei, wie man eine filmische Form für diesen Prozess finden kann. Turhan, die in dem Film einerseits eine dialogische Form erkennen will, obwohl keine Fragen zu hören sind, meint dazu andererseits, dass man besonders gut sehen kann, wenn Nathalie sie selbst sei, was aber auch in eine Selbstinszenierung kippe. Daraufhin erklärt die Filmemacherin, wie einige Szenen – vor allem bei der Ärztin und dem Sozialarbeiter – auf ihr Drängen hin entstanden sind, weil Nathalie sonst nie dort hingegangen wäre.

Mit dem Gespräch, das sich nun langsam öffnet, kommen abermals Fragen über die Entstehungsbedingungen auf und ob Nathalie auch in den Montageprozess eingegriffen hätte, was die Regisseurin jedoch verneint, abgesehen von kleineren „absurden Kritikpunkten“. Dann entspinnt sich eine Diskussion über die politische Relevanz des Films, was einige Diskussionsteilnehmer im feierlichen Rahmen der Eröffnung für eher deplatziert wirkende Plädoyers zu nutzen scheinen. So müsse man sich die Frau und ihre Unbeirrbarkeit als Beispiel nehmen – wenn alle ihre Einstellung hätten, würde es uns besser gehen. Gleichzeitig hört man, der Film wäre eine wunderbare Anklage, an unser kaputtes System. Dass Nathalie mit ihrem Handeln laut der Regisseurin auch andere Menschen inspirieren wolle, könnte man so zwar verstehen. Hört man aber länger und genauer hin, sei der Film für Nathalie auch ein Hilfeschrei gewesen. Letztlich ist sie immer noch in derselben misslichen Situation. Man sollte sich besser nicht von der Gegenwart hertreiben lassen.

Dem hier auf einmal untergeschobenen Heroischen der Bilder widersprechen Julia Zutavern und Mischa Hedinger, die beide selbst in der Schweiz leben, und wollen lieber den Ursprung dieses vermeintlichen Stolzes hinterfragen. Das Schweizer Sentiment, man wäre am Ende selbst schuld, hätte nämlich stärker herausgearbeitet werden können. Ihr Stolz wird letztlich zum Verhängnis, meint Zutavern, worauf sich Milosevic nicht gänzlich einlassen will. Und Hedinger betont nochmal, man solle sich hüten, diese wohl zwanghaften Charakterzüge von ihr positiv anzusehen. Die Regisseurin will diese Debatte abermals entschärfen, mit dem Hinweis auf den schwierigen Zugang zu ihrer Protagonistin. Das habe sich auch in den Szenen mit dem Sozialarbeiter gezeigt, der nicht einfach nur den problemlösenden Staat repräsentiert, sondern auch Nathalies Freiheiten einschränken würde. Es bleibt also ambivalent.

Milosevic, die in dem Gespräch zwischen Moderation und Publikum ähnlich zum Film immer etwas zu kurz kommt, hatte sich gefragt, wie sie Nathalie helfen könnte. Turhan bemerkt abschließend, dass sie sich unsicher über die Schweiz und ihren Wohlstand ist. Die Regisseurin nickt schweigend. Man könnte mit der übertragenen Verunsicherung auch eine Stärke des Films und ihrer Protagonistin entdecken, mit der sich ein allzu leichtfertiger Sozialrealismus infrage stellt.