Film

Call me Babylon
von Andreas Pichler
DE 2003 | 75 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 27
07.11.2003

Diskussion
Podium: Andreas Pichler
Moderation: Vrääth Öhner
Protokoll: Aycha Riffi

Protokoll

2001 startete Das kleine Fernsehspiel/ ZDF die Ausschreibung: „Deutschland Dokumentarisch: Absolute Beginner – Der erste Job“. 177 Projektvorschläge junger Nachwuchsregisseure und -regisseurinnen erreichte die Redaktion; Sieben davon wurden ausgewählt und realisiert. „Call me Babylon“ ist neben „Dunkler Lippenstift macht seriöser“, der auch während der Filmwoche lief, eine dieser Produktionen.

Mein erster Job:

Andreas Pichler fand in Amsterdam ein Call-Center, das bereit war, Auskünfte zu geben und Einblicke zu gewähren. Die Protagonisten des Films wurden quasi über das Management ausgewählt: Johanna aus Deutschland, Vincento aus Italien und Albert aus England.

Flexibilität:

Mit Ausnahme von Albert, der seinen Berufsweg und seine Berufschancen genau in dieser Branche sieht, ist für die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen das Call-Center ein Durchgangsarbeitsplatz. Dementsprechend sind auch die Arbeitsverträge: Kurzzeitverträge, die lange Kündigungsfristen ausschließen und auf Wunsch – von welcher Seite auch immer – nicht verlängert werden müssen. Für die Firmen ist so eine schnelle Reaktion auf wirtschaftliche Veränderungen möglich, und die jungen Arbeitnehmer lassen sich zumeist gerne darauf ein, da sie selbst noch keine längerfristigen Entscheidungen für ihr Leben getroffen haben.

Beobachtung:

Zweieinhalb Monate beobachtete Pichler seine Protagonisten. Bei der Auswahl „war bereits klar, dass es Menschen sind, bei denen zumindest eventuell etwas passiert“. Wichtig war dem Regisseur, dass er von den Figuren aus erzählen möchte und nicht über das System heraus. So wurden auch keine ‚klassischen Interviews’ geführt; die drei Hauptfiguren sprechen direkt in die Kamera: „Sie sollten zu Protagonisten ihres Lebens werden“, so Pichler. So gab Pichler seinen Protagonisten auch jeweils einen eigenen Ort; einen Platz, an dem das Private miterzählt wurde. Das Treffen von Johanna und ihrer Kollegin mit Vincento in der U-Bahn nennt Pichler in Anlehnung an eine andere Diskussion in Duisburg einen ‚dokumentarischen Glücksfall’. Das anschließende Gespräch der beiden Frauen, hat er dann aber thematisch „gelenkt“.

Babylon:

Amsterdam ist bekanntermaßen eine international geprägte Stadt – „ein gutes Beispiel für Europa“. Vor zehn/fünfzehn Jahren kamen hauptsächlich Studenten oder hochspezialisierte Arbeitskräfte. Heute trifft man dort alle möglichen Menschen. Es ist kein Zufall, dass Johanna und ihre deutsche Kollegin aus der ehemaligen DDR nach Amsterdam kamen, in eine Stadt mit einer bis vor kurzem unterdurschnittlich geringer Arbeitslosenzahl.

In dem Amsterdamer Call-Center treffen die unterschiedlichsten Menschen aus den verschiedensten Ländern zusammen. Für die Arbeitnehmer ist es ein Vorteil, in ihrer eigenen Sprache eingesetzt zu werden und so nicht täglich mit Sprachbarrieren kämpfen zu müssen. Englisch ist die „Basissprache“, die alle vereint. „Unten ist Babylon. Jeder spricht seine eigene Sprache“, heißt es in der Diskussion. Babylon, so erfährt man bereits im Film, ist ein mehrsprachiges Sprachprogramm, das den Mitarbeitern zur Verfügung steht.

Die Hektik der Arbeit, die „mentale Action“ im Center adäquat umzusetzen, war Pichlers Ziel. Mit der bewegten Kamera (Mini DV) war dies möglich. Zusätzlich entwickelte sich eine filmische Spannung durch die Verschachtelung einzelner „Geschichten“. Alberts ‚Dauerkunde’ Daniel wurde zum – wenn auch unsichtbaren – Handlungsträger. Ebenso ziehen sich wiederkehrende Elemente durch den Film (McDonalds als Geschäftskunde und beliebte Essensgrundlage).

Inszeniert hingegen war das Telefonat des Managers, in dem dieser bereitwillig und offen über die Arbeitsregeln im Center berichtete. Er telefonierte mit Pichler, der in einem Nebenraum saß. Das Spannungsverhältnis zwischen Flexibilität und ständiger Kontrolle ist weder im Film noch im Center ein Geheimnis. Alle Beteiligten scheinen dies zu akzeptieren als eine ‚normale’ Form der Arbeit. So ist“Call me Babylon” auch ein Blick auf modernes Arbeiten.