Duisburger Filmwoche

Film

Laut und deutlich
von Maria Arlamovsky
AT 2002 | 60 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 26
07.11.2002

Diskussion
Podium: Maria Arlamovsky
Moderation: Werner Ružička
Protokoll: Aycha Riffi

Synopse

Sexueller Missbrauch in der Familie. Bis heute ein gesellschaftliches Tabu. Umso schwieriger ist es für die Überlebenden, sich anderen Menschen mitzuteilen. Der Film macht dies möglich, indem er den Betroffenen einen schützenden Raum eröffnet, den langwierigen Prozess der Verarbeitung des Erlebten zu schildern. Die Geschichten gleichen sich und sind doch verschieden.

Protokoll

Während ihrer Recherche für einen möglichen Film über weibliche Sexualität erzählten Frauen der Regisseurin immer wieder von sexuellen Übergriffen, denen in der ein oder anderen Form fast jede Frau – aber nicht nur Frauen – einmal ausgesetzt war. Dadurch gelangte sie zum Thema des sexuellen Missbrauchs.

Das an sich ist eigentlich schon bemerkenswert.

Maria Arlamowsky interessierte sich für den Körper als Schlachtfeld; so wie es auch eine ihrer Protagonistinnen erläutert: „Es geht nicht um Personen, sondern es geht um Körper“.

Der Titel „Laut und deutlich“ markiert für Werner Ruzicka die Aussprache des Einzelnen und das, etwas zur Rede gebracht wird.

Wer spricht?

Wie im Film sprechen auch in der Diskussion Betroffene, die man nicht so nennen möchte; Opfer, die so nicht genannt werden sollten: Mutige, deren Stärke die Autorin im Film zeigen wollte. Die Arbeit, zu diesem Punkt des Sprechens zu gelangen, wird im Film angerissen, in der Diskussion hauptsächlich mit Therapie benannt, von zwei der anwesenden Protagonisten relativiert: Die Arbeit, Aufarbeitung, Aussprache – wie immer man es benennen möchte – hat zumeist erst Jahre später begonnen und ist noch permanenter Begleiter. Dass Therapie kein Allheilmittel ist und deutlich daneben laufen kann, dafür findet sich im Film eine überdeutliche Geschichte. Die Therapie lieferte allerdings für die anwesenden Beteiligten die sprachlichen Mittel, die eine Teilnahme an einem Filmprojekt wie diesem möglich machen. Sich selbst heute, hier im Film mit anderen zu sehen; auch das bedeutet Kraft.

Die „Abgeklärtheit“ der Sprechenden erstaunt, diesen Eindruck formuliert ein Zuschauer. Eine Protagonistin bringt es auf den Punkt: Sie wollte keine Sensation werden. Für sie war eine vorherige Absprache notwendig, dass die laufende Kamera einen Aus-Knopf hat, der auch genutzt werden kann. Für Arlamovsky entsteht durch die Art der Rede ihrer Interviewpartner überhaupt erst die notwendige Distanz, die es dem Zuschauer ermöglicht zuzuhören.

Wie wird ins Bild gesetzt?

Als „sehr angenehm“ wird die Art empfunden, wie die Personen ins Bild gesetzt wurden.

Der Kameramann Nikolaus Geyrhalter erklärt die Idee, Bilder mit einer sehr geringen Tiefenschärfe zu entwickeln. Ein komplizierter, letztlich auch unflexibler Aufbau einer alten Plattenkamera, deren Bild mit einer Videokamera abgefilmt wurde, bewirkte den gewünschten Effekt, der an alte Porträtfotos erinnert.

Dass sich die Protagonisten entspannt gezeigt haben und sich in ihrer Umgebung komfortabel gefühlt haben müssen, wird bemerkt. Dass aber andererseits die Räume, in denen sich die Befragten befinden, in der Unschärfe verschwinden, wird von einem anderen Zuschauer bemängelt. Darauf folgt die Antwort einer Protagonistin: „Wir reden über Missbrauch und nicht über meine Wohnung.“

Ob der starre Bildausschnitt einschränke oder genug Entfaltungsmöglichkeiten ließ, wurde in der Diskussion unterschiedlich bewertet.

Zwischenszenen

In der Entstehungsphase des Films gab es die Idee, Interviews auch in öffentlichen Räumen abzuhalten. Dies wurde verworfen, da das Sprechen einen geschützten Raum benötigte. Auch wurden mit allen Protagonisten Szenen aus ihrem ‚Alltagʼ gedreht. Eingang in den Film fanden dann aber nur drei Szenen, die nur eine Protagonistin zeigen. Letztlich begründet die Regisseurin diese Auswahl als intuitiv; die Dynamik des Laufens und Fahrradfahrens habe gefallen und ermögliche ähnlich wie die Schwarzblenden die notwendigen Pausen.

Die Anmerkung, dass sich vielleicht für alle Beteiligten solche Szenen gefunden hätten, bleibt damit als Statement stehen.

„Laut und deutlich“ will, so der Tenor aller Beteiligten, Öffentlichkeit herstellen – für Betroffene und Un-betroffene. Dies kann man als Schlusswort für Diskussion und Protokoll gerne übernehmen.