Duisburger Filmwoche

Extra

Referenzen der Wirklichkeit – Auf dem Weg zum letzten Bild? (1)

Duisburger Filmwoche 23
04.11.1999

Podium: Eggo Müller, Vrääth Öhner, Dietrich Leder
Moderation: Peter Huemer
Protokoll: Judith Keilbach

Teil 1: Strategien der (Selbst-) Inszenierung. Das Öffentliche und das Oberflächliche: Ein weiterer „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ oder der Siegeszug des „design“? Doku-Drama/Docu-Soap: Konjunktur des Faktischen oder Abwehr von Kontingenz?

Protokoll

Das erste Extra der Duisburger Filmwoche beschäftigte sich mit den Strategien der (Selbst-) Inszenierung. Dabei wurde immer wieder auf die zuvor diskutierte Doku-Soap Abnehmen in Essen Bezug genommen.

Dietrich Leder, der den ursprünglich angekündigten Werner Dütsch vertrat, ging auf die Veränderungen im aktuellen Fernsehprogramm ein. Er stellte fest, dass eine Ausweitung des “menschlichen Rohstoffs”, aus dem sich ja der Dokumentarfilm speist, stattgefunden habe. Während das Fernsehen früher ein Medium des Mittelstandes gewesen sei, seien mit dem Privatfernsehen und seinen spezifischen Formaten andere Themen und andere Sprecharten ins Fernsehen eingezogen. Allerdings stellte Leder klar, dass Pornographie oder Amateurfilme (=Homevideos), die heute fester Bestandteile des Fernsehprogramms sind, schon früher Genres des Dokumentarfilms waren. Dem Körper galt beispielsweise in medizinischen Filmen das Interesse. Schließlich schlug Leder eine begriffliche Differenzierung dessen vor, was allgemein als “Doku-Soap” bezeichnet wird: damit sei lediglich die Serialisierung von dokumentarischen Angeboten bezeichnet, für die Debatte sei es jedoch besser, diese genauer zu unterscheiden und nach Genre zu sortieren.

Eggo Müller hob in seinem Beitrag die Konstruiertheit von ‚Realität‘ hervor, ohne dabei jedoch (wie es so häufig geschieht) die Medien verantwortlich zu machen. Er beschrieb die Auflösung der – ebenfalls konstruierten – Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit vielmehr in Abhängigkeit von veränderten Erwerbssituationen, die in den Medien lediglich ihren Niederschlag finden. Realitätskonstruktion und Selbstinszenierung beschrieb er entsprechend handlungstheoretischen Ansätzen als notwendig, da im Kommunikationsprozess jeder Mensch eine soziale Rolle einnehme. In Doku-Soaps ließe sich beispielsweise beobachten, dass die Anwesenheit einer Kamera dazu führe, dass sich der/die Gefilmte selbst als authentisch darstelle. Interessant sei es, welche Strategien und Konventionen sich für die Darstelltung von Authentizität herausbilden.

Vrääth Öhner knüpfte an die Darstellung von Alltäglichkeit an, die Müller in seinem Referat bereits kurz angesprochen hatte. Mit Hilfe von Zitaten versuchte er eine Bestimmung der zur Debatte stehenden Begriffe. Die Geschichtswissenschaft habe bereits die Schwierigkeit aufgezeigt, beim Blick auf die Gesellschaft etwas anderes zu entdecken als das Öffentliche (bzw. für die Öffentlichkeit Freigegebene); das Individuelle entzögen sich. In Doku-Soaps sei nun genau diese öffentliche Geschichte des Privaten zu finden, die gleichzeitig jedoch immer auch das Individuelle produziere. Mit Bezug auf Nietzsche verlängerte er die Frage nach dem Oberflächlichen, das die Duisburger zur Diskussion stellten, insofern er sich fragte, ob bei Doku-Soaps die Oberflächlichkeit vielleicht auch auf eine Tiefe verweise.

Moderator Peter Huemer gab der Runde am Beispiel einer Szene aus Ulrich Seidls Film Models, in der sich die ins Klo kotzende Protagonisten zwar von ihrem anwesenden Freund jedoch nicht von der Kamera gestört fühlt, zu bedenken, dass die Menschen im Umgang mit den Medien sehr viel hemmungsloser sind, als im Umgang mit ihrer Umgebung. Insofern sei sehr wohl ein Öffentlichmachen des Privaten zu beobachten. Müller betonte hingegen, dass ‚das Private‘ überhaupt erst durch das Auftauchen der Kamera produziert werde, es sei einfach nicht zu wissen was passiert, wenn die Kameras wieder aus sind. Es dürfe darüber hinaus nicht übersehen werden, dass die an kostengünsigen Produktionen interessierten Medien froh sind, wenn ihre Darsteller die Selbstinszenierung so gut beherrschten. Wer sich überhaupt für derartige Sendungen zur Verfügung stelle, wollte Huemer daraufhin wissen. Leder meinte, die Menschen würden sich längst selbst für ihre Abbildbarkeit inszenieren, verwies jedoch gleichzeitig auch darauf, dass sich für den Umgang mit der Kamera bereits verschiedene (durchaus auch widerständige) Strategien herausgebildet hätten. Der Dokumentarfilm habe ebenso wie die Soziologie gezeigt, dass bei der genauen Beobachtung plötzlich ‚andere Wahrheiten‘ entstünden. Huemer griff diesen Hinweis auf und erinnerte an Fachdiskussionen der Ethnologie im letzten Jahrhundert, in denen konstatiert wurde, dass der fremde Blick auf den ‚Naturzustand‘ diesen bereits verändere.

Wie weit trägt die Kamera nun zur Verfremdung bzw. Überhöhung bei, wollte Huemer wissen und gab zwei historische Beispiele (ein Arbeitsloser mit Zigarette und ein mampfender Bischof) aus der von ihm moderierten Talkshow Klub 2. Öhner wiedersprach der darin enthaltenen Implikation, dass das ‚Kamerabewußtsein‘ aufgrund der Ausblendung von Lebenszusammenhängen mehr wahrnehme als intendiert sei. Dies sei insofern ein Mythos, als das vom Kamerabewußtsein gelieferte Material ausgewählt und montiert werde, und sich erst daraus das Bild von der Wirklichkeit erstelle. Auf Huemers Nachhaken, dass das Abstraktions- und Überhöhungsvermögen auch aufgrund der Alltäglichkeit des Kameraeinsatzes nachgelassen habe, wollte auf dem Podium niemand so richtig eingehen, Zuspruch fand jedoch seine Thematisierung der Lewinsky-Affäre. Bilder von Bill Clinton würden erstaunlicherweise kaum noch diese Konnotation aufrufen. Darin zeige sich ein Qualitätssprung, denn früher hätte ein Bild Clintons jedem sofort die Affäre ins Gedächtnis gerufen. Diese Phänomen schrieb er der ausgeprägten Medienarbeit nach der Affäre zu. Leder unterstützte diese These, indem er darauf hinwies, dass in den Medien auf die Produktion von Gegenbildern geachtet worden sei. ähnliches sei auch mit Dallas geschehen: die Assoziationen zu dieser Stadt seien jahrelang um die Ermordung von Kennedy gekreist, bis diese von der (gegenproduzierten) Serie Dallas verdrängt worden sei. Erst Oliver Stones Spielfilm JFK habe die Erinnerung an den Mord wieder aufgefrischt – und mit seinen nachinszenierten Bildern dabei den Eindruck von Unmittelbarkeit erzeugt.

Die Kontrollierbarkeit der Bilder hielt auch Müller für ein wichtiges Thema, denn letztendlich würden sich die konstatierten Veränderungen nicht durch die Kamera, sondern durch die Menschen vor und hinter ihr ergeben. Im Fernsehen bestünde eine ästhetische Strategie der Authentifizierung darin, den Zuschauern die Fiktion zu ermöglichen, dass die Protagonisten die Kontrolle über ihre Selbstdarstellung verloren hätten. Huemer stellte fest, dass das Kontrollsystem für den gesellschaftlichen Bereich zusammengebrochen sei, insofern alles zur Veröffentlichung freigegeben wäre, während im militärischen Bereich eine genaue Gegenbewegung zu beobachten sei: von der Freigabe der Bilder (Vietnam) zur totalen Kontrolle (Golfkrieg). Diese Darstellung wurde später aus dem Publikum zurückgewiesen, schließlich habe erst die öffentliche Stimmung gegen den V ietnamkrieg zur V eränderung der präsentierten Bilder geführt. V ermutlich hätten sich auch die Golfkriegsbilder verändert, wäre der Krieg länger gewesen. Insofern seine Bilder immer an die politische Öffentlichkeit rückgebunden.

Aus dem Publikum wurde die Gegenüberstellung von Macher/Produzent und Darsteller/Objekt mit dem Hinweis problematisiert, dass die Bevölkerung zunehmend medienbewußter werde. Auf der einen Seite sei ein Demokratisierungspotential festzustellen, über das sich Benjamin und Vertov gefreut hätten: Viele Menschen besitzen Kameras, Protagonisten erteilen den Filmenden Regieanweisungen, usw. Gleichzeitig finde mit dem Ankauf und der Ausstrahlung von Amateurvideos eine Entprofessionalisierung des Dokumentarfilmens statt. Eine zu positive Einschätzung, so eine spätere Wortmeldung, denn die Medien befänden sich geradezu auf Jagd nach der Authentizität derartiger Filme. Müller zeichnete auf die erste Wortmeldung hin den Weg der gewachsenen Medienvertrautheit nach und hob hervor, dass auch die Tagebuchaufzeichnungen und Autobiographien, mit denen ein literarischer Boom einsetzte, nicht als authentischer Ausdruck zu verstehen sei; vielmehr zeige sich in ihnen, wie die Menschen meinten, sich darstellen zu sollen. Die Darstellungsform, die gesellschaftlich als angemessen gilt, würde dann zur ‚Realität‘ erhoben. Zur Medienvertrautheit fügte ein weiterer Diskutant später noch ein Beispiel aus dem Radio – den Anrufen bei Zuhörern – hinzu, an dem die wachsende Konditionierung beobachtbar sei.

Dass der Gegensatz von öffentlich und privat als solcher nicht aufrechtzuerhalten ist, machte ein anderer Diskutant deutlich: Einerseits sei das Fernsehen anfangs als Gast im Wohnzimmer definiert worden, andererseits habe man am privaten Leben der Fernsehfamilien teilgenommen. Allerdings könne sich durchaus von einer Explosion des Privaten in den letzten zehn Jahren sprechen lassen. Darüber hinaus müsse man die medienspezifischen Strategien berücksichtigen, denn im Dokumentarfilm gebe es andere Inszenierungen des Privaten. Öhner stimmte dieser Medientrennung zu, gab jedoch auch zu bedenken, dass es Veränderungen sowohl im Familienbild als auch in der Publikumsstruktur gebe. Müller zeigt ein Paradoxon auf und problematisiert dabei gleichzeitig die fehlende Prägnanz der verwendeten Wörter. Das Zeigen von Privatheit bedeute nicht, dass das Private an sich verschwindet. Zu beobachten sei vielmehr, dass die Medien nicht nur das Private veröffentlichen, sondern es gleichzeitig auch herstellen müssen, damit die Möglichkeit geschaffen wird, Authentisches zu zeigen. Es werden Grenzen des ‚Veröffentlichbaren‘ geschaffen, um sie gleichzeitig hintertreiben zu können.

Werner Ruzicka bestätigte diese These am Beispiel der niederländischen Reality-Serie Big Brother, denn auch hier gebe es einen Winkel, der von der Kamera nicht eingesehen werden könne (und dem natürlich das allgemeine Interesse gilt). Als Skandal wertete er zum einen die Selbstreferenzialität und die Ironie, mit der dieser Voyeurismus betrieben werde, und die knastähnliche Einzäunung des Produktionsgeländes aus Angst vor ‚Eindringlingen‘. Leder führte das erste Skandalon darauf zurück, dass der medienkritische Diskurs (“big brother”) nun von den Produzenten selbst angewendet werde und in die Sendungen einfließe. Darüber hinaus beschrieb er die authentifizierende webcam-Ästhetik als vergänglich: sie nutze sich mit der Zeit ab und werde ersetzt – “und schon rast das nächste Schwein durch die Diskurswelt”.

Was sieht der Autor, fragte ein Diskutant und beschrieb das Interesse des Filmemachers an dem, was zum Vorschein kommt. Es gelte Bewältigungsstrategien, die im genormten Fernsehen nicht gesendet werden, aufzuzeigen und in der Montage Widerstand zur Verfügung zu stellen. Leder mutmaßte zwar auch, dass in der Kollision von Selbstinszenierungen etwas Drittes entstehen könne, fand die Rede vom Widerstand jedoch zu pädagogisch.

Auf eine Wortmeldung zum Thema Sinnstiftung hakte Öhner nochmals mit der Frage nach, welcher Sinn produziert werde. Sichtbar werde doch nur das, was schon immer gesehen werden konnte, eben die Oberfläche, das Bild. Das Operieren mit dem Begriff der Oberfläche sei doch eine Chance, schlug ein Zuhörer vor, denn das sei immerhin der Ort mit der geringsten Verfestigung. Öhner stimmte zu, dass Oberfläche eigentlich das sei, wo sich noch etwas bewegt, doch in den Doku-Soaps sehe er nicht viel Spiel. keine Faltungen. Müller gab zu bedenken, dass die deutschen Produktionen nicht Diskussionsgrundlage sein sollten, in anderen Ländern sei die Darstellung der Meisterung des Alltäglichen besser gelungen. Mit Spekulationen, welche Themen sich zur Serialisierung besonders gut eignen, ebbte das erste Extra dann langsam aus und endete mit der metaphorischen Feststellung Dietrich Leders, dass sich die Oberfläche unter Druck eben auch deformiere.

 Werner Ružička © Hendrik Lietmann
Werner Ružička © Hendrik Lietmann