Film

Agrispor – Mädchen am Ball
von Aysun Bademsoy
DE 1995 | 45 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 19
08.11.1995

Diskussion
Podium: Aysun Bademsoy
Moderation: Werner Ružička
Protokoll: Torsten Alisch

Protokoll

Aysun Bodemsoys Interesse an einer türkischen Mädchenfußballmannschaft resultierte aus einer zufälligen Entdeckung dieser Mädchen auf einem Sportplatz im Görlitzer Park, Berlin-Kreuzberg. Auffällig (für deutsche Zuschauer?) ist, wie offen diese Mädchen über ihren Alltag, Erlebnisse und familiäre Probleme reden (ähnlich den Sieben Freundinnen aus Antonia Lerchs gleichnamigen Film). Voraussetzung dafür sei eine gewisse Vertrauensbasis, erläutert Aysun Bodemsoy, aber man kann ihnen auch nicht olles glauben, weil sie sehr leicht ins Phantasieren geraten und die typischen (Medien-)Bilder im Kopf übers Kopftuchtrogen und Unterdrückung durch orthodoxe Eltern herauskehren: Sie seien regelrecht mediengewöhnt, weil der Ausnahmefall einer türkischen Mädchenfußballmannschaft schon für viele Berichte gesorgt hat. Die Entscheidung, wer zu Haupt· und wer zu Nebendarstellern wurde, fiel erst während des Drehens, obwohl die Filmemacherin von Anfang an ihr Hauptinteresse auf die drei Schwestern richtete, die gerade begonnen, ihr mädchenhaftes zugunsten eines erwachseneren Verhaltens zu verändern.

Die den späteren Film bestimmende Auseinandersetzung auf dem Lichtenradener Sportplatz fand zufällig am ersten Drehtag statt, was Mannschaft und Filmemacherin ziemlich überraschte (lichtenrade sollte im Gegensatz zu anderen Berliner Stadtteilen friedlicher sein). Der eigentliche Grund der Auseinandersetzung und das entscheidende Fehlverholten der Spielerin und späteren Angeklagten Safiy wurde den Zuschauern nicht klar, aber auch die Filmemacherin, die aus Überraschung heraus nicht genau wußte, was sie in diesem entscheidenden Moment mit der Kamera aufnehmen sollte, hat die genouen Einzelheiten nie in Erfahrung bringen können. Ihr eigentliches Konzept bestand in einer Dokumentation der letzten drei Spiele der Saison („Aufstieg oder Niedergang“ ), wurde dann aber von den realen Vorfällen überholt.

Das übertrieben hoch wirkende Urteil vor dem Sportgericht verdankt sich wohl weniger diffusen Vorurteilen gegen eine türkische Mannschaft (wie der „vorurteilsfreie“ deutsche Zuschauer meinen könnte) als der „Kieingärtnermentalität“ bzw. „Schlampigkeit“ des türkischen Sportvereins, der zum Prozeß keine Zeugen aufbot und die spätere Revisionsfrist auch um glatte drei Stunden versäumte.

Der Film zeige wenig vom Zusammenhalt bzw. „Mannschaftsgefühl“ der Mädchen, wurde kritisiert, es stünden eher Auseinandersetzungen zwischen „Stars“ und dem Trainer im Mittelpunkt- was Aysun Bademsoys aber durch fehlenden Rückhalt aus den Familien und vom Verein erklärte, was Konflikte eher polarisiere als einen „Mannschaftsgeist“ stärke.

Überhaupt seien persönliche Differenzen im Film zu kurz gekommen, meinten erhobene Zeigefinger aus dem Diskutantenlager, etwa der Konflikt zwischen griechischen und türkischen Spielerinnen oder zwischen Mädchen, die sich als deutsche Türkinnen bzw. türkische Deutsche vorstellten. Werner Ruzicka entgegnete, daß dieser „charmante und witzige“ Film gerade Probleme thematisiere, statt sich in Nettigkeiten oder einer „Sport-Gemütlichkeit“ zu verlieren. Auch jene Szene, in der Safiys Mutter auf Deutsch statt auf Türkisch angesprochen wird -obwohl sie wohl lieber und ausführlicher auf Türkisch geantwortet hätte – macht den Konflikt zwischen Mutter und T achter stärker sieht- und fühlbar als etwa die denkbare Alternative einer Untertitelung, die Aysun Bademsoy aber von vornherein generell verworfen hat.

Etwas Schwierigkeiten mochte die Definition eines „Männerblickes“ im Zusammenhang mit wogenden Mädchenbrüsten in Zeitlupe, jene Einstellung, über die die Anfangstitel gelegt sind: Aysun Bodemsoy fand diese Einstellung einfach „schön“, es war also ihr Blick, und ihr sei sowas wie ein „Männerblick“ erstmal fremd. „Sehr süß“ war ihre Reaktion im Schneideraum, als sie sich die Szene mit dem kleinen, naiven, aber schon machohaften Jungen mehrmals anschaute, der über die Beine der Mädchen ins Schwärmen gerät: „Der Knilch sogt, was sonst nur Männer von sich geben“. Auch verwehrt sich Aysun Bodemsoy gegen das „ätzende“ (Medien-)Bild einer angeblich bemitleidenswerten türkischen Bevölkerung in Deutschland, wie es immer in preisgekrönten Werken vermittelt wird, und wo sich Sozialpädagogen hinterher die Hände schütteln.