Duisburger Filmwoche

Film

Vergewaltigt
von Lorenz Kloska, Elmar von Meyer
DE 1988 | 55 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 12
12.11.1988

Diskussion
Podium: Lorenz Kloska, Elmar von Meyer
Moderation: Bertram Rotermund
Protokoll: Michael Kwella

Protokoll

[Als vornehmste Pflicht des Protokollanten gilt, Gesprächsergebnisse wohlgeordnet und sachlich zusammenzufassen. Hit der Ordnung gibt’s jedoch dann Probleme, wenn statt Reden fast nur Tumult stattfindet, wenn sich drei Leute gleichzeitig auslassen und wenn die Tonbandaufzeichnung des ganzen technisch nicht in Ordnung ist. Und auf Sachlichkeit habe ich eigentlich überhaupt keine Lust, wenn mir vorab von Zuschauerin-Seite gedroht wird, „man“ werde das Protokoll ganz besonders genau auf chauvinistische Äußerungen hin durchlesen; wenn die sogenannte Diskussion mit den Filmemachern teilweise auf übelste Weise unter die Gürtellinie geht. Und schlecht wird mir, wenn – wie in Duisburg geäußert eine Sonderjustiz für Vergewaltiger gefordert wird. In Berlin sind linke Anwälte von der Arbeit für den „Ermittlungs-Ausschuß“, der bei politischen „Straftaten“ hilft, ausgeschlossen worden, weil sie Vergewaltiger vor Gericht vertreten. Ich halte das und den Ruf nach Sonderjustiz für eine linke Art von Faschismus. Ansonsten finde ich Form und Inhalt von „Vergewaltigt“ total daneben – ebenso wie das anschließende „Gespräch“, um dessen Dokumentation in Auszügen ich mich widerwillig bemühen werde.]

Mehrmals wurde der Titel des Films beanstandet: „Vergewaltigt .. sei immer nur die Frau. (Dies zu klären, muß wohl der Sprachforschung und einer Exegese von Konnotation sowie Denotation vorbehalten bleiben; denn im Deutschen heißt es nun einmal „Er hat vergewaltigt“ und „Sie wurde vergewaltigt“. Anm. M. K.)

Den beiden Filmemachern wurde der Wechsel zum Radio empfohlen, sie hätten die Grenzen der Unerträglichkelt der Bebilderung von Texten erreicht.

Lorenz Kloska (L.K.):Diese Aussage sei zwar eine Ohrfeige, aber er könne sie verstehen. Bislang habe man – wenn überhaupt – nur kaschierte Bilder von Vergewaltigern gesehen, die Leute hätten die Vorstellung vom Täter mit dem häßlichen Picklegesicht; ihnen sei es deswegen wichtig gewesen, jemanden mit „normalem•• Aussehen vor die Kamera zu bekommen. Zur Bebilderung: Sie hätten nichts im Nachhinein inszenieren wollen.

Z. (für ZuschauerIn-Seite): Das Gespräch zwischen Dirk und Uschi sei unerträglich, u.a. weil Dirk – wie im gesamten Film – nur in de~ durch die Therapie adaptierten Sprache redete.

Blma~ von Meyer (E.v.M.): Die beiden hätten tatsächlich eines Tages so zusammengesessen und geredet; das sei dann für die Kame~ a wiederholt worden. Hinsichtlich der Sprechweise von Dirk: Da sei es ihnen nicht gelungen, etwas tiefer zu gehen, etwas aufzubrechen.

Unklarheit bestand auf Zuschauerseite über das Verhältnis von Uschi zu Dirks Bruder, das die beiden Filmemacher erst im Gespräch erklären konnten.

Z.: Der Film habe über die Motive von Dirk für die Vergewaltigung nichts erzählt – er sei ja nicht einmal geil gewesen. Offenbar sei es nur um einen Hirnkoitus gegangen.

L.K.: Die Schuldfrage sei nicht ihr Thema gewesen. Er nähme Dirk die Schilderung der Vergewaltigung ab – sie habe weniger mit Sex als mit Macht zu tun. Die zwangsläufige Anbindunq an Geilheit korrespondiere allenfalls mit Vorstellungen der Rednerin.

Z.: Warum die beiden einen solchen Film gedreht hätten; sie kämen doch zehn Jahre zu spät, das wisse man alles schon. Warum so viel Zeit, um so viel Schwachsinn zu blubbern.

L.K.: Sie wären an den Film nicht mit einer vorgefertigten Aussage herangegangen, sondern hätten von Vergewaltigern hören wollen, was aus ihrer Sicht dazu zu sagen sei, wo Gründe und Ursachen lägen. Sie hätten auch Grenzen von Therapie-Ansätzen zeigen wollen. E.v.M.: Neu sei z.B. die Darstellung der Bedeutung von Pornographie für das Zustandekommen von Vergewaltigungen.

L.K.: Hier auf der Duisburger Filmwoche sei vielleicht das falsche Publikum für den Film – denn eigentlich richtet er sich an die „Stammtischbrüder“.

Z. (Mehrere, zusammengefaßt): Zwei Bengels machten einen Film, hätten sich gerade mal neu mit dem Thema befaßt, hätten sich nicht vorbereitet, nicht mal Literatur gelesen.

L.K.: Es sei ihm zu albern, jetzt Literatur aufzuzählen.

E.v.M.: Sie hätten 20 Monate recherchiert, mit 20 Vergewaltigern gesprochen, mit einigen Opfern, mit Therapeuten…

…schallendes Gelächter, denn in diesem Moment setzte von draußen dröhnendes Glockenläuten der benachbarten Kirche ein…

Z.: Der Film ziehe keine Grenze zwischen Tätern und Opfern, sage nichts über die Motive von Dlrk, nichts über die Rolle der Eltern, nichts über Therapie-Ansätze, nichts über die Machtverhältnisse in der Gesellschaft. Was zeige er den Stammtischbrüdern? „Na, da war eben dies und das und jenes…“

E.v.M.: Dirk sage sehr viel über seine Machtgefühle. Und vieles sei den Leuten unbekannt…

Zwischenruf: „Was denn?“

Ein Zuschauer nannte es den „Jellinger-Effekt“: Der Film sei ja vielleicht 9ut gemeint, nur total daneben. Ob die Filmemacher sieb vorstellen könnten, ihn nicht zu veröffentlichen oder zu warten, bis durch zusätzliches Material ein qualifizierter Film entstehen könnte. L.K.: Er fände den Film nicht generell schlecht. Und würde das Gespräch erst einmal auf sich einprasseln lassen.-

Das Protokoll wird der Gesprächs-Situation nicht gerecht. Es spiegelt weder die (von mir so erlebte) Aggressivität des Auditoriums noch die merkwürdige Mischung aus Naivität und Borniertheit der beiden Filmemacher wieder. Hier könnte allenfalls ein Wortprotokoll aller Zwischenrufe, Redebeiträge und Repliken helfen.

Versuchsweise sei die Kritik an „Vergewaltigt“ zusammengefaßt:

– Die beiden Filmemacher hätten sich nicht genügend (quantitativ und qualitiv) mit dem Thema auseinandergesetzt.

– Die Ursachen, warum Dirk zu einem Vergewaltiger geworden sei, wären nicht thematisiert worden.

– Dirk sei vorgeführt, aber niemals hinterfragt worden. Er würde wie eine durch Therapie erzeugte Sprechblase wirken, sein tatsächliches Verhältnis zu seinen Vergewaltigungen, zu sich und seiner Therapie scheine niemals durch.

– Die formale Umsetzung des Filmes käme mit Bildern einher, die „leer“ seien oder den intendierten Aussagen zuwiderlaufen würden. Die Montage sei teils verwirrend und würde Bezüge zwischen einzelnen Protagonisten nicht deutlich werden lassen.

– Die inhaltlichen Aussagen seien nicht neu und die Machart des Films würde verhindern, daß der angestrebten Zielgruppe („Stammtischbrüder“) wesentliche Einsichten vermittelt werden könnten.

Nach Ausskunft der Filmemacher hätten Uschi und die Mutter von Dirk den Film „o.k.“ gefunden.

Dirk und sein Bruder hätten ihn nicht gesehen: Sie hätten behauptet, keine Zeit zu haben.