Duisburger Filmwoche

Film

Geschichten aus zwölf und einem Jahr
von Manfred Stelzer
DE 1985 | 90 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 10
08.11.1986

Diskussion
Podium: Manfred Stelzer, Thorsten Näther (Schnitt)
Moderation: Bärbel Schröder
Protokoll: Michael Kwella

Protokoll

Sie sei positiv überrascht: Die Leute würden zwar nicht mehr im Rauch-Haus wohnen, aber es sei etwas übriggeblieben bei ihnen; keine Illusionen, die geplatzt wären, sondern sie hätten sich bis heute auf ihre Weise nicht unterkriegen lassen – so eine Rednerin zur Eröffnung. Eine andere: Sie habe das Gefühl, Manfred Stelzer habe einfach nur Lust gehabt, einen Film zu drehen, habe das auch mit Spaß getan, aber zum Schluß würde sein Illusionsverlust durchschimmern, wäre ihm der Film aus der Hand geglitten. Im übrigen wirke der Film sehr inszeniert.

Stelzer: Inzwischen habe er sich auch dem Spielfilm zugewandt. Der Schluß des Films sei bestimmt gewesen durch den Tod des einen Protagonisten, mit dem er nicht habe umgehen können.

Tatsächlich sei der· Film total inszeniert, das angeblich Dokumentarische sei immer Lüge. Er möge die Leute, es seien alle Freunde von ihm, und er habe vor dem Drehen jeweils mit ihnen geredet. Habe dann bei jedem überlegt, wie er ihn darstellen, inszenieren solle – der „Organisator“ sei halt ein Chaot , die Geschichte mit den Blumen hätte der tatsächlich einmal durchgezogen – und ihr Aufgreifen mache die Person klarer. Die Leute könnten Interviews ohnehin nicht leiden, sie würden sich viel lieber selbst präsentieren – eben beim Abseilen vom Hochhaus, als Unternehmer; ein Spiel, bei dem die Menschen lockerer und ehrlicher als beim Interview wären.

Von den 70 Bewohnern des damaligen Rauch-Hauses habe er seine Freunde ausgesucht, die jedoch sehr unterschiedlich seien; alle zusammen würden ein Bild wie von einem Maler ergeben. Das, was die Leute seinerzeit im Rauchhaus gelernt hätten, sei bei jedem auf seine We ise erhalten – allerdings sei das nicht verwertbar, wenn man sich nicht anpassen wolle, man könne sich in dieser Gesellschaft damit nicht verkaufen. Der Einwand, ob die Vergangenheit nicht doch einen Marktwert habe – schließlich sei er, Stelzer, doch zur Kunst gekommen und wir als Zuschauer fänden seinen Film gut, fand mangels Verständnisses keine Vertiefung.

Ebenso führte der Versuch, über die Methode des Films zu reden, in eine Sackgasse: Der Film erzähle die Geschichte der Entwicklung von Menschen und von geplatzten Träumen. Er würde keinen Mythos aufrechterhalten: Die einzelnen würden zwar nicht mehr an der Revolution basteln, einige täten aber etwas zur Bewegung der Verhältnisse auf ihre Art. Der Film habe Menschen gesucht und auch gesehen, er sei ein sehr menschlicher Film – gerade deshalb solle man über seine Farm reden.

Stelzer: Er habe sich gefragt, dürfe man einen Film machen über etwas, das kaputt gegangen ist? Dinge verändern sich, der Einzelne müsse aber überleben – davon handele der Film. Immerhin seien die Leute keine Faschisten geworden.

[Anmerkung des Protokollanten: Solcherlei Nichtbezüge kennzeichnen den Charakter des gesamten Gespräches und verhindern e in wie auch immer strukturiertes Protokoll. Von daher umseitig nur noch eine ausgewählte Passage.]

Stelzer: Die (per Zwischentitel vorgenommene) Typisierung der einzelnen Protagonisten würde ihrem Wesen und ihrer Entwicklung entsprechen. Der „Träumer“ sei immer schon auf’s Neue unglücklich verliebt, die Zirkusdirektorin sei halt Millionärin und adlig, der „Chef“ sei Chef und sei eben kein Chef; er habe einfach nicht mehr in der Werkstatt arbeiten wollen und deshalb einen eigenen Betrieb aufgemacht. Nur: Chef zu sein habe er nie gelernt, ebensowenig wie notwendigerweise seine Arbeiter zu drücken. Das bereite ihm Probleme.

Genau an diesem Punkt – so eine Zuschauerin – hätte sie gerne mehr erfahren. „Der Chef“ könne doch wohl nicht bruchlos der sein, gegen den er immer war. Hier fehle ihr die Tiefe des Films, er sei amüsant und schnell, doch in dem Moment, wo sie nachdenklich werde, ginge es weiter.

Stelzer: Er glaube, daß es einfach schöne Menschen seien, die etwas gelernt hätten – soziale Fähigkeiten. Für den Einwand einer Zuschauerin, sie sei desillusioniert, da etwa die Wohnzimmer der Leute spießig eingerichtet wären, hatte Stelzer die Replik, eine Schrankwand sei kein Zeichen für Spießigkeit, sondern arbeitertypisch.

Ein Zuschauer: Er sei sicher, daß diese Leute (im Sinne von „Spießer“) keinen Bezug zur Hausbesetzerszene gehabt hätten und das ihre Desillusionierung wiederspiegeln würde.

Stelzer: In sechs Jahren hätten die Hausbesetzer doch auch ihre Schrankwand.