Duisburger Filmwoche

Film

Usambara
von Peter Heller
DE 1980 | 71 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 5
1981

Diskussion
Podium: Peter Heller
Moderation: Jutta Uhl
Protokoll: Fritz Iversen

Protokoll

Zunächst wurde nach der Darstellung der beiden alten Frauen gefragt, die von einer Zuschauerin als diskriminierend und ein wenig lächerlich machend empfunden und darüberhinaus aber auch für inhaltlich unangemessen gehalten wurde. Die Frauen seien benutzt worden, um die Widersprüchlichkeit einer missionarischen Entwicklungshilfe zu demonstrieren, doch ließe sich die ganze komplexe Problematik nur höchst unzureichend in diesen beiden Frauen herausarbeiten, die besondere Fälle mit besonderen persönlichen Motiven seien. Im Gegensatz dazu empfand eine andere Zuschauerin die Darstellung der Frauen überhaupt nicht als eine diskriminierende Benutzung, sondern als die korrekte Darstellung ihrer Widersprüchlichkeit, die sich aus der Beobachtung der Frauen selbst ergäbe, der Zuschauer würde sich nicht über sie erheben, sondern würde die Kolonialgeschichte als Teil seines eigenen Bewußtseins erkennen und die missionarischen Motive in sich selbst entdecken. Daß für die Zuschauer im Schwanken zwischen Widerwillen und Sympathie ihr eigenes Bewußtsein zum Problem werde, bestätigte noch ein anderer Zuschauer.

Heller erklärte zu diesen Stellungnahmen, daß er nicht im mindesten die Absicht gehabt habe, die beiden Frauen als Demonstrationsfälle übler europäischer Selbsttäuschung und kolonialistischer Gesinnung zu benutzen. Er hat in ihnen unter anderem Archetypen für zwei europäische Verhaltensweisen gesehen. Agnes Rösler sei diejenige, die von der Theorie her die Welt verbessern wolle, die sich hauptsächlich in ihrem Schreibzimmer aufhalte, die im direkten Kontakt mit den Afrikanern eher scheu sei, auch aus einem Empfinden heraus dafür, daß sie in Afrika eine Fremde ist, und die schließlich etwas gehemmt sei, ihre Vorstellungen praktisch umzusetzen. Dagegen sei Frieda Wohlrab eine Frau, die mehr praktisch denke und handele, die sich mit einer gewissen Aufdringlichkeit zu den Afrikanern begibt, sie praktisch anleiten will, aber auch mehr mit ihnen redet und auf sie einzugehen versucht. Als solche Archetypen seien sie austauschbar mit Entwicklungshelfern. – Befragt nach seinen Motiven, diesen Film zu machen, gab Heller zu, daß am Anfang auch private, mit dem Thema nicht zusammenhängende Gründe standen: das Vergnügen, in die große Ferne zu flüchten etc. Aus politischen Überlegungen herrührend trat dann aber das Verlangen hinzu, Gegeninformationen zu vermitteln. Es sollte ein Gebrauchsfilm entstehen, der für die Arbeit der „Dritte-Welt-Gruppen“ herangezogen werden könnte und dort in der Lage wäre, den neuen, quasi missionarischen Polit-Tourismus provokativ zu verunsichern.

Gemessen an dieser Absicht wurde der Film allerdings von einem Zuschauer für ungeschickt gehalten, weil nämlich die aktuell kursierenden Formen der politischen Missionsarbeit in den beiden alten Frauen nicht unbedingt wiederzuentdecken sein müßten und von daher der Film von ihnen leicht beiseite geschoben werden könnte. Überdies seien die Zusammenhänge noch viel komplizierter. Von anderer Seite wurde noch kritisiert, daß der Film unterm Strich die Aussage nahelege, daß die Afrikaner zwar durch die Europäer ihre eigenen Wirtschaftsformen und ihre Kultur verloren hätten und dadurch in den Dreck gekommen wären, sich nun aber am besten ganz allein aus eigener Kraft aus ihren Schwierigkeiten herausarbeiten sollten.

Heller nahm diese Einwände an, soweit sie ihm die Gefahren von mißverständlicher Aufnahme des Films zeigten. Er habe den Film für die Gruppenarbeit konzipiert und festgestellt, daß der Film in verschiedenen Gruppen (Altenheime, Ökologiegruppen, Frauengruppen) unter ganz verschiedenen Aspekten gesehen und diskutiert würde. Ihn habe allerdings bei Vorführungen vor Entwicklungshelfern auch erstaunt, daß der Film dort so glatt und widerspruchslos aufgenommen werde und das, was Entwicklungshelfer vielleicht provozieren sollte, nicht gesehen werde.

Der Film weckte einige Kritik an seiner Form, die als zu nah der Fernsehfeaturenorm empfunden wurde. Die Beobachtungen, die das Filmteam in Tansania hatte aufnehmen können, seien nach Feature-Manier thematisch zerschnitten und montiert worden und dann von einem Off-Kommentar überdeckt worden, der ihre Betrachtungsweise und Wirkung bestimmt hätte. Andere Zuschauer störten sich vor allem an dem durch die Zwischentitel eingeführten didaktischen Charakter des Films. Das in einer gewissen Kontinuität mit den Prinzipien ihrer Väter stehende Bescheidwissertum der alten Frauen, das von dem Film als problematisch gezeigt wird, tauche ironischerweise in der abhandlungsartigen Kapiteleinteilung auf. Durch sie würde der Zuschauer gelenkt, die Richtung seiner Aufmerksamkeit würde von den Zwischentiteln bestimmt. Vielleicht seien diese Formmomente des Films auch daran schuld, daß die von Heller selbst gelegentlich bemerkte „glatte“ Aufnahme des Films möglich sei.

Gegen diese Einwände erklärte Heller, daß die Form seines Films nicht als Anpassung an die Abspielstelle „Fernsehen“ entstanden sei, sondern sich für ihn als dem Stoff adäquat erwiesen habe. Es habe ja für den Film, der im Fernsehen in einer 43 Minuten-Fassung lief (wichtigste Kürzung: die Zitate aus dem Buch des ersten Missionars), auch die Aufgabe bestanden, nicht nur heute Sichtbares zu vermitteln, sondern auch die Geschichte des Dorfes und andere weitere Zusammenhänge durch Gespräche einzubeziehen und aufzuarbeiten. Diese Beschäftigung mit der Geschichte sei von den Dorfbewohnern bisher noch nicht selbst geleistet, sondern erst von den Filmern initiiert worden. Zu dieser Wort-Ebene des Films verhielten sich die Bilder aber keineswegs zufällig oder beliebig, vielmehr zeigten sie wichtige Ergänzungen und Relativierungen des Erzählten und Gesprochenen. Ein Zuschauer meinte noch, daß, was die Identität des Films mit den von ihm kritisierten Formen von Missionsarbeit anginge, der Zuschauer so am eigenen Leib die Widerwärtigkeit der gezeigten