Alexander Scholz

Einführung zum Programm der Filmwoche bei der Diagonale in Graz

Die Duisburger Filmwoche war vom 18.-23.3.2026 auf der „Diagonale – Festival des österreichischen Films“ zu Gast. Für das Special „Dialektik der Zumutung. Unbehagen im Dokumentarfilm“ haben unsere Kurator:innen Patrick Holzapfel und Friederike Horstmann vier Beispiele aus der Geschichte des Duisburger Festivalhistorie ausgewählt. Die Einführung zum Gesamtprogramm von unserem Festivalleiter Alexander Scholz können Sie hier nachlesen. Der Besuch in Graz ist Teil des Programms „50 Jahre Gegenwart“, mit dem die Filmwoche im Kontext des 50. Festival-Jubiläums 2026 an verschiedenen Orten zu Gast ist.

Für das Unbehagen einführende Worte zu finden, ist auf den ersten Blick nicht einfach. Das Thema ist diskursiv umstellt. Ich will es versuchen etwas freiräumen. Vorerst drei Überlegungen.

Erstens finde ich eine Abwehr vor Zumutungen sehr nachvollziehbar. Sie im Kino erleben zu können, ist insofern ein Privileg. Dort besteht die Zumutung „nur“ im Aushalten eines Sehens und Fühlens. Die fixierte, etwas gezwungene Situation, in der man im Kino sowieso ist, wird durch Filme, die Unbehagen auslösen, spürbarer. Das zuweilen überpräsente Außen, die Wirklichkeit des Films, macht das Innen des Kinoraums umso präsenter: als sicheren Raum für Wahrnehmungen, die Unsicherheit auslösen. Unser Programm lädt also ein, das Kino zu spüren.

Zweitens stehen Begriffe wie Zumutung und Unbehagen oft in der Nähe des Begriffs der Provokation oder, noch schlimmer, nährt sich an ihnen der Verdacht, dass sich jemand mit unserem Unbehagen und damit, dass er es dem Publikum zumutet, brüstet. Ich meine die Figur des mutigen Mahners, jemand, der an die Grenzen geht, der sich traut, unangenehme Wahrheiten auszusprechen, vor denen sich die anderen ängstigen. Jemand, im wahrsten Sinne des Wortes, der es uns mal so richtig zeigt. Entsprechende Filme mögen ihren Reiz haben, waren für unser Programm aber weniger interessant.

Wir zeigen also drittens Filme, die mit dem Unbehagen formal und inhaltlich etwas anzufangen wissen, die es in kommunikativer statt exploitierender Absicht einsetzen, statt Abwehr nur auszulösen, um Relevanz zu behaupten. Ihnen sind andere Strategien gemein: Sie lassen sich auf ihre Protagonisten ein, nehmen sie ernst, begleiten sie oft lange und empathisch, statt ihnen nur schnell elende Bilder abzupressen. Die Filme stoßen uns auf soziale Situationen und damit auf die Frage, ob unser Unbehagen vielleicht eine politische Dimension hat. Zuletzt suchen sie Bildsprachen und Distanzverhältnisse, die sich bemühen, den Menschen gerecht werden. Sie inszenieren, rücken zu Leibe, überschreiten – all dies indes beim Versuch, Beziehungen herzustellen.

Ich wünsche Ihnen mit unserer Reihe ganz im Sinne der Duisburger Filmwoche eine intensive Zeit im Kino und anregende Diskussionen.