Duisburger Filmwoche

Extra

Duisburg im Dunkeln. Bilder und Kontexte eines Brandanschlags

Duisburger Filmwoche 46
11.11.22

Podium: Bengü Kocatürk-Schuster, Patrick Lohse, Marian Mayland, Aynur Satır Akça
Moderation: Canan Turan
Protokoll: Johanna-Yasirra Kluhs

1984 sterben in Duisburg-Wanheimerort sieben Menschen bei einem Brandanschlag auf ein von so genannten Gastarbeiter:innen bewohntes Haus. Viele weitere werden schwer verletzt. Der Kurzfilm „Dunkelfeld“ (2020) erzählt davon: analytisch und empathisch, nah an den Überlebenden und am historischen Kontext. Über den Film, der während des Festivals als Installation zu sehen ist, und die Verbrechen, die er anklagt, spricht Canan Turan mit der Initiative „Duisburg 1984“ und den Filmemacher:innen.

Protokoll

 

Ferdane Satır

Çiğdem Satır

Ümit Satır

Songül Satır

Zeliha Turhan

Rasim Turhan

Tarık Turhan

 

Die Initiative Duisburg 1984 arbeitet seit 2019 daran, dass ein rassistischer Brandanschlag in Duisburg-Wanheimerort aus dem Jahr 1984 zum Gegenstand öffentlichen Erinnerns wird. Teil der kulturpolitischen Arbeit der Initiative ist der Auftragsfilm „Dunkelfeld“, der von Marian Mayland, Patrick Lohse und Ole-Kristian Heyer realisiert wurde und im Rahmen der Duisburger Filmwoche für eine Woche in der cubus kunsthalle zu sehen ist. Es ist das erste Mal, dass der Film in Duisburg für ein breites Publikum zugänglich ist. Das Gespräch bei der Duisburger Filmwoche will so Sichtbarkeit und Diskursraum schaffen für eine Reflexion über den Film und seine Entstehungsweise, sowie über die Verbrechen, die er anklagt. Referentin, Filmemacherin, Beraterin, Moderatorin & Kuratorin Canan Turan lädt mit Bengü Kocatürk-Schuster und Aynur Satır Akça, zwei Vertreterinnen der Initiative DU 1984, sowie mit Patrick Lohse und Marian Mayland, zwei der drei Regisseur:innen, zum Gespräch.

Das Podium folgt der Idee des Zuhörens als antirassistischer Praxis[1]. Die gestellten Fragen sind klar formuliert und adressiert. Die gewählte Redezeit der eingeladenen Sprecher:innen wird unbedingt respektiert. Man fällt sich nicht gegenseitig ins Wort, sondern räumt zusätzliche Zeit nach Beendigung eines Redebeitrags ein, um sicherzugehen, dass die Person ausgesprochen hat. Und um sicherzugehen, dass man selbst zugehört hat. So entsteht ein Raum, in dem bewusste Lücken für den äußerlich stillen Nachhall entstehen, Resonanzen von Schmerz, Scham, Anteilnahme, Wut und Trauer in Sprecher:innen und Zuhörer:innen entstehen können und den Raum mit beleben. Gleichzeitig ermöglicht er ein Sprechen, das Wiederholungen bewusst als rhetorisches Mittel versteht. Es geht nicht darum, beständig Neuigkeiten zu produzieren, sondern verdecktes und marginalisiertes Wissen nachträglich und entschieden in den Kanon einzutragen. Dieses Protokoll lädt also dazu ein, der Redeordnung des Gesprächs zu folgen. Der Text sollte nicht überflogen, sondern blockweise mit kurzen Pausen gelesen werden. Das Protokoll lehnt sich an den Wortlaut der Sprecher:innen an und versucht die Mündlichkeit zu erhalten, gleichzeitig aber schriftsprachliche Lesegewohnheiten zu bedienen. Das Gespräch ist nur geringfügig gekürzt und verändert worden.

Canan Turan an Patrick Lohse und Bengü Kocatürk-Schuster:

Wie habt ihr als Aktivist:innen und Filmemacher:innen zusammengearbeitet?

Bengü Kocatürk-Schuster: Als wir den Film in Auftrag gegeben haben, hatten wir eben erst die Familie Satır kennengelernt. Wir hatten erste Gedenktage organisiert. Von Anfang an war uns bundesweite Sichtbarkeit wichtig. Wir haben viel publiziert, öffentliche und geschlossene Veranstaltungen gemacht und uns bundesweit vernetzt. Ein Film als künstlerische Arbeit war für uns ein Baustein, um noch mal andere Menschen zu erreichen. 2018 war außerdem der Film „Der zweite Anschlag“[2] entstanden. So waren wir auf Mala Reinhardt aufmerksam geworden. Wir haben nicht viel recherchiert, sondern direkt über unsere Netzwerke gearbeitet und sie kontaktiert. So kamen wir dann mit dem Team ins Gespräch. Als zweite künstlerische Arbeit hat die Familie Satır am Foto- und Ausstellungsprojekt „Die Angehörigen“[3] von Jasper Kettner und Ibrahim Arslan teilgenommen.

Patrick Lohse: Wir waren erfreut, dass ihr auf uns zugekommen seid. Und auch geschockt, dass wir davon nichts wussten, obwohl wir aus der Region kommen. Wir mussten uns dann erstmal in den Fall einarbeiten. Wir haben von der Initiative Zeitungsartikel und Hintergrundinformationen erhalten. Ich finde es extrem wichtig zu erwähnen, dass dieses Wissen aus dezentralen Archiven und selbstorganisierten migrantischen Archiven zusammengetragen werden musste. Dass das Wissen keinen festen Ort hat, wo es zentral zugänglich ist. Die Sichtbarkeit war nicht da. Wir haben dann das Konzept gemeinsam entwickelt. Wir haben etwas vorgeschlagen, und dann immer wieder an die Initiative, die Familie und critical friends geschickt um Feedback einzuholen. Wir haben verstanden, dass unsere Aufgabe erstmal ist: Viel zuhören und die Perspektiven kennenlernen, die wir selbst als weiße Filmemacher:innen nicht mitbringen.

Canan Turan an Patrick Lohse und Marian Mayland: 

Die Teamkonstellation ist ja besonders. Drei Regisseur:innen, eine Dramaturgin, eine Rechercheurin, und die Voice-Over-Stimme als eigene Protagonistin. Wie habt ihr zusammengearbeitet?

Marian Mayland: Der Film ist gleichzeitig eine autonome künstlerische Arbeit und ein Auftrag. Das gesamte Narrativ basiert auf der Recherche von Ceren Türkmen. Der Arbeitsprozess am Film scheint vielleicht lang, war aber eigentlich relativ kurz. Und das ging nur, weil von der Initiative schon so viel zusammengetragen wurde. An Bengü Kocatürk-Schuster und Aynur Satır Akça Wir haben euer Narrativ angenommen. Und dann im nächsten Schritt etwa einen Monat im Studio verbracht, um Bilder zu finden, die dem Narrativ entsprechen, die es tragen können, die es aber auch brechen. Mala Reinhardt war als Dramaturgin von Anfang bis Ende dabei.

PL: Es war total wichtig, Mala Reinhardt dabei zu haben.

CT: Weil sie auch eine rassifizierte Person ist…

PL: Ja. Die konstruktive Kritik von der Initiative und Mala war zentral für das Entstehen des Films. Weil wir als weiße Filmemacher:innen unsere Grenzen kannten. Scheitern und Irrtum waren Teil des Prozesses.

CT: Das hört sich nach viel Bewusstheit, Achtsamkeit und einem Streben nach ehrlich gemeinter Allyship an.

Canan Turan an Aynur Satır Akça:

Aynur, hast du Lust zu sprechen? Was möchtest du uns mitteilen?

Aynur Satır Akça: Als Betroffene und Überlebende würde ich gern mein Herz euch aufschließen. Ich habe sehr viel Fragen an die Stadt, an die Behörden. Ich hoffe auf Unterstützung der Stadt. 35 Jahre wurde unsere Geschichte vergessen. Erst durch die Initiative wurde sie wieder aufgemacht. Ich habe sieben Familienmitglieder verloren, ich bin selbst aus dem Fenster gesprungen. Wir hatten vor der Tat schon Hakenkreuze am Haus gehabt. Am Tag vorher war abends schonmal die Feuerwehr da gewesen, ohne Grund. Am Abend selbst kam sie dann aber zu spät. Sonst hätte meine Familie vielleicht überlebt. Das Leid hallt heute noch nach bei mir. Unsere Geschichte wurde unter den Teppich gekehrt. Die Stadt und die Behörden haben uns nicht unterstützt. Es kam niemand und hat gefragt, wie es uns geht, was wir brauchen.

Canan Turan an Aynur Satır Akça:

Danke, dass du deine Geschichte teilst, dass du hier bist. Du bist ein sehr starker Mensch. Danke. Du sagst, ihr habt keine Unterstützung bekommen. Wurdet ihr über eure Rechte aufgeklärt? Ist die Polizei auf euch zugekommen, habt ihr ärztliche oder therapeutische Hilfe erhalten?

ASA:  Ich war 13. Ich lag drei Monate im Koma und wusste nicht, dass meine Mutter und Geschwister gestorben sind. Man hat mir das dann einen Tag vor der Entlassung aus dem Krankenhaus gesagt. Und mein Vater war dann fast zwei Wochen nicht da. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass er da bei der Beerdigung war in der Türkei. Ich habe Wut auf die Behörden und die Stadt, dass sie uns alleine gelassen haben. Meine übrigen Geschwister, mein Vater, wir mussten bei Bekannten bleiben. Wir hatten ja nichts mehr. Keine Wohnung, keine Möbel. Meine Schwester hat gesagt: „Ich will in ein Haus ohne Holztreppenhaus.“ Aber die Stadt hat uns dann eine Wohnung mit Holztreppenhaus zugewiesen. Meine Schwester hat all die Jahre nasse Handtücher vor die Tür gelegt. Damit das nicht noch mal passiert. Es gab kein öffentliches Gespräch über das, was passiert ist. Ich bin froh, dass die Initiative Duisburg 1984 uns den Weg eröffnet hat, dass man uns hört. Dass ich heute hier sitze, ist durch die Initiative möglich. Ich bin froh, dass die Leute uns zuhören und uns unterstützen wollen.

Canan Turan an Bengü Kocatürk-Schuster:

Die Polizei hat ja ziemlich früh aufgehört, gegen Rassismus zu ermitteln. Aufgeklärt wurde der Fall erst neun Jahre später. Zufällig wurde eine Täterin gefunden. Sie kam dann in die Psychiatrie und ist da gestorben. Es hatte sich aber schon früh eine Bürger:inneninitiative gegründet, die direkt nach dem Anschlag gefordert hatte, genauer zu ermitteln. In eurem Podcast habe ich gehört, dass die Stadt damals kommentiert hat, diese Forderungen kämen aus einer linksextremen Ecke. Die DKP stecke dahinter, die Stadt solle diffamiert werden. Wie war das 2018 für euch?

BKS: Ceren Türkmen, Soziologin, kam zum DOMiD. Das ist das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland, hier werden seit über 30 Jahren schon Materialien zur deutschen Migrationsgeschichte gesammelt. Sie kam für zwei Wochen zur Recherche für ihre Doktorarbeit. Allerdings zu einem anderen Thema.[4] Zufällig ist sie dabei auf zwei kleine Zeitungsnotizen zum Brand in der Wanheimer Straße gestoßen, die sich gegenseitig widersprachen. Sie hat sich gefragt: „In einem migrantischen Stadtteil wird ein Haus, das als Türkenhaus bezeichnet wird, angezündet – ich bin Duisburgerin, warum weiß ich nichts davon?“ Sie hat in ihrer Familie rumgefragt. Keiner wusste so richtig was darüber. Sie hat weiter recherchiert und dann erfahren, dass es viele Hinweise gab, dass rassistische Motive vorlagen. Aber man hat die ignoriert, man hat weggesehen. Das ist kein Einzelfall, dass die Spuren so schnell verwischen. Der Familien ging es so schlecht, die konnten auch nicht klagen und sagen: „Guckt mal in die richtige Richtung.“ Rassismus als mögliches Motiv wurde komplett ignoriert. Warum auch immer. Ich finde ein Detail auch sehr seltsam, über das Aynur eben gesprochen hat: Dieser Feuerwehreinsatz, der schon am Abend vorher am Haus stattgefunden hat. Man fragt sich: War das ein Test, wie lange die brauchen? Oder war das eine bewusste Täuschung, damit sie sich am nächsten Tag mehr Zeit lassen? Das hat man nicht recherchiert. Gegenüber auf der Straße lebte und arbeitete eine weiße deutsche Bäckersfamilie. In der Nacht waren sie die ersten, die Hilfe geleistet haben. Sie haben die Menschen aus dem Haus aufgenommen, sie haben Getränke verteilt. In den Folgewochen hat diese Familie kontinuierlich Anrufe bekommen. „Warum habt ihr dem Türkenpack geholfen, den Kanaken?“ Die haben dann irgendwann das Telefon ausgestöpselt. Dem ist auch niemand nachgegangen. Es liegt uns ein Dokument vor von Johannes Rau, der damals Ministerpräsident war, dass er sich bei der Bäckersfamilie bedankt hat. Aber die Familie Satır hat niemand besucht. Das ist natürlich auf allen Ebenen unsensibel. Und dann ist es der Fall ins Dunkel geraten, wie der Film ja auch betont.

Canan Turan an Bengü Kocatürk-Schuster:

In einem Radiointerview bei Deutschlandfunk[5] sagst du: Wenn es Vorfälle in Zusammenhängen gibt, wo People of Color und migrantisierte Menschen leben, und man Rassismus nicht klar ausschließen kann, dann muss man bis zum Gegenbeweis davon ausgehen, dass es ein rassistisches Motiv gab.

ASA: Ich weiß noch, an dem Abend sind meine Schwester Rukiye und ich spät abends auf die Toilette im Hausflur gegangen. Wir sollten immer zusammen gehen, meine Mutter wollte nicht, dass wir im Dunkeln noch allein in den Hausflur gehen. Da haben wir noch nichts gemerkt. Und fünf Minuten später stand meine Schwester am Fenster, man konnte von da aus in den Hausflur gucken, und hat gerufen: „Es brennt!“ Wir sind dann zur Wohnungstür gerannt und haben sie aufgemacht und da war das Feuer schon oben angekommen und dann in die Wohnung. Wir sind zurück zum Fenster. Meine Mutter hat dann geschrien: „Nicht runterspringen!“ Aber man konnte keine Luft mehr bekommen. Es war so heiß. Unten auf der Straße war es voll, da waren so viele Menschen. Mein Vater hat auch gerufen: „Nicht runterspringen!“ Rukiye hat sich dann von der Fensterbank hängen lassen, und dann ist sie runtergefallen. Ich wurde dann zurückgezogen. Aber irgendwie war ich dann auch unten. Also, innerhalb von ein paar Minuten ist das Feuer vom Erdgeschoss bis oben gekommen. Für mich ist das ein rassistischer Anschlag. Mit einer Zigarette im Sperrmüll kann man das so nicht anzünden. Da war Benzin im Spiel. Ich habe so viele Fragen. Wofür sind meine Eltern, meine Familie gestorben? Ein Jahr später sind wir mit dem Auto in die Türkei gefahren. Mein Vater war nicht mehr der alte Vater. Er meinte: „Bereitet euch vor, dass wir zusammen einkaufen gehen.“ Dann hat er aber gesagt, dass wir aussteigen sollen. Und dann hatte er einen Autounfall an dem Tag. Er wollte nicht mehr leben. Er hat uns gesagt, dass wir aussteigen sollen, damit er sich das Leben nehmen kann.

BKS: Es gab auch viele widersprüchliche Aussagen bei der Täterin. Sie wäre vorbeigekommen und hätte zufällig Sperrmüll gesehen und Lust bekommen, den anzuzünden. Sie wurde als Pyromanin diagnostiziert. Man hat das nie überprüft, ob Unterstützer:innen, Netzwerke dahinterstecken. Sie wurde gefragt: „Haben Sie was gegen Ausländer:innen, Asylant:innen?“ Da hat sie „Nein.“ gesagt und es war erledigt.

Canan Turan an Bengü Kocatürk-Schuster:

Du hast ja vorhin gesagt, es sei nicht klar, ob es bewusst rassistisch war. Aber grad in den 80ern war das allgemeine Klima ja sehr rassistisch. Auch auf politischer Ebene, wo die Rückkehrprämie für Gastarbeiter:innen eingeführt wurden.

BKS: Ja, es ist wichtig, den historischen Kontext zu sehen. Es gab migrantische Viertel, in denen die Gastarbeiter:innen lebten. Die 80er waren harte Jahre für Migrant:innen. Man redet immer so, als ob das erst in den 90ern losgegangen wäre mit dem Rassismus, nach der Wende. Dass das ein Problem aus Ostdeutschland gewesen wäre. Aber es gab auch in den 80ern in Westdeutschland viele Brände in Asylbewerber:innenheimen und migrantischen Wohngegenden. Ich glaube, dass da eine große Dunkelziffer herrscht. Eigentlich geht es jetzt erst los, dass das angemessen kontextualisiert wird. Und du hast grad von dem Rückkehrförderungsgesetz gesprochen, dass 1983 von Helmut Kohl durchgesetzt wurde. Wer das angenommen hat, dem wurde die Rente und alles, was er:sie eingezahlt hatte, auf Null gesetzt. Das haben viele nicht gewusst. Es gab immer restriktivere Maßnahmen, Menschen loszuwerden, die man in den 50er und 60ern geholt hatte. Es war ein Vetreibungsklima. Gegen die Menschen, die zum Arbeiten hierher gekommen sind. Das hat man auch in der Sprache von Politiker:innen und den Medien gehört. Aber das hat man damals als Normalität empfunden. Aynur und Rukiye haben auch neulich gesagt, dass sie es erst jetzt im Nachhinein verstehen: „Wir wurden nicht gut angesehen. Wir wurden als Kümmeltürken oder Kanaken bezeichnet.“ Alltagsrassismus ist eine Form von Rassismus, die später in Katastrophen endet.

Canan Turan an Marian Mayland und Patrick Lohse:

Ihr habt eine bestimmte Ästhetik gewählt und viel mit Dunkelheit gearbeitet. Der Film heißt ja auch „Dunkelfeld“.

PL: Also erstmal: Diese Sprache in den 80ern, der Alltagsrassismus dieser Zeit, hat sich natürlich auch in die Sprache eingeschrieben und damit waren wir auch als Filmemacher:innen konfrontiert. Denn wir sind mit Archivalien aus den Öffentlich-Rechtlichen umgegangen, in denen diese Sprache genutzt wurde. Damals war diese Sprache vielleicht Konsens. Aber uns hat das geschockt und wir wollten das nicht einfach reproduzieren Und zur Ästhetik: Wir wollten diese sehr unterschiedlichen Archivmaterialien in Beziehung zu einander setzen – die migrantischen Archive, öffentlich-rechtliche Materialien und die Gespräche mit den Betroffenen, die ja in den Archiven bisher gar nicht abgebildet waren. Wir brauchten Strategien, wie wir das Material zusammenführen können, ohne das einfach hintereinander abzuspulen. Sondern das in eine Beziehung zueinander zu setzen, in denen das auch Effekte aufeinander hat. Wenn wir das einfach hintereinander montiert hätten, hätten wir nicht auf diese Dunkelfelder verweisen können, die sich aus den Beziehungen zwischen den Materialien konstruieren. Das politische Klima der Zeit, war auch ein ganz ganz wichtiger Kontext für den Film. So kamen wir auf die Idee, dass es eine Strategie sein könnte, das Material faktisch in einen Raum zusammen zu stellen. So kamen wir zu dieser Ästhetik, in denen unterschiedliche Bildschirme und Stimmen erscheinen, zwischen denen der Platz für die vielen dunklen Flächen im Bild entstanden ist, die eben keine Informationen transportieren.

MM: Es war ja auch Anspruch, dass der Film in kurzer Zeit eine zeitliche Spanne von vor 1984 bis heute abbildet. Dass der Raum ästhetisch Anknüpfungspunkte bietet für die Materialien aus den 80ern, aber auch Material aus der Jetztzeit aushält. So konnten wir dann auch Bilder aus dem Bundestag bis hin zu den Forderungen der Initiative von heute aufgreifen. So zeigen wir zum Beispiel auch das Straßenschild von der „Satır-Straße“, die auf die Forderung nach der Umbenennung verweist. Zu Bengü Kocatürk-Schuster und Aynur Satır Akça Wir wollten den Fall erzählen anhand eurer Perspektiven und nicht eine Wahrheit konstruieren. Wir wollten kein Licht ins Dunkel bringen.

Publikum an Patrick Lohse und Marian Mayland:

Der Film ist sehr kompakt. Habt ihr bei der Konzeption des Films mal gedacht, mehr Material zu integrieren oder war es klar, dass es kompakt sein soll?

PL: Das war Teil des Auftrags. Der Film soll ja zum Beispiel auch bei Gedenktagen gezeigt werden. Er sollte nicht so viel Raum einnehmen. Ein Langfilm wäre zu viel.

Canan Turan an Bengü Kocatürk-Schuster und Aynur Satır Akça:

Von 1984 bis heute: Was ist an würdevollem Denken und Erinnern passiert?

ASA: Seit 2019 machen wir unsere eigene Gedenkfeier. Das ist für mich immer ein besonderer Tag.

BKS: Der 26. August 2019 war das erste Mal nach 35 Jahren, dass an dem Tag öffentlich gedacht wurde. Von Anfang an haben wir bundesweit Unterstützung gesucht. Wir haben uns vernetzt mit der Familie Arslan aus Mölln (der Anschlag vom 23. November 1992 jährt sich dieses Jahr zum 30. Mal)[6], mit der Break the Silence / Initiative in Gedenken an Oury Jalloh[7], die an den Fall in Dessau erinnert, Initiativen aus Hamburg, aus Berlin. Wir wollten die Familie mit Menschen zusammenbringen, die ähnliches erlebt haben. Auch wenn die Tatzeiten sich unterscheiden, gibt es so viele Parallelen: Im Umgang mit Polizei, Ärzten, Stadt. Und auch die gemeinsame Frage: Wie kann man selbstbestimmt erinnern und gedenken? Seit eineinhalb Jahren haben wir jetzt auch ein Netzwerk in NRW. Da versammeln sich Gamze Kubaşık, die Tochter von Mehmet Kubaşık, der am 4. April 2006 vom NSU in Dortmund erschossen wurde[8], die Initiative Amed Ahmat[9], die Initiative Keupstraße ist überall[10] aus Köln. Es ist wichtig, dass wir uns regional unterstützen, uns bei Gedenktagen besuchen, uns gegenseitig empowern und stärken. Denn wir trauern nicht nur, sondern wir stärken uns auch. Das ist sehr wichtig. Man fühlt sich verstanden und sicher. Man kann dem anderen Sachen anvertrauten, die man in der Öffentlichkeit so nicht sagen kann. Die Initiativen machen die Arbeit des Staates – alles ehrenamtlich. Von Aufklärungsarbeit bis hin zum würdevollen Gedenken. Wenn es zum Beispiel die Initiative Oury Jalloh nicht gäbe, wäre der Fall schon in Vergessenheit geraten. Die akquirieren so viel Gelder, um im Endeffekt die Arbeit der Behörden zu machen. In Duisburg können wir diese Arbeit der juristischen Aufklärung nicht leisten. Wir können aber versuchen, die politische Anerkennung in der Stadt und Deutschland zu erreichen. Wir können erinnern, aber mit dem Blick Richtung Zukunft, damit so etwas nicht noch mal passiert. Remziye Satır sagt ja auch über ihre Motivation: „Wir sind verbrannt worden, andere sollen nicht verbrennen.“ Das heißt, wir arbeiten auch für die anderen, für ein friedliches Zusammenleben.

CT: Es ist ja auch so, dass die Arbeit des Zuhörens schon ein großer Beitrag ist. Und dieses Zuhören zu organisieren. Ich denke, dass es der weißen, cis-männlichen, heterosexuellen, bürgerlichen Norm oft nicht klar ist, dass es für marginalisierte Menschen überhaupt nicht selbstverständlich ist, gehört zu werden.

ASA: Durch die Initiative ist unser Weg geöffnet. Wir können reden. Das war immer unser Traum. Wir konnten lange nicht darüber sprechen. Ich bin froh, dass ich hier sitze und darüber erzählen kann. Und wir wollen noch mehr Unterstützung. Nächstes Jahr wird die Gedenktafel an das Haus kommen. Die Straßenumbenennung wollen wir noch erkämpfen.

Publikum an Bengü Kocatürk-Schuster:

Gibt es denn schon bundesweite politische Erfolge?

BKS: Der Innenminister von NRW Herbert Reul hat wohl jetzt einige rassistische Verdachtsfälle auf seine Liste gesetzt, damit sie nach Jahrzehnten nochmal untersucht werden. Wir wissen aber nicht, was genau und wie untersucht wird und wie die Ergebnisse veröffentlicht werden sollen. Wir selbst haben die Unterlagen, die uns zur Verfügung stehen, einem Anwalt vorgelegt. Er sagt, dass wir uns nicht zu viele Hoffnungen machen sollen. Denn es gab eine Täterin, die gestanden hat und bestraft wurde. Aber er befragt nun die Familie, die damals vor Gericht keine Aussage machen konnte. 1984 wurde das schon versäumt, und bei der Brandlegung in einem Asylbewerberheim in den 90er Jahren, durch die die Täterin auffiel, wurden die Betroffenen auch nicht befragt. Ungeschehen machen kann man es nicht. Aber das Problem muss ausgesprochen werden, auch um zu sehen, dass es keine Einzelfälle sind. Wir wollen Gerechtigkeit. Das ist den Familien auch sehr wichtig.

Publikum an Bengü Kocatürk-Schuster:

Steven Spielberg hat ja ein großes Archiv für Shoa-Überlebende[11] gegründet, in dem durch die gesammelten Erinnerungen eine Gegenöffentlichkeit im Netz geschaffen wird. Wäre es nicht gut, dass auch für eure Initiativen zu machen?

BKS: Die Arbeit fängt ja damit an, dass wir hier sitzen. Für euch sind das vielleicht 1,5 Stunden Podium, aber für Aynur fängt die Arbeit schon Wochen vorher an. Wir haben mehrere Clips gedreht, wir haben viel publiziert, wir haben einen Podcast[12], wir haben eine Website[13], eine Facebook-Seite[14]. Auch das DOMiD hat nun Kontakt mit der Familie aufgenommen, um einzelne Objekte aus ihrem Haushalt in die Museumssammlung aufzunehmen und so in das Migrationsgedächtnis Deutschlands zu integrieren. Das ist unsere Arbeit an der Gegenöffentlichkeit.

CT: Ich finde auch wichtig, zu sagen, dass das Spielberg-Projekt ja sehr groß finanziert ist. Solche Dimensionen kann man nicht mit Ehrenamt erreichen. Natürlich wäre es wichtig, dass es so eine Plattform auch für Überlebende rassistischer Attentate gibt. Ihre Wortmeldung sollte vom Staat oder anderen Fördergeber:innen aufgegriffen werden.

Publikum an Bengü Kocatürk-Schuster:

Wie laufen die Gedenktage ab? Und wie sind die Reaktionen der Öffentlichkeit?

BKS: An dem Tag kommen wir gemeinsam am Haus an der Wanheimer Straße zusammen. Mit Unterstützer:innen, die selbst Menschen sind, die von rechter, antisemitischer Gewalt betroffen sind. Wir bekommen solidarische Grußbotschaften aus ganz Deutschland, die verlesen und vorgespielt werden. Auch andere solidarische Duisburger:innen kommen. Je bekannter es wird, desto größer wird die Veranstaltung. Wir haben außerdem die NSU-Monologe im Duisburger Stadttheater gezeigt. Uns war wichtig, dass wir in diesem Jahr das Gedenken in städtischen Räumen begehen. Dass wir nicht nur unter uns trauern. Es ist wichtig, öffentliche Räume zu erobern. Denn wir müssen öffentlich darüber reden, um das Problem richtig angehen zu können. Heute sitzen hier auch zwei Vertreter der Stadt. Im ersten Jahr hat der Bürgermeister Sören Link die Zusammenarbeit abgelehnt, aber inzwischen sind wir in guten Gesprächen. Deswegen stehen wir auch kurz davor, die Gedenktafel am Haus zu realisieren für nächstes Jahr. Der Text dafür wurde gemeinsam mit der Familie Wort für Wort entwickelt. Und wir wollen die Wünsche der Familie weiter verwirklichen. Zum Beispiel die Straßenumbenennung.

PL: Für uns als Filmemacher:innen war es auch schockierend, dass es gar keine Sichtbarkeit im Stadtraum gibt. Man kommt an den Ort, an dem das Haus heute noch steht und man sieht: Nichts.

BKS: Es ist auch heute noch so, dass Menschen die jetzt in dem Haus wohnen, runterkommen am Gedenktag und fragen: „Was macht ihr hier?“ Selbst die Menschen, die an dem Ort leben, kennen die Geschichte nicht.

Publikum: Ich bin lange Zeit Umweltdezernent gewesen und dann seit 2019 Integrationsdezernent. Jetzt bin ich im Ruhestand. Es war ein ganz neues Fach, ich musste mich da erstmal einarbeiten. Mir ist schnell aufgefallen, dass die Geschichten der Migrant:innen überhaupt nicht sichtbar sind in der Stadt. Wir haben dann den Fakir Baykurt-Platz und -Kulturpreis[15] in der Stadt eingeführt. Der Brandanschlag von 1984 war kein Thema in der Stadt. Das hat die Initiative erst 2019 durch einen Antrag im Integrationsrat ins Rollen gebracht. Ich habe das unterstützt, weil die Stadt zu ihrer Geschichte stehen muss und aufhören sollte, diese Kapitel der Gewalt zu verstecken. Deswegen wollen wir auch die Gedenktafel. Man sieht an dem Fall, dass Rassismus krank macht. Für mich gibt es ganz klar Verbindungen zwischen dem Rassismus in der Gesellschaft und den Täter:innen.

CT: Ja, wir wissen einfach nicht: Mit wem hat diese Frau zusammengearbeitet – wer hat sie motiviert? Vielleicht haben Netzwerke auch ihre psychische Kondition ausgenutzt? Die gleiche Geschichte mit der Annahme von „Einzelfällen“ hat sich wiederholt im Fall des NSU.

BKS: 2011 ist für uns auch ein besonderes Jahr. Die sogenannte Selbstenttarnung des NSU hat uns klar gezeigt, dass vieles nicht sichtbar war oder werden sollte. Im Fall der Keupstraße gab es auch die Erfahrung, dass Rassismus direkt am zweiten Tag ausgeschlossen wurde. Die meisten Initiativen, die es heute in Deutschland gibt, haben sich nach 2011 gegründet. Es wurde vielen einfach nochmal klar: „Wenn wir keine Hilfe vom Staat bekommen, müssen wir es selbst in die Hand nehmen.“[16]

Publikum: Ich finde auch wichtig, auszusprechen, dass Duisburg von 1983-88 eine Hochburg der FAP war, ein Nachfolger der Kühnen-Partei, und damit Vorläufer des NSU. Das spricht dafür, dass es die Stimmung in der Stadt gab, den Nährboden. Nur weil man keine:n organisierte:n Faschisten:in als Täter:in vorfindet, heißt es nicht, dass es kein rassistischer Anschlag war.

CT: Ja, wir müssen diese strukturelle Dimension des Rassismus immer mit benennen. Und deswegen habt ihr euch gezielt entscheiden auf Ole, Marian und Patrick zuzugehen und mit einem Film genau darauf aufmerksam zu machen. Ich möchte jetzt alle Podiumsteilnehmer:innen die Möglichkeit für ein Abschlusswort geben. Die Sprecher:innen bedanken sich beieinander und der Duisburger Filmwoche. Ich möchte jetzt gern dazu einladen, aufzustehen. Ich werde die Namen der Verstorbenen noch einmal verlesen, und ihr Alter. Danach lade ich zu einer Schweigeminute ein.

 

Ferdane Satır (40)

Çiğdem Satır (7)

Ümit Satır (5)

Songül Satır (4)

Zeliha Turhan (18)

Rasim Turhan (18)

Tarık Turhan (50 Tage)

 

Wir stehen auf und schweigen. Einige weinen. Ich denke an das, was ich vor wenigen Tagen bei Cheikh Hamidou Kane in „L’aventure ambiguë“ („Der Zwiespalt des Samba Diallo“) gelesen habe: „Hier aber ist mir der Tod fremd geworden. Alles bekämpft ihn, verdrängt ihn, schiebt ihn weit ab von Körper und Geist.“ Die Verstorbenen sind im Raum. Wie können wir miteinander leben?

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[1] Ich habe von diesem Ansatz zum ersten Mal durch die forschende Aktivistin und Kuratorin Ayşe Güleç erfahren, die seit Jahrzehnten in die antirassistischen Kämpfe in Deutschland involviert ist. Vergleiche zum Beispiel: https://www.adkdw.org/de/article/1593_memory_lab_5

[2] „Der zweite Anschlag“ von Mala Reinhardt, DE 2018, 62 Minuten – der Film porträtiert Opfer rechtsradikaler Gewalt seit den 80er Jahren und ihre Strategien der Anklage und Selbstorganisation. Mittlerweile ist er auch als DVD erhältlich: https://derzweiteanschlag.de

[3] Die Angehörigen ist eine Fotoserie von Jasper Kettner in Zusammenarbeit mit Ibrahim Arslan, die Angehörige von Todesopfern rechter Gewalt zeigt: https://jasperkettner.de/die-angehörigen/ 

[4] In ihrem Promotionsprojekt untersucht Ceren Türkmen das historische Verhältnis von Klasse/Rassismus und Migration in Deutschland aus der Perspektive der Migration. In einer vergleichenden Perspektive verfolgt sie die Debatten um Klassismus und Rassismus zu Zeiten des Gastarbeitsregimes bis in die Gegenwart.

[5] https://www.deutschlandfunkkultur.de/rassismus-als-moegliches-motiv-initiative-moechte-100.html

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Möllner_Rede_im_Exil

[7] https://initiativeouryjalloh.wordpress.com

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Mehmet_Kubaşık

[9] https://initiativeamad.blackblogs.org

[10] http://keupstrasse-ist-ueberall.de

[11] https://sfi.usc.edu

[12] http://inidu84.de/podcast.php

[13] https://www.inidu84.de

[14] https://www.facebook.com/IniDu1984/

[15] Der Fakir-Baykurt-Kulturpreis wird alle zwei Jahre für eine herausragende kulturelle Leistung im Bereich des interkulturellen Dialogs an Duisburger Kulturschaffende aller Nationen, die sich um die positive Gestaltung des Miteinanders der Nationen in unterschiedlichen Kulturbereichen verdient gemacht haben, vergeben: https://www.duisburg.de/microsites/kulturbuero-duisburg/foerderung/fakir-baykurt.php

Siehe zur Bedeutung von Fakir Baykurt für die Ruhrgebietsliteratur auch die Dissertation „Die Ordnung der Vielfalt“ von der Duisburger Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Nesrin Tanç: https://nesrintanc.academia.edu/research

[16] Und hier entsteht eine Querverbindung zum restlichen Programm der Duisburger Filmwoche: Cem Kaya hat in seinem Dokumentarfilm „Aşk, Mark, ve Ölüm“ die Entstehung von deutschem Rap auch als Selbstermächtigungspraxis im Zusammenhang mit der rassistischen Gewalt der 80er Jahre porträtiert, zum Beispiel die Selbstverteidigungsinitiative 36 Boys aus Berlin und ihren musikalischen Flügel Islamic Force.