Duisburger Filmwoche

Extra

Duisburger Filmwoche goes Xenix: „Berlino“ und „Köy“

Duisburger Filmwoche 46

Podium: Serpil Turhan
Einführung: Alexander Scholz
Moderation: Jenny Billeter
Protokoll: Noemi Ehrat

„Berlino“: Italienische Gastarbeiter in Berlin. Sie telefonieren mit den Daheimgebliebenen, trinken zum ersten Mal Glühwein, kaufen Geschenke für die Familien. Ein Porträt von Einsamkeit, Fremdsein, aber auch Gemeinschaft.

„Köy“: Drei Generationen von Kurdinnen sprechen von Berlin aus über einen Ort, den sie verliessen oder den sie nie als Zuhause erfahren hatten. Neno, die Grossmutter der Regisseurin, will das Grab ihres Mannes in ihrem Dorf besuchen. Saniye will endlich einmal alle vier Jahreszeiten in ihrem Dorf erleben und Hêvîn ist politisch sehr aktiv, will aber Schauspielerei studieren. Alle drei Frauen beschäftigen andere Themen und doch eint sie ihre Sehnsucht nach „Köy“, ihrem jeweiligen Dorf in Kurdistan.

Protokoll

Seine erste Veranstaltung der Saison widmet das Zürcher Kino Xenix der Duisburger Filmwoche, die zugleich das erste Mal zu Gast ist. Speziell ist zudem, dass zwei Filme hintereinander gezeigt werden. Festivaldirektor Alexander Scholz, der aus Deutschland angereist ist – mit der 35mm-Kopie von „Berlino“ im Gepäck – erklärt zu Beginn kurz, wieso er die beiden Filme ausgewählt hat. Bei „Berlino“ von Valeska Grisebach und „Köy“ von Serpil Turhan gehe es um abwesende Orte, an die man sich sehne. Diesen ergäben sichaus dem Reden der Leute, so Scholz. Die Unterschiede er Filme arbeiteten ihre Stärken heraus: In „Berlino“ werden Menschen gezeigt, deren Sprechen zu hören aber nicht zu sehen sei, was eine Distanz markiere. In „Köy“ hingegen sei die Autorin sehr präsent und im Dialog mit den Protagonistinnen, was Nähe erzeuge.

„Berlino“, mit dem der Abend im Xenix startet, beginnt denn auch gleich mit einem Ortsverweis: Über ein Voiceover erzählt einer der porträtierten italienischen Gastarbeiter, dass er aus Lecce in Apulien stamme. Das titelgebende Berlin wird so gezeigt, wie es die Protagonisten sehen – nämlich praktisch gar nicht. Stattdessen wird in ihren Wohnungen, auf dem Bau, bei der Telefonkabine oder im Zug nach Italien gefilmt. In Grisebachs Film tragen die Gespräche in die Kamera den Film, ein Effekt, der in Turhans „Köy“ noch verstärkt wird.

„Köy“, so erfahren wir, bedeutet „Dorf“ auf Türkisch. Somit hat das Wort für jede der drei Protagonistinnen zwar eine andere örtliche Referenz, doch eint es sie im geteilten Ausdruck der Sehnsucht nach einem abwesenden Ort, wie Scholz es in seiner Einführung beschrieben hatte. Doch im Gegensatz zu „Berlino“ bleiben Turhans Protagonistinnen nicht namenslos. Neno, Saniye und Hêvîn heissen sie, die drei verschiedene Generationen von Kurdinnen repräsentieren. Im anschliessenden Dialog mit Jenny Billeter, Co-Programmleiterin des Xenix, erklärt die ebenfalls anwesende Regisseurin, dass sie jede der drei möge – „sonst hätte ich diesen Film nicht so machen können.“

Dies führt zum Kern der Diskussion, die sich im direkten Vergleich von „Berlino“ und „Köy“ aufdrängt. Inwiefern darf oder soll die Filmende im Dokumentarischen selbst präsent sein? Haben Filmschaffende ihre Haltungen, gar Absichten offenzulegen? In „Berlino“ gibt es diesbezüglich viele Leerstellen, über die Hintergründe des Films oder die Wahl der Protagonisten erfährt man nichts, die Regisseurin bleibt verborgen. In „Köy“ hingegen kreiert Turhan durch ihre persönliche Annäherung an das Thema eine intime, selbstreflektierte Perspektive. So hört man immer wieder die Fragen Turhans aus dem Off, oder ihre Grossmutter, die sie direkt anspricht und sagt, „Serpil, was soll man machen“. Leider werden die sich durch den Vergleich der beiden Filme entstehenden Fragen während des Abends nicht mehr aufgegriffen, der Fokus bleibt wohl auch wegen ihrer Anwesenheit bei Turhan, während „Berlino“ in den Hintergrund rückt.

Billeter fragt zu Beginn nach, was der Ausgangspunkt dieser persönlichen filmischen Suche war. „Ich habe den Dialog mit anderen Betroffenen gesucht“, erklärt Turhan. Und zwar aus der Überforderung und Ambivalenz der politischen Situation in der Türkei und Kurdistan gegenüber. „Ich wollte erfahren, wie sie aus der Distanz dazu stehen“. Obwohl im Film drei verschiedene Perspektiven eingefangen sind, habe sie sich mit allen drei identifizieren und widerspiegeln können, so Turhan. Wie Billeter treffend bemerkt, wird Turhan so fast schon zu einer vierten Protagonistin.

Wie sie denn zu ihrer Position gefunden habe, will Billeter wissen. Erst habe sie Tagebuch geschrieben, was dann aber in der Montage rausgefallen sei, erklärt Turhan. „Es hatte keinen Platz, weil alles da ist, was den Film ausmacht.“

Ebenfalls nicht inszeniert sind die Gespräche mit Neno, Saniye und Hêvîn – im Gegensatz zu „Berlino“, wo die Protagonisten grösstenteils stumm und teilweise sichtlich verlegen gezeigt werden, während sie im Voicover zu hören sind. Als erstes hätte Turhan sich jeweils Zeit genommen, einen Ort zu finden, wo sich alle wohl fühlten, sagt sie. Sie habe ohne Druck arbeiten wollen, damit die Gespräche aus dem Moment heraus entstehen konnten. Auch die Kamerafrau, Ute Freund, sei Teil des Dialogs gewesen. Turhan habe eng neben ihr gesessen, um eine ideale Blickachse zu ermöglichen. An einen Leitfaden glaube sie nicht.

Aus dem nicht den Saal füllenden, aber interessierten Publikum werden anschliessend zwei Fragen an Turhan gerichtet: Einmal kommt die Frage nach dem harten Schnitt als stilistisches Mittel auf, und einmal nach dem Prozess, Protagonistinnen für den Film zu finden. „Ich habe mit den Jump Cuts gekämpft“, gibt Turhan zu Ersterem zu. Aber alles andere sei nicht das Richtige gewesen, habe nicht gepasst. Der Film sei in Fragmenten gebaut, schliesslich habe sie über drei Jahre mit Unterbrüchen gefilmt und aus 400 Seiten transkribierten Gesprächen ein verdichtetes Resultat haben wollen.

Und ihre Protagonistinnen hätten sie in Gesprächen kennengelernt und somit Vertrauen in sie gehabt. Während des Recherchedrehs sei zwar eine potenzielle Protagonistin aus Angst ausgestiegen, weil ihr der Film zu politisch war. „Aber die drei, die jetzt im Film sind, wollten das, da hat sich die Frage gar nicht mehr gestellt.“

Zum Schluss des Podiums will Billeter wissen, was die drei Protagonistinnen heute machen. „Hêvîn hat ein Engagement an der Schaubühne bekommen und Saniye hat ihre Sehnsucht erfüllt, einmal alle Jahreszeiten im Dorf zu erleben“, antwortet Turhan. Unterdessen wohne Saniye aber wieder in Berlin, wo sie als Pädagogin arbeite. Und ob sich ihre persönlichen Fragen geklärt hätten? „Ich habe mich weiterentwickelt, manches ist entspannter“, sagt Turhan. Somit unterstreicht die Regisseurin einmal mehr ihr über das autobiografische hinausreichende persönliche Betroffensein – der Film war eben nicht nur für ihre Protagonistinnen, sondern auch für sie eine Suche ohne vorhersehbaren Ausgang. Das Zürcher Publikum scheint auf jeden Fall damit zufrieden zu sein, einen Abend lang mit Turhan und ihrer Suche verweilt zu haben.

 © Noel Ortiz
© Noel Ortiz