Film

Berlino
von Valeska Grisebach
DE/AT 1999 | 25 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 23
05.11.1999

Diskussion
Podium: Valeska Grisebach
Moderation: Volker Heise
Protokoll: Torsten Alisch

Synopse

Italienische Immigranten in Berlin. Das Geld ist knapp, die Wohnverhältnisse kärglich. Es ist die Geschichte von einsamen Espressi und langen Ferngesprächen. Und warum in aller Welt ist der Wein auf dem Weihnachtsmarkt glühwarm? Gute Frage eigentlich.

Protokoll

Berlino gewinnt seine Qualität aus den spärlichen Produktionsmitteln, die Valeska Grisebach zur Verfügung standen: geschenktes 35mm-Filmmaterial (etwa 2 1/2 Stunden) und minimale Unterstützung durch Filmhochschulen – wenig Material zwingt zur sparsamen Reduktion, sagt jemand.

Die Interviews sind zuerst entstanden, später erst die filmischen Porträts (bei denen die Protagonisten nicht den Text ihrer Interviews hörten). Griesebach wollte die direkte Rede durchbrechen, die direkte Erzählung vermeiden. Durch Off-Interviews entstehen konzentriertere Bilder, wird betont, eine filmische Argumentation: Die Menschen re-inszenieren sich in ihren eigenen Räumen.

Deutlich werde der fiktive Moment im Dokumentarfilm – wenn Leute auf die Kamera reagieren: Die Protagonisten konnten vor der Kamera machen was sie wollten. Nur bei zwei Szenen gab es eine An-Inszenierung, Grisebach hat hier „etwas nachgeholfen“: Die Glühwein-Szene mit weinkritischem Diskurs und die Aufnahmen im Wohnzimmer, als die Protagonisten sich gegenseitig ihre Geschenke zeigen.

Die Szene in der Telefonzelle hatte fast schon Spielfilmdramaturgie, wird gelobt. Die Frau des Protagonisten wusste, dass dieses Gespräch aufgenommen wird. Solche Telefonate gehören zum Alltag von Gastarbeitern – und das lange Reden übers Geld gehört dazu.

Ökonomie im Film (wie im Leben).

Der Zeit neben der Arbeit gilt das Interesse der Filmemacherin. (Ein Film über die Arbeit wäre ein anderer Film geworden). Der Film zeigt, wie Heimat ins triste Leben hereingeholt wird, aber auch wie gross die Welt und wie allein man darin sein kann. Die Männer entkommen ihrer festgefügten Ordnung, aber landen dann in der Langeweile eines unwohnlichen Containers.

Die Geografie Berlins in diesem Film: eine Tankstelle, eine Telefonzelle, ein Weihnachtsmarkt und ein Wohnzimmer – (eventuell noch eine Baustelle, die grösste Baustelle Europas auf dem Potsdamer Platz, aber die wird selbst von Giovanni, der nur wenige Meter neben dieser Baustelle arbeitet, nicht wahrgenommen).

Den Eindruck unglaublicher Verlorenheit hat ein Zuschauer, als kämen fremde Wesen vom Mars und entdeckten die Seltsamkeit des Glühweins. Zeit verbringen wird gezeigt, und es gelingt etwas, was im Film immer schwer darzustellen ist: Die Langeweile filmen, ohne langweilig zu werden.

Der Film-Titel: Im Gegensatz zum DokFilmgros, wo ellenlange Titel auf ihr Sujet weisen, reicht hier die Verfremdung durch einen angehängten Vokal, um aus der deutschen Hauptstadt ein kaltes, tristes Exil zu machen.

Inhaltliche Aspekte wurden erörtert: Die Arbeiter dieser Kolonne kommen alle aus der Nähe von Lecce und arbeiten in Deutschland für italienische Firmen, in denen ein sehr hierarchisches System herrsche. Um 5 Uhr aufstehen, 12 Stunden Arbeit und den Rest des Abends im Wohncontainer verbringen.

Schwierigkeiten beim Dreh gab es auf Baustellen (von den erschlichenen Aufnahmen ist dann aber keine in den Film gelangt) und ab und zu in den Wohnzimmern, wenn ein Teil der Gruppe den Filmaufnahmen zugestimmt hatte, aber der andere Teil dagegen war.

Wie kann man als Frau in solch unglaublich hermetische Männerwelten eindringen? Wen lassen die zu? War das Frau-sein ein Vorteil bei den Aufnahmen? Valeska Grisebach fühlte sich oft als Neutrum und hat die „herberen“ Seiten der Dreharbeiten ignoriert. Männliche Mutproben wie Trinkrituale und Peperoni-pur-Essen musste sie allerdings mitmachen, um akzeptiert zu werden. Mich interessieren solche Männerwelten, sagt sie.

Was dem Film fehlt, macht seine Stärke aus: Es wird nicht „rumgekumpelt“ (wie oft in Dokumentarfilmen, wo der Macher zum verständnisvollen Freund wird), es gibt nicht diese schmierige Solidarität mit den Porträtierten, und der Film zeigt, das man sich letztlich doch fremd bleibt.