Extra

Wie (sich) produzieren?

Duisburger Filmwoche 21
12.11.1997

Podium: Marcel Hoehn, Erich Lackner, Thomas Kufus, Fosco Dubini, Susanne Freund, Christoph Schaub
Moderation: Didi Danquart, Mike Wiedemann
Protokoll: Torsten Alisch

Teil I: Produzenten und Autoren – Neue Kooperationen, neue Arbeitsteiligkeiten?

Protokoll

Dokumentarfilm-Produzenten sehen sich als Partner von Autoren und Regisseuren und wollen – mit ihnen zusammen – Produkte erstellen, die auch an der Kinokasse Erfolg haben können. Autoren und Regisseure wünschen sich starke Produzenten, die ihre Filme finanziell und rechtlich realisieren, und die, wenn möglich, Gelder für Recherchen und Vorarbeiten zur Verfügung stellen können.

Fosco Dubini (vorwiegend als eigener Produzent seiner Filme – u.a. „Klaus Fuchs-Atomspion“ & „Jean Seberg“ – tätig) beschrieb die Entwicklung der Dokumentarfilmproduktion seit Ende der 70er Jahre als diese entweder als „normale“ Fernsehproduktionen oder als „alternative“ Gegenöffentlichkeitsfilme/-videos (ohne eigentlichen Produzenten) entstanden. Erst mit dem Aufkommen der Länderfilmförderungen in Harnburg und NRW Anfang der 80er Jahre mit ihren immer komplizierter werdenden Antragsvoraussetzungen (bis hin zu europäischen Förderungen, die selbst für erfahrenere Produzenten kaum durchschaubar sind), entstand die Notwendigkeit einer Spezialisierung zum Dokumentarfilm-Produzenten. Konnte man vorher nur einen fertigen Film verkaufen oder einen Vertrag mit einer Fernsehanstalt abschließen, so wurde es jetzt möglich, im voraus Geld für einen Dokumentarfilm zu erhalten, wofür man sich allerdings in rechtlichen und finanziellen Fragen stärker spezialisieren mußte. Heute nun, mit den verschiedensten Möglichkeiten der Coproduktionen (mehrere Fernsehanstalten unter Beteiligung von Länder· und bundesweiten Filmförderungen) fühlt sich Fosco Dubini in einem System gefangen, das von Funktionären beherrscht wird. Die Funktionäre üben Macht aus, weil sie die Kontakte (zu potentiellen Geldgebern) haben.

Christoph Schaub (schweizer Autor) hat solche Probleme nicht, sondern sieht die Vorteile bei der Arbeit mit dem (für den jeweiligen Film) „richtigen“ Produzenten in der Arbeitsentlastung von finanziellen und rechtlichen Fragen. Schaub wünscht sich ausdrücklich große und starke Produzenten als Partner, weil sich nur so ein wirklich erfolgreicher Film erstellen läßt. Auch ist der Produzent als Co-Autor der einzige, der einen Film bei der Entstehung wirklich kritisieren könne, weil er als einziger in (finanzieller) Verantwortung stehe.

Susanne Freund (seit 1984 im Filmbereich tätig, seit 1990 Buch und Regie) führte die etwas andere Situation in Österreich vor allem darauf zurück, daß es dort keine Tradition von Autorenproduzenten gebe. Sie selbst habe das zwar bei ihren ersten beiden Filmen gemacht, aber nur aus der Not, sich keinen Produzenten leisten zu können.

Erich Lackner (österreichischer Produzent mit Lotus-Film, u.a. Ulrich Seidl-Filme und „Am Rand der Welt“) begann als „Rucksackproduzent“ mit viel Unkenntnis, Rechtsunsicherheit und urheberrechtliehen Verstößen. Der Produzentenseite müsse klar sein, daß sie es sind, die für einen Film die finanzielle Verantwortung tragen: Der Produzent garantiert in den Verträgen mit Förderungen und TV~Anstalten, daß am Ende wirklich ein fertiger Film entsteht! Jeder Film ist ein wirtschaftliches Gut, daß auch mit entsprechendem Know-How hergestellt und verkauft werden muß. Produzenten müssen dazu mit Autoren und Regisseuren kreativ zusammenarbeiten, und nur ein guter Produzent kann ein Thema nach außen hin verkaufen.

Thomas Kufus (vom Autor zum Produzent, mit eigenen Filmen wie „Mein Krieg“ und ab 1990 mit der Firma „Zero-Film“ Produzent von u.a. „A Tickle in the Heart“) lehnt Autoren ab, die mit der naiven Vorstellung von „Bitte produziere das mal für mich“ zu ihm kommen. Autoren sollten am besten schon eine „Anfinanzierung“ mitbringen, denn in dem Moment, wo das erste Geld da ist, investieren andere (Anstalten oder Förderungen) viel eher etwas in ein Projekt. Diese „Anfinanzierung“ kann auch ein Kontakt zu einem Fernsehredakteur sein, mit dem der Autor schon anderweitig zusammengearbeitet hat. Da Autoren I Regisseure sich finanziell einbringen müssen, werden anschließend „interne Coproduktionsverträge“ geschlossen, die Kompetenzen offenlegen und Rechte klären. Als Produzent von Dokumentarfilmen – im Gegensatz zum Spielfilm eine relativ intime Angelegenheit von nur wenigen Leuten – ist es für Kufus selbstverständlich, daß er ein inhaltliches Mitspracherecht ausübt.

Marcel Hoehn (ausschließlich Produzent mit „T&C-Film“, u.a. „Die.Schweizermacher“, produziert eine gleichrangige Anzahl von Spiel- und Dokumentarfilmen) vertritt das Prinzip der „absoluten Freiwilligkeit“: Autoren, die einen Buchhalter suchen, sind bei ihm an der falschen Adresse. Hoehn sucht Autoren, die einen Partner zur Herstellung eines Films brauchen. Die „Abhängigkeit“ der Autoren von Produzenten ist für Hoehn absolut sinnvoll: Warum etwa soll sich ein Autor um Fragen der Distribution kümmern. Produzenten sollten Autoren von finanziellen und rechtlichen Fragen entlasten.

In aller Regel beginnen die Dreharbeiten, wenn ca. 80% des Etats finanziert ist. Der Autor kann dann seinen Film machen, für den Produzenten ist noch nicht klar, ob er die fehlenden 20% (i.a.R. Rückstellungen) noch finden kann: Die Produktionsfirma würde dann umsonst arbeiten (was vielleicht einmal passieren, aber nicht die Regel sein darf).

Erich Lackner auf die Frage der Autoren „Wo bleibt der Autor?“: Wenn wir einen Film produzieren, dann wollen wir doch die Geschichte des Autors realisieren. Natürlich verändert sich im Laufe der Monate (teilweise 1 ½ Jahre) – gerade im Dokumentarfilm – oft die Geschichte.

Susanne Freund wünscht sich Produzenten, die wie Galeristen in der Bildenden Kunst arbeiten: Produzenten, die sich auch nach Fertigstellung des Films noch um die weitere Distribution und Verkäufe kümmern. Sie selbst hat von ihren Produzenten bisher nichts über Verkaufszahlen erfahren. Außerdem fordert sie von Produzenten im vorhinein Geld für Recherchen, die bisher von den Autoren aus eigener Tasche bezahlt werden (auch eine Art finanzieller Vorleistung der Autoren).

Christoph Schaub fordert Produzenten, die in der Lage sind, auch außerhalb der üblichen Film- & Fernsehförderung Geld aufzutreiben. Er wünscht sich Produzenten als Co-Autoren, denn es sind ja (zwei) autonome Leute, die freiwillig zusammenkommen, um engagiert einen Film zu verwirklichen. Produzenten sollten allerdings mehr Augenmerk auf wirkliche Gewinne und Rückflüsse setzen, statt sich mit der Begleichung von Handlungsunkosten und Produktionshonoraren zu begnügen. Nur so könnten starke Produzenten entstehen, die dann auch die von Susanne Freund geforderten Vorleistungen (für Recherchen) aufbringen könnten.

Fosco Dubini erläutert seine Vorstellung vom Filmemachen: Es gäbe eine Gruppe von Leuten, der eine macht den Ton, der andere die Kamera, und einer besorgt das Geld. Nur warum hat derjenige, der das Geld besorgt hat, dann alle Rechte am Film – und nicht derjenige der den Ton gemacht hat? Dieses „Machtgefälle“ ist für Fosco Dubini „einfach ungerecht“.

Dieser sehr naiven Vorstellung vom Filmemachen („unter Freunden“) widerspricht Erich Lackner: Eine Dokumentarfilm-Produktion muß hierarchisch sein, mit dem Autor an der Spitze. Ein Autor, der seine Vision nicht mit / gegen den Set durchsetzen kann, kann keinen (guten) Film machen.

Werner Schweizer (selbst Autor und Produzent, „Dschoint Ventschr AG“) moniert, daß bei vielen Autoren und Regisseuren noch immer die Vorstellung vom· Produzenten als Mäzen vorherrsche. Samir (ebenfalls „Dschoint Ventschr AG“) stellt klar, daß in dieser Diskussion über Filme geredet wird, für die es (noch?) keinen wirklichen Markt gibt. Es sind Regisseure, die von ihrem Ruf leben, sehr spezielle Produkte herzustellen: Sperrige Filme, die man im kommerziellen Kinomarkt kaum unterbringen kann.

Die schönen Worte Kooperation, Vertrauen, Harmonie sind an diesem Nachmittag desöfteren gefallen, aber Werner Ruzicka insistiert am Schluß auf dem bis dato gar nicht angesprochenen Thema der künstlerischen Beratung bzw. der Drehbuchdramaturgie, ob nämlich diese „neue Arbeitsteiligkeit“ nicht um richtige Dramaturgen erweitert werden sollte, wenn man erfolgreich „abendfüllende“ Dokumentarfilme herstellen wolle. Damit wissen aber weder die anwesenden Autoren noch Produzenten etwas anzufangen.

Wir freuen uns auf die nächsten beiden Nachmittage.