Duisburger Filmwoche

Film

Petermann, geh du voran
von Georg Roloff
DE 1989 | 30 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 13
17.11.1989

Diskussion
Podium: Georg Roloff
Moderation: Kai Gottlob
Protokoll: Michael Kwella

Protokoll

Kai Gottlob eröffnete das Gespräch mit einem Zitat aus einer Lubitsch-Kritik: „Lachen ist er unmittelbarste und ehrlichste Weg der Erkenntnis“··- und demnach hätte man soeben im Kino einiges erkennen können…

Georg Roloff: Angefangen habe alles mit dem Schock, daß der Affe nicht mehr lebe; gerade vor ein paar Tagen noch hätte er ihn gesehen gehabt, und dann sei er erschossen gewesen,das habe den Schock noch verstärkt.

Er habe später Stephan Arnold kennengelernt und in der Kneipe hätten sie eine Spielfilmidee ausgebrütet; der Film habe ein Lacher werden sollen. Doch während der Recherche und insbesondere~als sie Jane Goodall kennengelernt hätten, habe sich das ganze zu einer ernsthaften Angelegenheit entwickelt – und bei so manche: r Information sei ihnen ein Kloß im Hals steckengeblieben. Sie hätten durchaus Schwierigkeiten gehabt, die komischen Momente beizubehalten; aber die seien zwangsläufig geblieben und das wäre auch gut so.

Auf der Zuschauerseite stieß der Film u.a. auf Gefallen, weil er so augenzwinkernd daherkäme und nebenbei allerlei Manierismen und Unarten des Dokumentarfilms ironisiere. Nachall den schweren Filmen des Tages habe man sich gut amüsieren können.

Von anderer Stelle wurde dem Film ein leichter Vorwurf daraus gemacht: Er lebe auch von jenem Anthropomorphismus, den er kritisiere; es ginge doch offenbar nicht um Aufklärung, sondern um Amüsement.

Georg Roloff: Man könne die Geschichte von Petermann nur verstehen, wenn man erst einmal mitlache. Nur würde einem schließlich das Lachen gefrieren, wenn man erfahre, wie intelligent Schimpansen wirklich seien und wie sehr sie uns ähnelten.

Positiv angemerkt wurde, wie der Film mit unseren Vorurteilen und Erwartungen gleichsam spiele, wie er sehr unterschiedliche Ebenen ebenfalls spielerisch vermenge, um dann mit einem – die Bezeichnung sei nicht negativ gemeint – pädagogischen Gestus einherzukommen.

Georg Roloff: Das menschliche Verhältnis zu Affen spiegele etwas von einer verlorenen Sehnsucht. Er gehe davon aus, daß die Arten sich irgendwann getrennt und:die Affen ganz klar und gesagt hätten: 11Wir wollen nicht dahin, wo Ihr hingeht!“

So trocken wie dieses Protokoll war das Gespräch durchaus nicht, nur sieht sich der Protokollant nicht in der Lage, ßie fast ausschließlich durch Situationskomik geprägte Atmosphäre wiederzugeben. Auf dem Hintergrund von Gelächter und Juxerei war es Werner Ruzicka wichtig, die Qualitäten des Films herauszustreichen:

Es sei ein Phänomen, daß die Menschen mit dem Affen, wenn er geschlechtsreif werde, nicht mehr umgehen könnten. Sie würden dann wie von einem verlorenen Sohn reden, der unartig geworden sei. Die Pubertät wäre eingetreten – und Petermann plötzlich zum Tier geworden. Die Tierwerdung eines Kuschelelementes erschien dann nicht mehr tragbar. Aber dies würden die Filmemacher nicht beschreiben wie Sielmann, der mit tiefer und anrührender· Stimme formulieren würde: „Auch der Affe ist ein Tier…“, würden sie nicht abhandeln als theoretisches Lehrstück. Gleichwohl spräche der Film unser Verhältnis zu Affen an, Fragen der Zoopädagogik, typische Kölner Obsessionen etc. – also verschiedene Ebenen, die sehr gut organisiert und miteinander verwoben seien. Der Film sei gelungen, ~eil das Lachen zur Nachdenklichkeit führe.

Der Film gäbe eine Situation zurück, die der Mensch auf die Tierwelt projeziere, um in ihr menschliche Verhaltensweisen zu entdecken. Er spiegele die Sehnsucht nach etwas Kreatürlichem, das uns verweigert werde; wir würden mit 12 Jahren manierlich, der Affe unmanierlich. Aber wir hätten uns nun einmal für getrennte Wege entschieden und müßten das endlich akzeptieren.

Ein Zuschauer: Bei ihm habe sich während des Films der Eindruck verdichtet: Kann denn das, darf denn das wahr sein? Da säßen die Zoodirektoren – die Professores! – vor der Kamera und erzählten einen ungeheuren Scheiß, ein~r mehr als der andere, wo sie doch wider besseres Wissen das Falsche täten! Das sei so borniert, so jenseits allen Realitätsbezugs und laufe auf ein Symbol für die gigantische Dummheit in dieser Welt hinaus.

Georg Roloff: Zoodirektoren seien die Chefs über hunderte von Tieren und wüßten zum Teil gar nicht, womit sie es da im einzelnen zu tun hätten.

Eine Zuschauer in: Ein schönes Detail sei übrigens bei dem Interview des einen Zoodirektors zu verzeichnen: Im Hintergrund erscheine nach einem Schnitt statt des Bildes eines Kranichs eines mit einem grinsenden Schimpansen; man würde sich sofort mit diesem identifizieren und merken, daß man sich lieber in ihn hineinversetze als in den Kopf, der all diesen Schwachsinn von sich gäbe, den Zoodirektor…

Abschließend beantwortete Georg Roloff noch einige Fragen zur Herstellung des Films: Sie hätten ungefähr zwei Jahre an dem Thema gearbeitet, die eigentliche Produktionszeit habe mit Unterbrechungen ein Jahr betragen.

Die noch im Zoo arbeitenden Wärter wären nicht unbedingt offen bei den Interviews gewesen – aus Angst, denn im Zoo würden nicht gerade demokratische Verhältnisse herrschen. Die pensionierten Wärter hätten gerne erzählt, allerdings meist schöne Erinnerungen.

Sie hätten mehr Zeitzeugen befragt, als im Film zu sehen sind, jedoch die ausgesucht, die tatsächlich etwas zu sagen hatten.