Duisburger Filmwoche

Film

Heimkinder
von Gisela Tuchtenhagen
DE 1986 | 60 Min.

Screening
Duisburger Filmwoche 10
1986

Diskussion
Podium: Gisela Tuchtenhagen, Eckart (Erzieher), Christiane (Erzieher), Barbara Metzlaff (Kamera-Assistenz), Klaus Rosentreter (Ton), Tarkan (Kind aus dem Film)
Moderation: Dietrich Leder
Protokoll: Michael Kwella

Protokoll

Eröffnet wurde das Gespräch mit der Zuschauer-Frage, ob es sich bei dem ReiseProjekt um ein einmaliges Experiment handele oder ob es wiederholbar, auch ohne Film möglich se i.

Tuchtenhagen: Das Projekt habe mit dem Film überhaupt nichts zu tun, die Filmarbeiten seien rein begleitend gewesen.

Eckart: Es habe bereits vorher Versuche und Vorläufer in dieser Richtung gegeben. Sie würden so etwas gerne weitermachen, aber das Reiseprojekt sei erst einmal abgeschlossen. In Harnburg sei es bei der Bevölkerung ein umstrittenes Thema („Vergeudung von Steuergeldern“), also im Moment nicht weiter durchsetzbar. Sie würden gerne vergleichbare Projekte entwickeln, nur sei die Konzeptionsphase notwendigerweise sehr lang, ein staatlicher Betrieb ließe solcherlei ungerne zu. Außerdem brächten die (am Tag des Gespräches stattfindenden) Hamburger Wahlen Unwägbarkeiten bis hin zum Wechsel des Dienstherren mit sich.

Doch letztlich würden auch Einzelprojekte wie das im Film gezeigte etwas bewirken. Vor sieben Jahren schien die erste Reise nach Griechenland (noch ohne Schulbetrieb) schier undenkbar – inzwischen jedoch seien verschiedene bürokratische Hemnisse nicht mehr gegeben und würden andere Sozialarbeiter Vergleichbares realisieren. Eine ungeheure Belastung bei derartigen Projekten sei allerdings der Erfolgszwang: Fehler dürften nicht vorkommen, sonst würde Weitergehendes verhindert.

Die Filme böten ihnen wie anderen die Chance, über einzelne Problempunkte genauer zu diskutieren. Doch auch die Filmarbeit selbst wäre für sie von Bedeutung gewesen: Gisela Tuchtenhagen sei für sie ein Diskussionspartner von außen gewesen, für die Kinder habe das Filmen die Möglichkeit geboten, endlich einmal auch im Mittelpunkt stehen zu können. Gisela Tuchtenhagen sei Entlastung gewesen, weil sie sich immer auch als Sozialarbeiterin verstanden hätte.

Die Arbeit mit der Kamera hätte sich an keinem Punkt als Einfluß bemerkbar gemacht.

Die durch den Film hergestellte Öffentlichkeit des Projekts habe vor allem gute Seiten: Anfangsecke progressive Arbeit stets an, doch der Film bewirke ein positives Feedback von außen und erleichtere mithin die Diskussionen im Amt.

Sie könnten sich gut vorstellen, das Medium Film (oder auch Video) im Rahmen ihrer Arbeiteinzusetzen, nur fehle ihnen bis dato der Zugang dazu.

Tuchtenhagen: Zu dem Film sei sie über den Jahreskalender des Johannes Petersen-Heimes gekommen, den ihr Klaus Wildenhahn geschenkt habe [beide haben früher zusammengearbeitet]. Die Sprache des Ka lenders hätte ihr gelegen, sie hätte im JPH angerufen, Eckart habe zufällig „Emden geht nach USA“ [Wildenhahn/ Tuchtenhagen] gekannt , die Erzieher und sie h~tten zueinander gefunden, IJie eine NDR-Redaktion habe das Projekt abgelehnt,9 1tte ~dfrüber erfreut gewesen und habe es übernommen sowie in seiner Länge ermöglicht.

Eine Zuschauerin: „Der Film hat etwas Wesentliches gezeigt: Die Liebe und Zuneigung, mit der die Erzieher an ihre Arbeit gehen. Das muß für die Kinder ein wesentliches, ein e inschneidendes Erlebnis gewesen sein. Ic._.h bin sehr berührt von der Energie und dem Einsatz der Erzieher – und auch von der Solidarität der Kinder untereinander. Ich kann dafür nur meine Anerkennung aussprechen.“ (intensiver Beifall)

„Begreift Ihr euch eigentlich als ‚Erzieher‘ – und lebt ihr mit den Kindern zusammen?“

Eckart: Sie suchten ein Haus zum gemeinsamen Leben, doch gestalte sich das schwierig, weil es um Lebensraum für etwa 20 Leute ginge, zudem ein Eigenkapital von 20 – 30 % aufgebracht werden müßte.

Allerdings seien Reisesituationen die besten – da würde vieles leichterhand klappen. Zuhause würde es beständig Randprobleme geben, die in großem Maß ihren Ursprung außerhalb des Hauses hätten – solcherlei reduziere sich durch die Reisesituation, gleichzeitig gäbe es wesentlich mehr Zeit, über die einzelnen Probleme zu reden. Und nicht zuletzt würden die Kinder auf einer Reise zur Ruhe kommen, Gespräche wären von daher viel eher möglich und fruchtbar. Danach würde man besser zusammen leben können, während der Reise habe sich schließlich etwas entwickelt. Die Arbeit auf der Reise sei zwar belastend, aber Qs hat auch etwas geklappt. Zudem ginge die Schulstruktur daheim nicht auf die individuelle Biografie der Kinder ein – auf einer Reise aber wäre das möglich.

Christiane, auf die Frage nach der Durchschaubarkeit der Strategien von Pädagogen, die bei Jugendlichen sowieso „unten durch“ seien, auf Reiseprojekten: Alle Beteiligten müßten aus ihren üblichen RoHen herausschlüpfen, auch die Erwachsenen. Die alten Rollen in diesem ungewohnten Kontext zu spielen, hi eße zwangsläufig, sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Gerade die Erwachsenen müßten auf ihre üblichen Krücken verzichten und sich auch klein zeigen können – wobei sie viel lernen würden. Kinder seien da schneller: ehrlich. Man müsse auf die Sicherheit von Rollen verzichten können, stattdessen-etwas Neues finden – und genau dies schaffe auch wieder eine Stärke.

Über die „Effizienz“ ihrer Arbeit machen sich die Erzieher keine . Illusionen. Daß zwei der Kinder im Knast sitzen, daß sie einige aus den Augen verloren haben, sieben den Hauptschulabschluß schaffen und danach eine Berufsausbildung anfangen konnten, ist für sie nüchterne Bilanz. Sie haben nicht den Anspruch, bei Kindern, die mindestens sechs Jahre in Heimen verbrach~ haben, binnen zweier Jahre deren Biografie aufzuarbeiten. Mit allen Erreichbaren noch im Gespräch zu sein: das ist für sie erfolgreiche Arbeit.

Mit der inzwischen wieder „abgestürzten“ Astrid machen sie nicht weiter – sie haben wieder neue Kinde r, kleinere. Das Chaos von Sozialarbeit.

Während des Gespräches merkte eine Zuschauerin ihre Schwierigkeiten mit der Situation an: Gisela Tuchtenhagen hätte einen Film gedreht, doch sie, die Rednerin, habe nur Fragen an die Erzieher. Das sei für Gisela doch blöde ••• “ Tuchtenhagen: „Das ist doch das beste, was passieren kann.“

Später wurde auf die filmische Qualität der „Heimkinder“ trotzdem noch einmal eingegangen. „Die Bescheidenheit von Gisela in allen Ehren, aber … “ – der Film habe einem die gezeigten Personen sehr nahe gebracht – jetzt säßen einige von ihnen auf dem Podium und man rede mit ihnen wie Leuten, die man kenne. Es sei eine Kunst, Menschen und Menschlichkeit im Film zu zeigen; das Können, Menschen so ins Bild zu setzen, daß sie sie selber blieben, sei e ne seltene Qualität.